Journalisten in Gefahr

Wenn die Arbeit zur Bedrohung wird

Gesellschaft | ML mona lisa - Journalisten in Gefahr

Der Fall Denis Yücel in der Türkei macht Schlagzeilen, weltweit sind etwa 200 Journalisten in Haft. Meera aus Pakistan etwa machte sich für Frauenrechte stark und musste ihre Heimat verlassen, auch Omid aus dem Iran musste fliehen.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 18.03.2018, 18:00

Laut Reporter ohne Grenzen wurden 2016 über 74 Journalisten bei ihrer Arbeit getötet. Allein derzeit sind etwa 200 Reporter eindeutige wegen ihrer Arbeit in Haft, vermutlich aber sind es mehr. Andere verlassen aufgrund der Bedrohung ihre Heimat. So wie Meera Jamal aus Pakistan und Omid Rezaee aus dem Iran. Die 34-jährige Journalistin Meera kam 2009 nach Deutschland. Sie musste fliehen, weil sie sich in der männerdominierten Gesellschaft Pakistans offen für Frauenrechte einsetzte, über Vergewaltigung und Prostitution schrieb. Sie flüchtet, bekommt Asyl in Deutschland, lebt hier mit Mann und kleinem Sohn, unterstützt vom Verein "Journalisten für Journalisten".

Wochenlang ging die so genannte „Grünen-Bewegung“ 2009 im Iran auf die Straße, protestierte gegen das Wahlergebnis. Omid Rezaee gründete in dieser Zeit ein Studentenmagazin und verfasste kritische Artikel gegen die Regierung und die Repressionen. Erst wird er bedroht, dann verhaftet. Einen Monat sitzt er im Gefängnis. Dann kommt er auf Kaution frei. Ein Gericht verurteilt ihn später ohne Verteidigung zu zwei Jahren Haft. Mit Hilfe von Freunden flüchtet er in den Irak und beantragt von dort Asyl in Deutschland. Heute ist Omid in einem Traineeprogramm für geflüchteten Journalisten an der Hamburg Media School, veröffentlicht Artikel im "Tagesspiegel" und informiert in seinem Blog über die Situation im Iran.

Über die Situation von Journalisten hat ML mona lisa mit Christiane Schlötzer von „Journalisten helfen Journalisten“ und Michael Rediske von "Reporter ohne Grenzen" gesprochen.

ZDF: Herr Rediske, wie ist aktuell die Situation von Journalisten und Journalistinnen weltweit?

Michael Rediske, Reporter ohne Grenzen
Michael Rediske, Reporter ohne Grenzen Quelle: ZDF

Michael Rediske: Einerseits werden in vielen Ländern immer wieder Journalisten umgebracht, das sind jedoch meistens einzelne, um den Rest der Journalisten abzuschrecken. Andererseits steigt in einzelnen Ländern die Zahl der verhafteten Journalisten. Momentan ist die Türkei mit vermutlich über 150 ganz vorne dabei, dann kommt die Diktatur in Ägypten mit etwa 25 Personen, danach kommt China, in China werden zudem mehr Online- und Bürgerjournalisten inhaftiert.

ZDF: Wie würden Sie die jetzige Situation einschätzen?

Rediske: Das hängt wirklich immer von den Ländern ab. Die Digitalisierung, das Internet, die Internetzensur, die Ansammlung von Daten durch Regierungen, all das bereitet uns große Probleme. Es gibt also zu den alten Problemen, wie den ganz traditionellen Verhaftungswellen und der Zensur durch Regierungen, auch immer neue Schwierigkeiten. Zusätzlich zu den Regierungen und den herrschenden Militärs, gibt es in vielen Ländern andere bewaffnete Gruppen. Im Nahen und im Ferneren Osten vor allem dschihadistische Gruppierungen, die Journalisten überwältigen und entführen. Das ist vor allen Dingen in den letzten zehn Jahren ein großes Problem geworden.

ZDF: Wie kann man diesen weltweit bedrohten und verfolgten Reportern in Deutschland helfen?

Rediske: „Reporter ohne Grenzen“ kann natürlich für die Familien und die Inhaftierten meist nur Einzelhilfe leisten. Man kann nur in einigen Ländern, wie der Türkei, mit Anwälten zu Prozessen gehen. In China geht das nicht, dort verschwinden die Leute hinter Gittern, ohne dass die Familienangehörigen wissen, wo sie sich befinden. Wir machen natürlich sogenannte Lobby-Arbeit dafür, dass sich generell bei einzelnen Regierungen die Situation von Journalisten verbessert. Wir intervenieren auch mit Hilfe deutscher Politiker, wenn diese Zum Beispiel verreisen, für einzelne verhaftete Reporter. So soll auf die Situation der Pressefreiheit in den jeweiligen Ländern aufmerksam gemacht werden.

