"Ich geh' dann mal Zigaretten holen"

Das Phänomen Kontaktabbruch

Gesellschaft | ML mona lisa - "Ich geh' dann mal Zigaretten holen"

Es ist ein unerklärliches Phänomen: Menschen verschwinden oder brechen den Kontakt ab, manchmal von heute auf morgen, einfach so. Zurück bleiben verzweifelte Angehörige mit der Frage nach dem Warum.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 14.01.2018, 18:00

Claudia Haarman war lange freie Journalistin und ist heute als Psychotherapeutin (HP) tätig. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit sind die Bindungs- und Beziehungsdynamiken in Familien und deren Auswirkungen im Erwachsenenalter. ML mona lisa hat mit ihr über das Thema Kontaktabbruch in Familien gesprochen.

ZDF: Frau Haarmann, ein ganz spektakulärer Fall war ja gerade das Auffinden der Petra P., die 31 Jahre lang verschwunden war. Die ganze Zeit hatte sie unter falschem Namen gelebt, ohne Papiere, allein, unauffällig. Warum, dazu hat sie sich bisher nicht geäußert. Wie ist so ein Fall Ihrer Meinung nach zu erklären?

Claudia Haarmann, Therapeutin und Autorin
Claudia Haarmann, Therapeutin und Autorin Quelle: ZDF

Claudia Haarmann: Ohne zu spekulieren, kann man sagen, diese Frau muss sich in einer großen innerpsychischen Not befunden haben. Sie hat sich aus dem sozialen Leben verabschiedet, sich total zurückgezogen, immer auf der Hut, dass nicht herauskommt, wie sie lebt. In solchen Fällen, das können wir sicher sagen, ist das Vertrauen zu anderen Menschen so schwer geworden, dass sie die Welt nicht mehr als sicheren Ort empfinden, an dem sie Geborgenheit erleben. Das interessante ist, dass diese Frau wohl niemanden hatte, zu dem sie gehen konnte.

ZDF: Wie bewerten Sie so ein Verhalten, dieses Phänomen des "ich geh mal eben Zigaretten holen"?

Haarmann: Menschen, die das tun, haben das in Wahrheit lange geplant. Lange erleben sie in ihrem Inneren, dass die Lebenssituation so schwierig ist, so beängstigend, so leblos, dass man das nicht länger leben will. Wenn dann die Angst dazu kommt, zu sagen, liebe Eltern, ich kann das nicht länger, wenn man sein Gegenüber nicht damit konfrontieren kann, dann wird man wie schlafwandlerisch sagen, Schnitt, ich gucke, was mein Leben noch ausmacht.

ZDF: Einfach so, ohne Erklärung?

Haarmann: Es ist angstbesetzt sich zu erklären. Überall da, wo in Familien Konflikte herrschen, ist das Hauptthema die Sprachlosigkeit. Dass man keine Worte für die Gefühle hat, dass man nicht sagen kann, wie es einem geht und nicht benennen kann, dass man sich nicht willkommen fühlt und das Signal fehlt, wie schön, dass Du da bist.

Ein Zeichen von Sprachlosigkeit

ZDF: Wie erklären Sie das aufgrund Ihrer Erfahrungen?

Haarmann: Viele Eltern sagen, dass sie überhaupt nicht verstehen, warum ihr Kind den Kontakt abgebrochen hat, als sei es ein Ereignis aus heiterem Himmel. Das ist nicht so. Wichtig ist, dass Eltern wahrnehmen können, es hat schon lange gebrodelt, es ist etwas passiert, was weit zurückliegt. Und wir haben ein Familienklima, wo wir nicht wirklich zusammenfinden können. Meine These ist, das ist ein Bindungsthema. Ich nenne das, wie können Eltern ihre Liebe ausdrücken, Bindung ist Liebe, hat man Worte, hat man Gesten, kann man das zeigen. Wenn nicht, dann wird das schwer.

ZDF: Was ist dann schiefgelaufen?

Haarmann: Ich frage Eltern, die ein Kind für eine Zeit verloren haben, wie ihr Verhältnis zu ihren eigene Eltern war. In fast allen Fällen wird gesagt, auch nicht gut, ich habe von meinen Eltern nicht gelernt, wie Liebe sich anfühlt. Wenn ich nicht weiß, wie sich Liebe anfühlt, hab ich das nicht auf meiner Festplatte, dann wird es schwer das weiterzugeben. Wichtig ist zu verstehen, dass es ein transgenerationales Thema ist, es geht dabei nicht um Schuld, sondern um unser menschliches Unvermögen.

ZDF: Kann man das auch als Notfallreaktion der Seele sehen?

Große innere Not

Haarmann: Die Seele ist wirklich in Not. Es gibt für Kinder irgendwann das Gefühl, ich kann nicht mehr, wenn ich mit Euch so weiter mache wie bisher, irgendwas brennt durch oder ich habe das Gefühl, ich muss mich weiter aufgeben. Bei Menschen, die ein kaltes Elternhaus gehabt haben, wo es keine Berührung gab, die sich nicht aufgehoben fühlten, kann das oft auch in das andere Extrem gehen: Ich bin immer für dich da, ich liebe dich so sehr. Das erleben Kinder dann manchmal, also ob sie kaum noch Luft vor lauter Zuwendung bekommen, so dass sie es schwer haben, ihr eigenes Wesen, ihre eigene Autonomie zu leben. Das Gefühl, ich muss einen Teil von mit unterdrücken, ich kann nicht mehr so leben, wie ihr wollt, ist einer der wesentlichen Gründe für einen Kontaktabbruch.

ZDF: Welche Botschaft vermitteln Kinder dann damit?

Haarmann: Die Funkstille, die das Kind hervorruft, will sagen, Mama, Papa, hörst Du meine Not, mir geht es nicht gut. Ich habe kein erwachsenes Kind erlebt, das mit Freude den Kontakt abgebrochen hat. Alle leiden darunter. Sie sagen Sachen wie: Ich musste gehen, habe keine Luft mehr bekommen, aber es tut mir bis in die Zellen weh, meine Eltern alleine zu lassen. Da herrscht eine unheimliche Ambivalenz.

ZDF: Wie kann man da wieder zusammen finden?

Haarmann: Ich glaube, für Eltern ist es wichtig zu akzeptieren, dass das Kind, wenn es geht, Gründe gehabt hat. Und das Kind braucht diese Zeit, muss sich erstmal selber finden. Wer bin ich, was sind meine Wünsche, das ist ein Prozess von Ich-Findung. Und wenn Kinder so eine Stärke entwickelt haben, dann ist die Möglichkeit da, wieder in Kontakt zu gehen, auf erwachsener Ebene, auf Augenhöhe. Ein wichtiger Punkt ist, dass Eltern klar wird, dass die Wahrnehmung des Kindes in der Familie eine andere ist, als die der Eltern. Eltern sagen, sie haben ihr Bestes gegeben. Aber Kinder dürfen sagen, ich hätte noch was anderes gebraucht.

Buchtipp

Claudia Haarmann:
Kontaktabbruch. Kinder und Eltern, die verstummen.
Die Bedeutung von Sicherheit und Halt.
Erschienen im Orlanda-Frauenverlag Berlin, 2015.

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