Marc Schreiner hat zwei Terroranschläge überlebt

Die Bomben von Brüssel am 22. März 2016

Gesellschaft | ML mona lisa - Marc Schreiner hat zwei Terroranschläge überlebt

Der Deutsche Marc Schreiner wird den 22. März 2016 nie vergessen: Er er- und überlebte die Bombenanschläge von Brüssel, zuerst am Flughafen und dann an der Metrostation Maelbeek.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 18.03.2018, 18:00

Marc Schreiner, 42, Jurist, fliegt mehrmals im Monat beruflich von Berlin nach Brüssel. So auch am 22. März 2016, wo er die Bombenanschläge, zuerst am Flughafen Zaventem und dann an der Metrostation Maelbeek, erlebte. Sibylle Bassler ist mit Marc Schreiner nach fast einem Jahr noch einmal den Spuren dieses Tages gefolgt

ZDF: Herr Schreiner, wie war das, als Sie hier am Flughafen rausgekommen sind an dem Morgen des 22. März?

Marc Schreiner: Ich hatte ja hinten im Passagierbereich schon ein bisschen Aufregung erlebt. Mir waren zunächst hunderte oder tausende Passagiere panisch entgegen gerannt. Das hat mich schon verstört und dann hieß es auf einmal, der Flughafen würde evakuiert. Ich bin dann sofort los gestürmt, war dann als Einziger raus gekommen, aus diesem „Point of no return“, bevor die Evakuierungsanordnung wieder aufgehoben wurde.

ZDF: Das heißt, hier war es leer?

Schreiner: Hier war es menschenleer. Die Hälfte des Weges aus dem hinteren Bereich des Flughafens habe ich alleine zurück gelegt und wusste nur, dass es eine Explosion gegeben hatte. Das hatte mich sehr verunsichert. Dann kam ich hier an, in der Eingangshalle, da roch es nach Verbranntem, die Ankunftshalle war stark beschädigt, die Paneele hingen von der Decke herunter, es war ein Bild der Zerstörung. Hier wurde mir erst bewusst, dass es eine große Detonation gegeben hat.

ZDF: Was ging dann in Ihnen vor, was haben Sie in diesem Moment gedacht?

Schreiner: Ich dachte mir zunächst: ‚Ich brauche mehr Informationen‘ und wollte aber gleichzeitig weg. Insbesondere hier in der Ankunftshalle war die Zerstörung dann für mich auch wirklich sichtbar. Ich hatte aber auch keine Gelegenheit, mir groß Gedanken zu machen. Die Sicherheitskräfte, die ich hier angetroffen habe, haben mich auf dem schnellsten Wege zur Treppe gebracht und ich musste das Gebäude verlassen.

ZDF Dann sind Sie zu Fuß losmarschiert?

Schreiner: Zu Fuß zur Autobahn. Als ich den Zubringer gerade überquert habe, habe ich mich zur Sicherheit nochmal umgedreht, als mir als erstes Fahrzeug ein Taxi entgegenkommt, dessen Taxi-Zeichen auch noch auf „FREI“ geschaltet war. Und dann haben zunächst Kollegen, meine Freunde, meine Frau angerufen: „Marc, pass auf, Bombe am Flughafen“. Da konnte ich dann parieren mit: „Hab‘s gesehen, sitze jetzt gerade im Taxi. Bringe mich in Sicherheit. Alles gut, macht euch keine Sorgen.

ZDF: Und fühlten Sie sich im Taxi geborgen?

Schreiner: Ja, das war eine Mischung aus Geborgenheit und in dieser Geborgenheit ist dann ein neues Gefühl dazu gekommen, da brach dann die Aufregung aus. Da habe ich gerade angefangen zu begreifen, was ich im Flughafen erlebt habe“

ZDF: Und wie ging es Ihnen dabei?

Schreiner: Ich habe es zugelassen und habe aber gleichzeitig noch versucht, den Blick nach vorne zu richten. Wie gestalte ich jetzt den Tag? Gehe ich noch zu dieser Konferenz? Wie komme ich aus Brüssel weg, wenn ich nicht zur Konferenz gehe? Diese Fragen haben mich dann beschäftigt.

ZDF: Sie ließen sich vom Flughafen kurz vor der Metro-Station Maelbeek absetzen und dann?

Schreiner: Hier ist das Hotel, in dem die Konferenz stattfinden sollte, an der ich ursprünglich teilnehmen wollte. Ich bin hier an der Ecke ausgestiegen, hab das Taxi um kurz nach neun bezahlt, noch ein kurzes Telefonat gehabt und um zehn nach neun explodiert hier die Bombe. Ein so ohrenbetäubender lauter Knall, da wusste ich sofort, gerade auch vor dem Hintergrund, was ich am Flughafen eine Stunde vorher gesehen hatte, dass das hier nochmal eine Bombe war.

ZDF: Wo kam die Detonation her?

