Oh Schreck, die Kinder gehen weg

Interview mit Bettina Teubert

Gesellschaft | ML mona lisa - Oh Schreck, die Kinder gehen weg

Zwischen Wehmut und Stolz schwanken die Gefühle der meisten Eltern, wenn ihre Kinder gehen. Dabei sei Loslassen wirklich ein Muss, sagt Andrea, um wieder seinen eigenen Weg zu finden.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 20.02.2017, 00:00

Zwischen Wehmut und Stolz schwanken die Gefühle der meisten Eltern, wenn ihre Kinder gehen. Dabei sei Loslassen wirklich ein Muss, sagt Andrea, um wieder seinen eigenen Weg zu finden. Auch die Eltern Nikola und Armin Pollack wollen sich neu orientieren, wenn die Kinder ausgezogen sind.

Bettina Teubert ist selbst Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Die Heilpraktikerin und Familientherapeutin kennt aus eigener Erfahrung und aus ihrer Praxis die Problematik, die manche Mütter entwickeln, wenn ihre Kinder ausziehen. Um diesen Frauen in Krisenzeiten eine Anlaufstelle bieten zu können, gründete sie die Selbsthilfegruppe “Empty Nest MOMS“. Für ML beantwortet die Fachfrau Fragen zum Thema.

Bettina Teubert
Bettina Teubert Quelle: ZDF

ZDF: Was ist ein "Empty Nest Syndrom"?

Bettina Teubert: Wenn die Kinder ausziehen, werden die Eltern sozusagen in die Rente geschickt, die große Aufgabe des Kindererziehens ist vorbei. Man geht von einer aktiven in eine passive Mutterschaft über. Man hat ein leeres Zimmer, man muss keine Wäsche mehr waschen, nicht bedenken, dass der Kühlschrank voll ist, keine Dinge mehr kaufen, die man vielleicht selber gar nicht isst. Das alles fällt weg und in dem Moment wissen viele nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen.

ZDF: Was sind die Symptome des "Empty Nest Syndroms"?

Teubert: Die Symptome sind eine tiefe Traurigkeit, manchmal auch eine gewisse Schwerfälligkeit, wie man es in Phasen der depressiven Verstimmung erlebt, aber auch große Euphorie. Wir sind dann nicht nur traurig, sondern auch stolz auf die Kinder, wenn sie ins Leben gehen. Das ist das Ziel unserer Erziehung gewesen, wir haben darauf geachtet, dass unsere Kinder zu selbstständigen Menschen heranreifen, was sie in dem Moment des Auszugs erreicht haben. Aber dadurch fühlen wir uns überflüssig und nicht mehr gebraucht.

ZDF: Gibt es einen Unterschied zwischen Müttern und Vätern?

Teubert: Die Mütter sind in den meisten Fällen emotional enger an den Kindern und haben mehr mit ihnen zu tun. Es ist nicht so, dass es die Väter überhaupt nicht trifft, aber sie nehmen es oftmals leichter. Väter sind in dieser Lebensphase häufig beruflich stärker eingebunden als Frauen. Bei den Frauen kommt zu dieser Zeit meistens ganz viel zusammen: die Wechseljahre, berufliche Umbrüche, wenn Mütter nicht berufstätig oder halbtags berufstätig waren haben sie jetzt ein Zeitkontingent zur Verfügung. Sie sind mehr mit der Trauer befasst, sie nehmen vielleicht auch das leere Zimmer anders wahr.

ZDF: Wie sollten Mütter mit ihren Gefühlen umgehen?

Teubert: Ich finde es ganz wichtig, Frauen zu ermutigen, zuzugeben, dass sie traurig sind. Das ist heute gesellschaftlich nicht mehr ganz anerkannt, da wir keine Trauerkultur haben und Kindererziehung heutzutage Nebenthema ist. Deshalb passen sie sich oft gesellschaftlich an und tun so, als würde es sie gar nicht treffen, aber in ihrer Seele sind sie dann doch verletzt.

ZDF: Sind geschiedene und alleinerziehende Mütter stärker betroffen?

Teubert: Geschiedene oder alleinerziehende Mütter trifft es oft noch härter, weil sie sich viel stärker auf die Kinder konzentriert haben. Dadurch haben sie oft Dinge vernachlässigt. Der eigene Freundeskreis ist oft nur noch sehr stark eingeschränkt vorhanden, und ihnen fehlt auch ein Partner, mit dem sie sich austauschen können.

ZDF: Was passiert mit den Eltern als Paar, wenn die Kinder aus dem Haus sind?

Teubert: Ich glaube es gibt auch die, die sagen, super, das Kind ist aus dem Haus. Das möchte ich gar nicht abstreiten. Aber in der Regel stehen sich zwei Menschen gegenüber, die sich völlig neu kennenlernen müssen, weil 20 oder 25 Jahre lang die Kindererziehung im Mittelpunkt stand. Man war hauptsächlich Elternpaar, hat Kinder großgezogen und jeder hat sich in seiner Welt weiterentwickelt. Man muss sich neu kennenlernen und sehen wie man als Paar wieder zusammenfindet. Das ist auch genau der Punkt, an dem sich viele Paare trennen. Sie stellen fest, dass es nicht mehr geht, dass sie sich fremd geworden sind.

ZDF: Machen neue Medien es leichter, Kontakt zu halten?

Teubert: Sie haben auf alle Fälle eine Brücke geschaffen. Eigentlich eine schöne Brücke, denn es ist unverfänglicher, wenn man der Mama mal eine Nachricht schickt, als wenn die Mama ständig anruft. Die Nachricht kann ich lesen und beantworten, das ist in der Generation ganz gut geklärt, und man ist immer noch emotional verbunden. Es ist nicht so aufdringlich wie anzurufen. Für die Kinder, die ausziehen ist es auch wichtig, eigene Räume zu erschließen und zu erarbeiten.

ZDF: Warum ist Ihrer Meinung nach die Selbsthilfegruppe “Empty Nest MOMS“ so wichtig?

Teubert: Ich habe diese Selbsthilfegruppe gegründet, weil sich in meiner Praxis viele Frauen eingefunden haben. Frauen wandeln seelisches Leiden schnell in körperliches um, entwickeln Symptome und fühlen sich nicht wohl. Sie gehen zum Arzt und kommen mit Pillenpackungen zurück.
Dann hat es mich selbst getroffen, als meine eigenen Kinder ausgezogen sind.
und ich habe gemerkt, dass es sich doch komisch anfühlt, wenn sie weg sind. Ich habe diese Thematik ganz anders wahrgenommen. Ich habe auch gemerkt, dass es nicht so einfach ist, Frauen zu finden, mit denen man reden kann. So habe ich den Versuch gestartet und mit der Selbsthilfegruppe begonnen. Ich gebe Frauen die Möglichkeit, darüber zu reden. Das hilft. Es ist wie eine Krabbelgruppe ohne Kinder.

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