"Wer verzeiht, befreit sich selbst!"

Interview mit Prof. Michael Linden

Gesellschaft | ML mona lisa - "Wer verzeiht, befreit sich selbst!"

Lange konnte Ursula Buchfellner keinen Frieden machen mit den Eltern, die sie in ihrer Kindheit so verletzt hatten. Doch erst Verzeihen habe ihr ermöglicht, ein eigenes Leben zu leben, sagt sie.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 23.01.2017, 00:00

Lange konnte Ursula Buchfellner keinen Frieden machen mit den Eltern, die sie in ihrer Kindheit so verletzt hatten. Erst Verzeihen habe ihr ermöglicht, ein eigenes Leben zu leben, sagt sie.

Prof. Michael Linden ist Psychologe und Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Der Mediziner beschäftigt sich unter anderem auch mit dem Thema „Nicht-Verzeihen-Können“ und hat dabei herausgefunden, dass in der Folge bei Betroffenen eine Posttraumatische Verbitterungsstörung entstehen kann. Für ML beantwortet der Experte Fragen zum Thema.

ZDF: Was ist Verzeihen?

Prof. Michael Linden: Verzeihen hat zwei Komponenten: Einmal, mit sich selbst ins Reine kommen, und dann aber auch dem Übeltäter gegenüber die Mitteilung machen, dass man ihm vergeben hat.

ZDF: Was ist der Unterschied zwischen Verzeihen und Vergeben?

Prof. Michael Linden: Man kann jemandem vergeben, ohne es dem Gegenüber mitteilen zu müssen. Vergeben heißt zunächst nur, man schließt mit einer Sache ab. Man nagt nicht mehr dran, es hängt einem nicht mehr nach. Man denkt nicht mehr, es muss noch irgendwas geschehen, damit man die Rachegefühle los wird. Man kann wieder nach vorne schauen und nicht mehr nach hinten.

ZDF: Muss man verstehen, um vergeben zu können?

Prof. Michael Linden
Prof. Michael Linden Quelle: ZDF

Prof. Michael Linden: Um vergeben zu können, muss man nicht rechtfertigen. Vergeben ist etwas, was man mit sich selbst ausmachen muss. Beispielsweise, wenn der Partner mich betrogen hat, dann kann ich ihm vergeben. Das heißt, ich schließe mit dieser Geschichte ab, ich denke nicht mehr drüber nach. Es kommt abends, wenn ich im Bett liege, nicht mehr hoch. Und wenn ich daran denke, bekomme ich keinen emotionalen Zustand mehr. Das heißt, ich habe vergeben.
Verständnis ist keine Voraussetzung für Vergeben, erleichtert aber natürlich, sich von einem Ereignis zu distanzieren. Man kann vergeben, ohne mit dem, der Schuld auf sich geladen hat mir gegenüber, auch nur in Kontakt treten zu müssen.

ZDF: Was muss ich tun, um verzeihen zu können?

Prof. Michael Linden: Da gibt es mehrere Schritte, die man gegebenenfalls durcharbeiten muss. Der erste Schritt ist tatsächlich, dass der Betreffende zur Kenntnis nimmt, dass eigentlich er selbst unter seiner Erinnerung leidet. Deswegen muss er etwas tun, damit er seine Erinnerungen am besten los wird oder zumindest seine Erinnerung verändert.

ZDF: Was kann unter Umständen im schlimmsten Fall passieren, wenn man das nicht erkennt?

Prof. Michael Linden: Wer nicht vergibt, leidet selbst. Also man wird doppelt bestraft. Man leidet einmal unter den Folgen dessen, was passiert ist, was immer das gewesen ist. Aber man leidet darüber hinaus auch noch unter Schlafstörungen, unter schlechter Stimmung, unter Verlust der Zukunft. Das heißt, man tut sich selbst etwas an.
Man spricht von einer Verbitterungsstörung, wenn Menschen in der Erinnerung an ein negatives Lebensereignis gefangen sind und das Gefühl der Verbitterung die gesamte Gefühlswert beherrscht: Gedanken an Rache, man fühlt sich selbst schlecht. Man ist auch psychosomatisch schwer beeinträchtigt, man kann schlecht schlafen und der Antrieb ist gestört, die sozialen Kontakte werden eingestellt. Diese Menschen sind zum Teil in einem ganz furchtbar schlimmen Zustand.

ZDF: Was kann ich tun?
Prof. Michael Linden: Wenn es gelungen ist, dass man sich selbst klarmacht, dass man eigentlich sich selbst bestraft, wenn man an unguten Erinnerungen festhält, ist das der erste Schritt.
Der zweite Schritt ist dann tatsächlich, dass man versucht, auch die zeitliche Bedingtheit dessen was passiert ist, ein stückweit zu verstehen und damit auch den Geschehnissen eine neue Bedeutung gibt. Natürlich kann einem etwas Schlimmes widerfahren, aber eigentlich kann man auch froh sein zum Beispiel, wenn man es überlebt hat. Das heißt, dass man auch die Mehrdimensionalität dessen, was passiert ist und was danach gekommen ist, versteht. Und am Ende sollte stehen, dass man sich frei macht, innerlich.
Man muss in diesem Zusammenhang immer wieder drauf hinweisen, dass Vergeben nicht bedeutet, auch zu verzeihen, das heißt mit dem Gegenüber darüber zu reden. Es heißt auch nicht begnadigen. Das heißt, ich lasse von meinen Sanktionen ab. Es heißt nicht, dass man beispielsweise wieder zusammenziehen muss, also sich versöhnen muss. Diese Dinge sollte man wirklich sehr auseinanderhalten. Es ist ein Missverständnis, mit dem sich viele Menschen quälen, weil sie Angst vor Vergebung haben.

ZDF: Warum bestraft man sich selbst?

Prof. Michael Linden: Emotionen kann man nicht so leicht steuern. Wenn man einmal verletzt ist, wenn man verbittert ist, wenn man gekränkt ist, oder wenn einem Ungerechtigkeit widerfahren ist. Aber um sich emotional davon zu befreien, muss man den ersten Schritt machen und sehen, dass das eigentlich dysfunktional ist.
Patienten kommen und sagen: Nicht ich muss mich ändern, sondern die Welt oder mein Gegenüber muss sich ändern. Und da liegt das Missverständnis. Wenn ich mich selbst quäle, dann muss ich mich ändern. Sprich, ich selbst muss aufhören, mich zu quälen. Es wird nicht dadurch besser, dass ich etwas von einem anderen, von dem Übeltäter, erwarte.

ZDF: Woran merke ich, dass ich wirklich verziehen oder vergeben habe?

Prof. Michael Linden: Ich merke, dass ich vergeben habe, wenn ich nicht mehr über das Geschehene nachdenken muss, wenn sich mir keine Gedanken mehr aufdrängen, wenn ich dran erinnert werde. Die höchste Form ist das Vergessen.
Stellen Sie sich vor, Ihr Partner hat Sie betrogen und Sie würden sagen: Ich verzeihe dir, aber ich führe jetzt den Jahresgedächtnistag deiner Untreue ein und mache eventuell auch sogar noch ein Denkmal deiner Untreue im Wohnzimmer. Das wäre keine gute Idee. Vergessen ist die Höchstform von Vergeben. Erinnerung kann dazu führen, dass man die immer gleichen Fehler wiederholt.


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