Schreiner: Rund 40 Meter hinter mir ist eine Metro Station mit dem „M“ gekennzeichnet. Aus dieser Station hinaus hat sich die Druckwelle den Weg hier bis zum mir gesucht und hat mich erfasst. Der Boden hat sich bewegt und dazu noch dieser ohrenbetäubende laute Knall – das war eindeutig als Bombe erkennbar. Ich hab mich dann noch von meiner Telefonpartnerin verabschiedet: Du, hier ist gerade ‚ne Bombe hochgegangen, ich melde mich gleich – und bin dann zu der Metro-Station, um zu gucken was los war und dort kamen mir dann die ersten Passagiere die Treppe entgegen, hinaufgetaumelt und da wusste ich: Ich muss helfen.

ZDF: Was erwartete Sie hier? Sie sind hier herunter gekommen ins Dunkle…?

Schreiner: Ins Dunkle, Verqualmte und in dem Licht der Taschenlampe kamen mir Personen entgegen, schwerst brandverletzt, rußüberströmt, blutüberströmt. Es war schon schwierig, aber bei allem Wunsch zu helfen war ich auch alarmiert. Ich hatte mich daran erinnert, dass es oft noch eine zweite Detonation gibt, um Arzthelfer wie mich auch noch einmal zu erwischen, ich hatte damit gerechnet, dass auch noch einmal geschossen wird. Also ich war hochgradig alarmiert, aber ich wollte den Menschen hier heraus helfen. Ich leuchtete mit der Taschenlampe der Kamera und habe Menschen empfangen, die von unten, von der Plattform, vom Zug hier hoch kamen. Ihnen habe ich zugerufen: „Kommen Sie zu mir, ich helfe euch heraus!“ und mit dem grellen Licht der Taschenlampe gewunken und die Personen hier herausgeführt – viele Personen waren das.

ZDF: Sie sind dann auf und abgelaufen, was haben Sie gemacht?

Schreiner: Zunächst habe ich einer Person hier Zuspruch gegeben, habe versucht, sie zu beruhigen und sie zu trösten, bis dann die ersten Sicherheitskräfte eintrafen. Diese Situation habe ich dann genutzt, um den Rest des Bahnsteiges noch nach weiteren Passagieren abzusuchen und danach habe ich dann nach rund einer Viertelstunde, die ich hier alleine war, die Situation verlassen. Für mich wurde das Atmen schwer, der beißende Rauch hatte meine Lunge belegt. Als die Sicherheitskräfte dann hier waren, hatte ich den Eindruck, dass meine Aufgabe erledigt ist.

ZDF: Wie haben Sie das verkraftet? Wie haben Sie das reagiert?

Schreiner: In dem Moment war es eine Selbstverständlichkeit, dass ich mich kümmere und erst im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass ich mich hier in eine ungeschützte Situation hineinbegeben hatte. Das habe ich aber dann auch später mit aufgearbeitet.

ZDF: Wie ist es für Sie, wenn Sie jetzt heute hier stehen?

Schreiner: Tatsächlich ist das hier noch ein besonderer Ort. Hier sind mir diese Schwerstverletzten entgegen gekommen. Hier hatte ich die ohrenbetäubende Detonation  selbst miterlebt – es ist schon etwas Besonderes hier.

ZDF: Wenn Sie jetzt hier sind, gibt es für Sie Flashbacks?

Schreiner: Tatsächlich war ich neulich hier in der Station, wie ich das öfter mache und dann hatte eine U-Bahn ein Ventil mit einem lauten Zischen geöffnet. Da bin ich zusammengeschreckt.

ZDF: Wie sehr haben diese Eindrücke Ihr Leben verändert?

Schreiner: Naja, also mein Leben ist dadurch nicht schlimmer oder schöner geworden – die Erinnerungen begleiten mich. Irgendwo auch das gute Gefühl, dass ich helfen konnte, das Gefühl der Überlegenheit, dass ich mich zweimal aus einer total chaotischen Situation befreien konnte. Zunächst bin ich am Flughafen weggekommen. Ich bin auch nach der Detonation hier in der Metro auch aus Brüssel rausgekommen. Ich war abends frischgewaschen um Viertel vor sieben zu Hause in Berlin.

ZDF: Herr Schreiner, wir haben ja einen Tag jetzt zusammen verbracht und Sie wirken sehr klar, sehr gefasst und auch sehr distanziert zu dem ganzen Geschehen. Was hat Ihnen geholfen, diesen Abstand zu finden?

Schreiner: Also zum einen hat mir meine Familie geholfen, die Geborgenheit, die ich dort erfahre und der Zuspruch. Dann habe ich viel über das Ereignis mit Freunden und Bekannten gesprochen, das hat auch geholfen. Und schließlich habe ich mich auch in professionelle Hände begeben, bei einer Psychotherapeutin Gespräche geführt. Und Kernbestandteil dieser psychotherapeutischen Aufarbeitung des Geschehens war auch, dass ich hier an den Anschlagsorten in Brüssel das Ganze auch nochmal bewusst nachempfunden und besprochen habe.

ZDF: Ein Jahr ist es jetzt her. Wie geht es Ihnen heute?

Schreiner:Die Ereignisse holen einen immer wieder ein. Zum einen werde ich heute noch angesprochen und auch wenn ich jetzt fast wöchentlich in Brüssel meiner Wege gehe, komme ich an den Anschlagsorten vorbei. Das hält die Erinnerung wach.

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