Was, wenn nichts hilft?

Stalking-Opfer

Gesellschaft | ML mona lisa - Was, wenn nichts hilft?

Ständige Angst: Jahrelang wurde eine Münchner Architektin von ihrem Ex-Partner gestalkt. Obwohl sie alle möglichen Maßnahmen zur Abwehr ergriffen hatte, wurde sie von ihrem Peiniger ermordet.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 01.10.2017, 00:00

Ständige Angst: Jahrelang wurde eine Münchner Architektin von ihrem Ex-Partner gestalkt. Obwohl sie alle ihr möglichen Maßnahmen zur Abwehr ergriffen hatte, wurde sie von ihrem Peiniger ermordet. Auch Christine Doering kennt das beklemmende Gefühl, ständig beobachtet, belästigt und verfolgt zu werden. In ihrem Fall konnte der Stalker verurteilt werden. Doch, was tun, wenn die Situation eskaliert und Gesetze nicht greifen?

Christine Doering spricht aus eigener Erfahrung

ZDF: Da ist eine Frau von ihrem Stalker getötet worden, obwohl Sie eigentlich alle Maßnahmen befolgt hat. Was sagen Sie zu einem solchen Fall?

Christine Doering: Es ist leider so, dass es nie eine absolute Sicherheit geben wird. Die Frau hat wirklich alles gemacht, was man ihr geraten hätte von jeder Beratungsstelle aus.

ZDF: Warum ist es so schwierig, Opfer zu schützen?

Christine Doering
Christine Doering

Christine Doering: Wir haben momentan einfach einen sehr schlechten Nachstellungs-Paragraphen, wir haben ein sehr lasches Gewalt-Schutz-Gesetz, einen sehr niedrigen Strafrahmen. Leider fehlt in der Staatsanwaltschaft und in den Gerichten oft der echte Biss, auch ordentlich durchzugreifen, wenn es zu Stalking kommt.
Die Strafen werden häufig sehr niedrig angesetzt, es wird sehr viel eingestellt, es wird häufig auch darauf verwiesen, da war mal eine Beziehung, und dann wird das in die Ecke Beziehungsstreit gesteckt. Das darf man einfach nicht machen. Insbesondere ist gerade da bekannt, dass die Ex-Partner-Stalker die brutalsten und die gefährlichsten sind.

ZDF: Wie gefährlich ist Stalking?

Christine Doering: Stalking sollte man immer als etwas Bedrohliches anschauen, wobei man wissen muss, die meisten Stalking-Fälle enden nicht in Gewalt. Dass ein Stalking-Fall tödlich endet, ist wirklich sehr, sehr selten. Man sollte es aber auf jeden Fall nicht unterschätzen. Man sollte wirklich immer vorsichtig sein, bei jedem Stalking-Fall ein Stalking-Tagebuch führen, eine Anzeige erstatten, sich Hilfe holen.

ZDF: Sie beraten Stalking-Opfer (“Stalking & Justiz“) – wie ist deren Situation in Deutschland, wie nehmen Sie das war?

Christine Doering: Die sind meistens sehr verzweifelt. Da ist wirklich alles dabei: Leute, die sagen, ich habe mich getrennt vor zwei Monaten, der lässt mich nicht in Ruhe, oder mein Nachbar ist so komisch. Leute, die wirklich noch ganz am Anfang stehen. Was leider aber auch sehr häufig ist, ist, dass Leute, die sich an mich wenden, wirklich schon alles versucht haben. Die waren schon beim Gericht, die waren schon bei der Polizei, die haben schon tausend Sachen ausprobiert. Die dann nicht mehr wissen, was sie machen sollen, weil sie einfach allein gelassen werden, von der Justiz und von der miserablen Gesetzgebung bisher.

ZDF: Was hat denn bei Ihnen letztendlich geholfen, um das Stalking zu beenden?

Christine Doering: Wir brauchen eine gute und auch harte Gesetzgebung, die es der Justiz ermöglicht, schnell und vor allem auch hart durchzugreifen. Momentan ist es ein Hängen und Würgen bis man mal irgendwas hat, wo man dann den Täter auf eine Art und Weise vielleicht verurteilen kann. Meistens kommt nichts raus. Die Verurteilungsquote liegt bei einem bis zwei Prozent und die Strafen sind extrem niedrig.
Man kann nicht jeden abschrecken, das muss einem klar sein. Es gibt auch Stalker, die kommen in Haft, kommen wieder raus, machen weiter, kommen wieder in Haft. Die hören nicht auf. Aber das ist nicht die breite Masse. Ich denke mein Fall ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass eine etwas härtere Strafe dann dazu geführt hat, dass das Stalking beendet war.

ZDF: Was muss getan werden, um Opfer besser zu schützen?

