Besserer Schutz für Stalkingopfer

Gesellschaft | ML mona lisa - Besserer Schutz für Stalkingopfer

Seit 2007 ist Stalking in Deutschland strafbar, doch nur in den seltensten Fällen wurden Täter bisher auch verurteilt. Die Bundesregierung möchte das ändern und so die Situation der Opfer verbessern.

Beitragslänge:
3 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 25.03.2018, 18:00

ML mona lisa zieht Resümee nach 10 Jahren Nachstellungsparagraph §238 StGB und wirft einen Blick darauf, was sich Betroffene von der Neufassung des Paragraphen erhoffen. ML mona lisa hat mit Wolf Ortiz-Müller, Psychologe von Stop Stalking Berlin e.V. darüber gesprochen.

ZDF: Herr Ortiz Müller, seit 2007 gibt es nun das Nachstellungsgesetz, wie ist Ihr Fazit?

Wolf Ortiz Müller: Die Einführung des Nachstellungsgesetzes war ein ganz wichtiger Baustein für den Opferschutz, auch für den Schutz von Frauen vor Gewalt. Es ist aber wichtig zu betonen, dass beim Stalking auch Männer zu Opfern werden und Frauen zu Täterinnen.

ZDF: Was hat das Gesetz bewirkt?

Wolf Ortiz-Müller, Stopp Stalking Berlin
Wolf Ortiz-Müller, Stopp Stalking Berlin Quelle: ZDF

Ortiz-Müller: Das Gesetz hat im Wesentlichen eine Norm verdeutlicht. Es war ganz wichtig, dass die Gesellschaft ein solches Verhalten nicht als Kavaliersdelikt akzeptiert, sondern der Staat auch dort versucht, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen. In so einem Kernbereich des Strafrechtes, in dem es um die persönliche Lebensgestaltung geht, ist das notwendig. Der Grund, warum wir jetzt schon nach zehn Jahren ein neues Gesetz haben, liegt ganz einfach an den vielen Menschen, die unzufrieden hinterlassen wurden. Das Instrument der Strafverfolgung hat ja nur in geringem Umfang gegriffen und die Opferverbände haben das zu Recht beklagt.

ZDF: Die Novellierung dieses Stalking Paragraphen ist seit Februar fertig. Finden Sie die Verschärfung wirklich ausreichend?

Ortiz-Müller: Keine Strafverfolgung ist ausreichend. Es ist immer eine notwendige Bedingung, aber nie hinreichend. In unseren Augen kommt es für den Opferschutz viel mehr darauf an, dass den Opfern und den Tätern und Täterinnen konkrete Angebote gemacht werden. Opfer brauchen jemanden, der ihnen zuhört und die Situation sowie bestimmte Schutzmaßnahmen durchgeht. Genauso haben die Täter einen Bedarf nach Beratung und nach Unterstützung, um mit dem Stalking aufzuhören. Unserer Erfahrung nach ist das Opfer erst wirklich nachhaltig geschützt, wenn der Täter von ihm ablässt.

ZDF: Was genau bietet das neue Gesetz, um Täter zu stoppen?

Ortiz-Müller: Bisher musste das Opfer durch einen Umzug oder durch einen Wechsel des Arbeitsplatzes nachweisen, dass es schwerwiegend in der Lebensgestaltung beeinträchtigt wurde. Mit dem neuen Gesetz soll auch ein Opfer, welches vielen zudringlichen Verhaltensweisen ausgesetzt ist und nicht umzieht oder den Arbeitsplatz wechselt, dennoch geschützt werden. Also schon wenn die Taten dazu geeignet sind, die Lebensgestaltung schwerwiegend zu beeinträchtigen, lässt die Strafverfolgung im neuen Gesetz mehr zu.

ZDF: Wie beurteilen Sie den Schutz für Stalking Opfer in Deutschland?

Ortiz-Müller: Wenn man auf einer Landkarte für Deutschland die vorhandenen Beratungsstellen visualisieren würde, dann gäbe viele weiße Flecken. Bei den Beratungsstellen für die Täter wäre fast das ganze Land weiß. Das ist sehr unbefriedigend, denn auch Täterarbeit ist Opferschutz.

ZDF: Ist die Stadt Bremen mit dem Stalking-KIT ein Vorzeigemodell für die ganze Republik?

Ortiz-Müller: Die Bremer haben das verwirklicht, was wir uns vielerorts wünschen. Bald nach dem Anzeigeneingang dauert es dort nicht lange, bis die Strafverfolgungsbehörden dem dortigen Stalking-Kriseninterventionsteam die Daten von Beschuldigten und Geschädigten zur Verfügung stellen. Das Stalking-Team kann nun auf die Betroffenen zugehen und sie zu getrennten Gesprächen einladen, das heißt Opfer und Täter begegnen sich dort nie. Durch das Einwirken der Beratungsstelle auf beiden Seiten ist es gelungen, in circa dreiviertel aller Fälle eine weitere Strafverfolgung überflüssig zu machen.

ZDF: Was muss in Deutschland passieren, damit Stalking der Vergangenheit angehört?

Ortiz-Müller: Stalking wird nie der Vergangenheit angehören. Es ist ein Verhalten, welches die Menschheit seit der griechischen Mythologie von Apollo und Daphne beschäftigt. Stalking ist ein Verhalten, in dem Grenzen nicht respektiert werden und welches aus verschiedenen psychischen Defekten oder Störungen resultiert. Je mehr wir maßgeschneiderte Taktiken für die unterschiedlich dahinter liegenden Problematiken schaffen, desto besser. Hier kann Strafverfolgung und die Haft oder auch einfache Beratung vor Ort die Lösung sein, um mit den Menschen zu erarbeiten, wie sie ihr Verhalten wieder unter Kontrolle bekommen.

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