Schluss mit der quälenden Eifersucht

Interview mit Prof. Dr. Harald Oberbauer

Gesellschaft | ML mona lisa - Schluss mit der quälenden Eifersucht

Ständige Kontrolle, Misstrauen, Vorwürfe – Wolfgangs Eifersucht vergiftet die Beziehung, bis seine Frau sich schließlich entnervt von ihm trennt. Was also tun, gegen das übermächtige Gefühl?

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 02.04.2017, 00:00

Ständige Kontrolle, Misstrauen, Vorwürfe – Wolfgangs Eifersucht vergiftet die Beziehung, bis seine Frau sich schließlich entnervt von ihm trennt. Was also tun, gegen das übermächtige Gefühl?

Die Eifersuchts-Ambulanz

Prof. Dr. Harald Oberbauer ist Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und Neurologie an der Uniklinik Innsbruck. Als Leiter der dort seit 15 Jahren eingerichteten Eifersuchts-Ambulanz hat er viel Erfahrung auf dem Gebiet gesammelt. Für ML mona lisa beantwortet der Experte Fragen zum Thema Eifersucht.

ZDF: Warum ist Eifersucht so ein starkes und zerstörerisches Gefühl?

Prof. Dr. Oberbauer: Eifersucht kann ein zerstörerischer Gefühlscocktail sein aus Hass, Wut, Verzweiflung, Unsicherheit. Da geht es rund in der Gedankenwelt. Das kann zu großen Schwierigkeiten führen.

ZDF: Wie würden Sie Eifersucht definieren?

Prof. Dr. Harald Oberbauer
Prof. Dr. Harald Oberbauer Quelle: ZDF

Prof. Dr. Oberbauer: Krankhaft ist Eifersucht dann, wenn meine und/oder die Lebensqualität des Partners beeinträchtigt ist durch zum Beispiel Misstrauen, ständiges Kontrollieren, und eben die Unsicherheit, werde ich betrogen, werde ich es nicht, bin ich der Einzige, bin ich es nicht. Eifersucht an sich ist nichts Krankhaftes, das ist oft das Salz in der Suppe. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Eifersucht ein Phänomen ist, das fast alle Menschen in irgendeiner Form kennen. Die verschiedenen Stadien gehen von der gesunden, sogar beziehungsfördernden Eifersucht über die krankhafte Eifersucht bis hin zum Eifersuchtswahn als Spitze des Eisbergs.

ZDF: Woher kommt Eifersucht?

Prof. Dr. Oberbauer: Es kann schon das mangelnde Selbstwertgefühl ein Grund der pathologischen Eifersucht sein. Wir in unserer Ambulanz gehen primär davon aus, dass diese krankhafte Eifersucht immer auf dem Boden einer Basisstörung passiert. Diese Basisstörung kann sein: Gemindertes Selbstwertgefühl, Depressionen, Angst, Alkoholerkrankung, Hirnabbauerkrankungen. Wir sehen es als Aufgabe unserer Ambulanz, zuerst die Basisstörung herauszufiltern und diese auch einer Behandlung zuzuführen.

Oft erzählen Leute auch von einer gewissen Wiederholung. Sie kennen die Eifersucht schon von früher, wenn zum Beispiel ein jüngeres Geschwisterchen nachfolgt. Es gibt auch Patienten, die mir erzählen, dass sie immer wieder betrogen wurden und sich fragen, warum es jetzt in der Beziehung anders sein soll. Es ist also auch viel Gelerntes oder Erlebtes dabei.

ZDF: Es gibt Menschen, die von sich behaupten, sie sind überhaupt nicht eifersüchtig …

Prof. Dr. Oberbauer: Diese Menschen sind mir auch verdächtig, denn eine gewisse Eifersucht gehört auch zur Liebes- und Beziehungsfähigkeit dazu.

ZDF: Werden Ihnen zum Beispiel auch E-Mails oder Nachrichten gezeigt, wenn jemand extrem eifersüchtig ist?

Prof. Dr. Oberbauer: Diese quälende Unsicherheit treibt oft Leute zu mir her. Und viele kommen auch mit vermeintlichem Beweismaterial. Meine Aufgabe ist aber nicht die des Detektivs, und meine Aufgabe ist auch nicht, zu klären, ob ein Realbetrug stattfindet. Sondern es geht um die Frage, was macht der Gedanke oder vielleicht auch die Sicherheit eines Betrugs mit demjenigen? Mir geht es eher darum, die Gefühlswelt des Eifersüchtigen zu durchleuchten, und nicht über die Wahrheit zu urteilen oder den Wahrheitsgehalt.