ZDF: Frau Schlötzer, worin unterscheidet sich „Journalisten helfen Journalisten“  zu „Reporter ohne Grenzen“?

Christiane Schlötzer, Journalisten helfen Journalisten
Christiane Schlötzer, Journalisten helfen Journalisten Quelle: ZDF

Christiane Schlötzer: Wir arbeiten sehr eng mit „Reporter ohne Grenzen“ zusammen, wir sind ungefähr zur selben Zeit entstanden, in den 90er Jahren, als Krieg in Jugoslawien war und es damals die ersten Journalisten gab, die gefährdet waren und niemand damit gerechnet hat, dass ein Krieg uns so nahe kommen würde. Uns unterscheidet, dass wir weniger Öffentlichkeitsarbeit machen. „Reporter ohne Grenzen“ macht das sehr viel um auf Verletzungen von Pressefreiheit hinzuweisen. Wir arbeiten eher still, also wir nennen meistens die Namen der Leute nicht, die wir unterstützen, denn oft sind ja die Familien noch in den Ländern, zum Beispiel in der Türkei sind oft die Familien noch dort und wenn wir da die Namen nennen, könnte das die Kollegen gefährden.

ZDF: Kümmern Sie sich gerade auch konkret um die Journalisten der Türkei?

Schlötzer: Wir kümmern uns um mehrere Reporter die aus der Türkei geflohen sind. Viele Journalisten hatten dort nur die Alternative, in das Gefängnis oder ins Exil zu gehen und sie sind in alle Teile der Welt geflohen, Kanada, Amerika, Deutschland, sogar in afrikanische Länder. Wir wissen von Journalisten, die saßen in Flüchtlingsbooten zusammen mit Syrern, von der Türkei nach Griechenland. Solchen Kollegen versuchen wir, finanziell zu helfen, sie zu unterstützen, mit Behörden- und Aufenthaltsproblemen. Jedoch versuchen wir auch ein paar Kollegen in der Türkei zu helfen. Dort können wir auf keinen Fall die Namen nennen, weil es sehr schwierig wäre für diese Kollegen wenn sie sagen würden, sie bekommen Hilfe aus dem Ausland. Es ist immer Hilfe für das Überleben, es ist Hilfe auf einer menschlichen Ebene von Journalist zu Journalist, von Kollegen zu Kollegen, es ist sozusagen eine humanitäre Hilfe, Solidaritätshilfe.

ZDF: Sie kennen die Türkei sehr gut, wie schätzen Sie die aktuelle Situation dort ein?

Schlötzer: Die Journalisten, die mit der Regierung in Konflikt gekommen sind, die oppositionell sind, die unter Generalverdacht stehen, für die ist es sehr schwierig. Etwa 150 Journalisten sind im Gefängnis, die meisten von ihnen ohne Anklage. Sie wissen also nicht wie lang sie in Haft bleiben müssen, sie wissen nicht ob sie vor Gericht kommen, welche Vorwürfe gegen sie erhoben werden, gegen was sie sich verteidigen sollen. Das ist außerordentlich schwierig. Es gibt diesen gewissen Generalverdacht, alle seien Terroristen, was völlig absurd ist, aber nachdem sie keine Anklage haben, wissen sie auch gar nicht was ihnen bevorsteht. Das Gleiche gilt für den deutschen Kollegen Deniz Yücel, dessen Haft gerade wieder verlängert wurde und der auch nicht weiß wie, lange das für ihn dauert

ZDF: Wie ist die Situation weltweit momentan zu bewerten?

Rediske: Insgesamt hat sich die Situation des Journalismus in den letzten 20 Jahren sicherlich verschlechtert, vor allem durch die Bürgerkriege. Ein weiterer Grund ist jedoch, dass in vielen Ländern und von vielen bewaffneten Gruppen Journalisten nicht mehr als neutrale Beobachter angesehen werden, sondern als Feinde, solange sie nicht die eigene Meinung widerspiegeln. Das bringt Reporter immer wieder sehr stark in Gefahr und lässt die Zahl von verhafteten und getöteten Journalisten anwachsen.

ZDF: Wird 2017 auch ein schwarzes Jahr für Journalisten und Reporter aus aller Welt werden?

Schlötzer: 2017 ist jetzt schon ein schwarzes Jahr für Journalisten, nicht nur wegen der Situation in der Türkei. Wir haben auch viele andere Krisen- und Konfliktgebiete. In Afrika gibt es Konfliktgebiete sowie in Lateinamerika oder der Ukraine, wir haben viele Bereiche auf der Welt, in denen Journalisten in Gefahr sind und in Gefahr arbeiten, Afghanistan, Irak. Die Türkei ist jedoch wahrscheinlich in die schwarze Liste mit dazu gekommen, und ich glaube nicht, dass es sich so schnell ändern wird.

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