Der Streit ums Kind

Interview mit Ursula Rölke

Gesellschaft | ML mona lisa - Der Streit ums Kind

Als Michael und seine Frau sich trennten, war klar: beide sollten das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn behalten. Doch es kam anders: Das Kind ist in Nicaragua, der Vater hat keinen Kontakt.

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5 min
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Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 05.03.2017, 00:00

Als Michael und seine Frau sich trennten, war klar: beide sollten das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn behalten. Doch es kam anders: Das Kind ist in Nicaragua, der Vater hat keinen Kontakt. Immer wieder kommt es zu tragischen Szenen, wenn bi-nationale Paare mit gemeinsamen Kindern getrennte Wege gehen. Kehrt einer der Partner in seine Heimat zurück, beginnt nicht selten ein erbitterter Kampf um den Aufenthaltsort der Kinder. Auch Michael versuchte verzweifelt, seinen fünfjährigen Sohn nach Deutschland zurückzuholen. Doch wie er erfahren musste, ist die Rechtslage in Nicaragua, dem Heimatland der Mutter, eine andere. Aber Michael gibt nicht auf. Der Vater hofft, dass alles sich doch noch zum Guten wendet.

Ursula Rölke vom “Internationalen Sozialdienst“ in Berlin berät Familien mit Konflikten im Ausland. Für ML beantwortet sie Fragen zum Thema:

ZDF: Was sind Ihre Erfahrungen in der Beratung bei Familienkonflikten mit Auslandsbezug?

Ursula Rölke: Das sind Menschen, die sehr unter Druck sind, die haben sehr große Angst ihr Kind zu verlieren, und sind deswegen sehr verunsichert, was sie tun sollen - ob sie per Strafanzeige weiterkommen, ob sie verhandeln müssen, ob sie ihr Kind einfach zurückholen dürfen. Insofern sind sie auf der Suche nach jemandem, der sie an die Hand nimmt und hilft, eine Entscheidung zu treffen, wie es weitergeht.
Manchmal lässt sich der Konflikt einfach auflösen, und man hat eine gute Chance, dass es gut weitergehen kann. Und es gibt viele andere Fälle, wo es tatsächlich schwierig ist, eine gute Lösung auszuarbeiten, und es vielleicht tatsächlich keine gute Lösung gibt.

Ursula Rölke
Ursula Rölke

ZDF: Gibt es eine stärker werdende Neigung von ausländischen Partnern, nach der Trennung den Staat des gemeinsamen Wohnsitzes zu verlassen?

Rölke: Es gibt diese Tendenz bei Trennungen zu sagen, ich gehe zurück, was soll ich hier noch. Die Statistik sagt ganz klar, es sind sehr viel mehr Mütter als Väter, die entführen. Weil die Mutter sagt, ich gehe dahin zurück, wo ich meine Unterstützungssysteme habe.

ZDF: Wie können Sie helfen?

Rölke: Wir können dadurch helfen, dass wir den Menschen die Möglichkeit geben, zu sortieren: Wie ist ihre Situation? Was sind die verschiedenen Möglichkeiten, wie man vorgehen könnte? Wir können ihnen Ansprechpartner vermitteln für das, was sie vorhaben. Was wir nicht machen können ist, jemand rechtlich vertreten. Wir können nicht irgendwo hingehen und das Kind für den Betreffenden herausholen. Der Fokus liegt auf der Beratung.

ZDF: Wie groß ist Ihrer Meinung nach die Chance, ein Kind vom anderen Elternteil zurückzuholen?

Rölke: Das kommt stark aufs Land an. Prinzipiell kann man sagen, wenn der andere Staat einer der 93 Vertragsstaaten des Haager Kindesentführungsübereinkommens ist, gibt es ein geregeltes Verfahren, und eine gute Chance. Wenn es das nicht ist, ist es sehr viel schwieriger.

ZDF: Warum ist ein deutscher Titel nicht immer wirksam?

Rölke: Jede Entscheidung eines nationalen Gerichtes endet erstmal an den Landesgrenzen. Wir haben internationale Übereinkommen, um den Umgang mit einer Entscheidung in einem anderen Land, durch Anerkennungsverfahren, Vollstreckungsverfahren, zu regeln. Da landet man zunächst bei den Gerichten des anderen Staates und ist darauf angewiesen, dass diese Gerichte die Entscheidung des anderen Staates tatsächlich anerkennen und tatsächlich vollstrecken.
Die Frage ist auch, wie genau ist eine Entscheidung formuliert, so dass sie im anderen Land verstanden wird. Da ist der Hintergrund zum Beispiel auch, dass wir ganz unterschiedliche Sorgerechtskonzepte in der Welt haben, so dass das Verständnis von Sorgerecht, von Aufenthaltsbestimmungsrecht in der Welt eben nicht eins zu eins übernommen wird. Am anderen Ende der Welt kann darunter etwas ganz anderes verstanden werden kann.

ZDF: Was raten Sie Eltern?

Rölke: Die Mehrzahl der Fälle hat eine akute Phase, in der diese große Angst, das Kind zu verlieren eigentlich immer typisch ist. Es ist sehr wichtig, darauf zu achten, dass es um ihr Kind geht, und dass ihr Kind in jedem Fall Schaden nimmt, wenn es von einem der beiden Eltern so abrupt und so lange getrennt wird. In der Mehrzahl der Fälle gelingt es, die Eltern wieder auf diese Ebene zu bringen, ihre Ängste einzufangen, und eine gewisse Bereitschaft herzustellen, Lösungen zu finden. Es gibt die Ausreißer in denen das gar nicht geht, das ist aber die Minderheit.

Der Versuch, eine Einigung herzustellen, ist wichtig. Doch es gibt keine absolute Sicherheit, dass das wirklich funktioniert. Das ist eine Tatsache, die wir akzeptieren müssen. Wir können auch bei all unserer Beratung, bei all unserem Sortieren - welche Rechte, welche Pflichten hat jeder Elternteil, welche Regelung kann man treffen, welche Maßnahmen kann man treffen, um eine Entführung zu verhindern - keine hundertprozentige Sicherheit herstellen. Insofern ist es das Merkmal dieser grenzüberschreitenden Situationen, dass man damit leben muss, dass es diese Unsicherheit gibt, und dass man versuchen muss, das zu minimieren.

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