ZDF: Was hat sich im Vergleich zu früher geändert?

Prof. Dr. Oberbauer: Ein wichtiger Begriff, den man im Zusammenhang mit der pathologischen Eifersucht auch immer nennen muss, ist der Begriff des “Checkings“ vom Englischen „to check“ also kontrollieren. Das ist bei sehr vielen oft wahnhaft Eifersüchtigen der Fall. Im digitalen Zeitalter ist es dies oft auch sehr einfach, durch das Abrufen von Mails oder SMS, und durch Aktivieren von Ortungsdiensten festzustellen, wo geht mein Partner hin. Ich habe ständig die Kontrolle und das macht das Leben eines Eifersüchtigen in keiner Weise leichter. Das Durchsuchen von Taschen ist sozusagen “retro“.

ZDF: Sind Männer anders eifersüchtig als Frauen?

Prof. Dr. Oberbauer: Männer sind gleich häufig eifersüchtig wie Frauen, die Ausgestaltung ist nur eine andere. Frauen suchen ein bisschen die Schuld eher an sich, neigen dann zur sogenannte Introversion, bis hin zu: Ich bin ja eh selber schuld, warum er sich eine andere sucht. Im Ausagieren sind Männer anders. Diese Gewalttaten, von denen wir leider immer wieder hören, die kommen signifikant häufiger von Männern. Im Verteidigen und im Ausagieren von dieser Ohnmacht, da reagieren Männern anders. Männer sind nicht stärker verletzt, aber Männer können stärker verletzen.

ZDF: Wie groß ist der Leidensdruck der Patienten?

Prof. Dr. Oberbauer: Es ist natürlich eine Überwindung. Bei sehr vielen ist der Gang zum Psychiater oder in eine psychotherapeutische Beratungsstelle eine Überwindung, sich zu offenbaren. Aber es ist ganz erstaunlich, wie erleichtert die Menschen oft sind, darüber reden zu können. Also ist es für mich dann auch ein Zeichen, wie groß der Leidensdruck sein muss. Es gibt durchaus auch Patienten, die bis hin zu einer suizidalen Reaktion alles zeigen, was diese Eifersucht mit ihnen machen kann.

ZDF: Ist Eifersucht heilbar?

Prof. Dr. Oberbauer: Es ist sehr gut behandelbar. Ich möchte nicht diese wenigen Beispiele nennen, wo dann quasi fast überhaupt keine Eifersucht mehr da ist. Aber es ist sehr schön für mich, wenn ich Patienten ein gewisses Werkzeug vermitteln kann, um mit ihrer Eifersucht besser umgehen zu können. Auch wenn die angesprochene Basisstörung gut behandelt wurde, sieht man sehr oft bei Patienten, dass diese quälende Eifersucht deutlich in den Hintergrund tritt, oder dass sie besser damit umgehen können. Insofern ist die krankhafte Eifersucht sehr gut behandelbar bis heilbar.

ZDF: Wie soll man sich als Partner verhalten, wenn der andere sehr eifersüchtig ist?

Prof. Dr. Oberbauer: Man braucht als Partner schon auch einen langen Atem, weil es nicht so einfach ist, wenn einem ständig misstraut wird. Ich höre von Partnern oft: Wissen Sie, mir wird sowieso nicht geglaubt, deswegen rede ich schon gar nicht mehr. Auch das ist dann ein Fehler, weil das bietet natürlich dem Eifersüchtigen noch mehr Raum für seine Fantasien: Aha, jetzt erzählt er mir gar nichts mehr, war er also wieder bei der und so weiter. Das muss man einfach bei den jeweiligen Paaren immer individuell entscheiden, inwieweit der Partner auch bereit ist, da mitzuspielen.

Meine Empfehlung für Angehörige ist, Klartext zu reden, warum sie in die Sprechstunde gekommen sind: Weil sie es nicht mehr aushalten mit den grundlosen Verdächtigungen und Kontrollen. Ich empfehle den Leuten, sowohl den Eifersüchtigen als auch vor allem den Angehörigen, immer Klarheit und keine Spielchen, nach dem Motto, es ist besser, wenn der andere das nicht weiß.

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