Christine Doering: Ich fände es sehr wichtig, dass man Beratungsstellen flächendeckend ausbaut, dass einfach eine Finanzierung von Seiten des Staates da ist, damit Stalking-Opfer von Anfang an beraten und begleitet werden können. Es ist einfach schwierig, zu wissen, was macht man jetzt eigentlich, welche Möglichkeiten hat man? Es müssen die Gesetze entsprechend verschärft werden, auch das Gewalt-Schutz-Gesetz braucht dringend einen höheren Strafrahmen. Die Justiz muss deutlich härter durchgreifen. Letztendlich wird es trotzdem nie eine hundertprozentige Sicherheit geben. Aber momentan wird deutlich zu wenig getan.

Frank Winter setzt auch auf Täterberatung

Frank Winter vom Verein “Täter-Opfer-Ausgleich Bremen“ berät Hilfesuchende mit Stalking-Konflikten seit vielen Jahren. Bei ML erklärt der Experte, was er von der geplanten Gesetzesverschärfung hält, und ob sie wirklich gegen Stalking helfen könnte.

Frank Winter
Frank Winter

ZDF: Was zeigt der Fall von München?
Frank Winter: Er zeigt die Ohnmacht, Hilflosigkeit aller, die sich mit Stalking beschäftigen. Und er zeigt, dass Polizei und Strafrecht auch im Zusammenspiel endgültig keine Straftaten verhindern können, und auch keine Beratung.
ZDF: Wie kann man so etwas vermeiden?

Frank Winter: Die Erkenntnis in Bremen ist, dass man mit allen Betroffenen sprechen muss. Man muss das Leid der Opfer sehen, und die Ofer gut versorgen. Getrennt davon muss man auch die Not der Täter sehen, der Beschuldigten. Auch die muss man versorgen und mit ihnen in einem Kontakt bleiben, der ihnen hilft.

ZDF: Ist die Täterarbeit eine mögliche Lösung?

Frank Winter: Stalking-Fälle sind von der Dynamik sehr komplex. Etwas bringen kann nur, in Prozess zu gehen mit allen Beteiligten, um zu verstehen, was sind die Hintergründe. Die Tötungsdelikte zeigen immer wieder, dass Menschen immer dann Tötungsdelikte begehen, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Wenn sie das Gefühl haben, sie haben alles verloren, das ist dramatisch. Wenn die Menschen keine Perspektive haben und allein mit ihrem Unheil sind, dann eskalieren häufig Gefühle und führen zu schrecklichen Taten.

ZDF: Was halten Sie von der geplanten Gesetzesänderung?

Frank Winter: Bisher muss das Opfer nachweisen, dass sich durch das Stalking-Verhalten gravierende Änderungen in seiner Lebensführung ergeben haben. Das ist nun leichter geworden, Stalking-Handlungen zu verfolgen. Ob es dazu hilft, Handlungen zu verhindern, wage ich zu bezweifeln. Jemand, der in einer seelischen Not ist, den interessiert es nicht, ob er eine einstweilige Anordnung hat, oder ob es einen Nachstellungs-Paragraphen gibt. Ob er eingesperrt werden kann. Der agiert aus einer Not heraus und ist durch das Strafrecht alleine nicht zu bremsen.

ZDF: Was halten Sie von Gefährder-Ansprachen?

Frank Winter: Gefährder-Ansprachen sind gut, weil es einen ersten Kontakt gibt, zwischen den Polizeibeamten und den mutmaßlichen Tätern. Sie helfen sofort, die gesunden Fälle von den gravierenderen Fällen zu trennen. Sie geben ein erstes Gespür dafür, ist ein Mensch zugänglich oder nicht. Die Gefährder-Ansprachen sind ein ganz wichtiges Mittel. Darauf würde ich auf keinen Fall verzichten wollen. Aber die Bestrafung wird vollkommen überschätzt von Strafjuristen. Das Problem ist auch, wenn man jemanden bestraft, irgendwann kommen sie aus dem Vollzug wieder raus. Und in dem Vollzug wird es nicht so sein, dass sich die Gefühle verbessert haben gegenüber den Geschädigten. Auch dem Geschädigten geht’s nicht besser. Weil die Angst der Geschädigten vor der Entlassung immer größer wird. Unsere Erfahrungen sind, dass man mit dem Strafrecht im Hintergrund, aber der Beratung im Vordergrund, am meisten erreichen kann.

ZDF: Wie helfen Sie Ratsuchenden?

Frank Winter: Die erfolgreiche Arbeit macht aus, dass man mit allen Kooperations-Partnern zusammenarbeitet: dem Familiengericht, der Polizei, den Ärzten und Psychotherapeuten. Viele eskalierte Stalking-Konflikte sind Ex-Partnerkonflikte, wo die Kinder zwischen alle Fronten geraten und Kinder auch immer wieder Grund sind, dass es zu Stalking kommt.
Es ist auch wichtig, den Beschuldigten ein Entlastungs-Angebot zu machen. Das sieht man daran, dass Stalker die einzige Gruppe sind, die den Rechtsanwälten der Opfer meterlange Briefe schicken oder Emails schreiben. Das zeigt, welcher innere Druck in diesen Menschen ist. Und jedes Angebot, das ihnen hilft, sich nicht an das Opfer zu wenden, ist hilfreich für die Geschädigten.

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