Wo Frauen wie Männer leben

Albaniens verkehrte Welt

Nach alter albanischer Tradition wird bei Männermangel in der Familie die älteste Tochter das Familienoberhaupt. Doch im Norden Albaniens gelten Frauen nicht viel. Um anerkannt zu werden, entscheiden sich viele dieser albanischen Frauen, als Mann zu leben - mit allen Konsequenzen.

Wer sie nur flüchtig betrachtet, denkt, sie sei ein Mann. Drande Zungeli hat das Aussehen eines Großvaters. Die 86-Jährige ist eine sogenannte "Burnesha" - eine albanische Mannfrau. Vor fast 70 Jahren hat sie einen Eid geschworen, den Eid, ihr Leben wie ein Mann zu verbringen.

Im Anzug begraben werden


Als sie heiratete, war sie nicht einmal zwanzig Jahre alt. Doch nach nur drei Tagen Ehe floh ihr Mann vor der Polizei und ließ die junge Frau sitzen. Da war ihr Leben zu Ende, sagt sie. Nach alter albanischer Tradition konnte sie nicht noch einmal heiraten. Sie schnitt sich die Haare ab und schwor, nie wieder einen Mann zu begehren. "Ich habe mich dazu entschieden als Mann weiterzuleben, weil ich gesehen habe, dass ich es anders nicht schaffen kann und dass es mir als Frau nicht gelingen würde, mein Leben zu leben", erklärt Drande Zungeli den damaligen Bruch mit ihrem alten Dasein.

Nordalbanien ist ein von patriarchalischem Denken geprägtes Land. In diesem Teil Europas haben sich Frauen den Männern immer noch strikt unterzuordnen. Mannfrauen aber genießen höchsten Respekt. Selbst für ihren Todestag hat sich Drande Zungeli einen Anzug gekauft. Denn ihr Leben verlief zwar nicht glücklich, sagt sie, keinesfalls aber wolle sie als Frau beerdigt werden. Das Schicksal habe sie zum Mann gemacht und als solcher wolle sie auch sterben.

Flucht ins Mannsein


Selbst wer ihr lange ins Gesicht blickt, kommt nicht auf die Idee, dass Drande Dodaj eine Frau ist. Von klein auf, sagt sie, war ihr klar, dass nur Männer in Albanien das Sagen hätten. Also entschied sich Drande Dodaj, zur Mannfrau zu werden. "Eine 'Burnesha' hat denselben Status wie ein Mann, sie ist das Familienoberhaupt", so Dodaj. "Mein Vater ist früh gestorben. Ich war die einzige, die arbeiten und die Familie ernähren konnte. Wenn eine Frau in Albanien die Rolle des Mannes übernimmt, wird sie geachtet."

Doch ganz so freiwillig war Drande Dodajs Mannfrauen-Schwur wohl nicht. Mit 14 hatte sie beide Hände bei einer Handgranatenexplosion verloren. Kein Mann hätte sie geheiratet. Drande Dodaj sagt, um überleben zu können, musste sie selbst zum Mann werden. Ihre Entscheidung bedeutet: keine Ehe, keine Kinder, kein Sex. Die meisten Mannfrauen sprechen nicht gerne über Gefühle, auch Drande Dodaj weicht eher aus. "Das muss jede Frau für sich entscheiden, aber der Mensch hat nichts davon wenn er nur an das Unglück denkt", kommentiert sie ihre Lebensentscheidung vor vielen Jahren.

Kein Platz für Gefühle


Drande Dodaj meint es ernst mit dem Mannsein: Für den Haushalt hat sie eine Frau engagiert. Die 54-Jährige ist stolz darauf, dass sie nicht kochen kann und muss. Ihrer Mutter aber kommen immer noch Tränen, wenn sie daran denkt, für welches Leben sich die Tochter entschieden hat: "Wissen Sie, ich denke an die Zukunft. Auch Drande wird eines Tages älter und dann hat sie doch niemanden." Aber solche Gefühle sind nur etwas für Frauen. Und so pfeift Drande bei solchen Gesprächen lieber nach der Haushälterin und ordert Schnaps.

Auch Nushe Vorfi unterdrückt ihre weibliche Seite. Sie ist der Ernährer einer ganzen Familie. Denn als Nushes Vater starb, brauchte die Familie ein vollwertiges Oberhaupt. Da es keine Männer mehr in der Familie gab, blieb Nushe als ältester Tochter nichts anderes übrig, als zu einem Mann zu werden. "Wenn du nicht stark genug bist, als Mann zu leben, hast du hier oben keine Chance. Ich ziehe mich an wie ein Mann und arbeite wie ein Mann. Alle anderen Wünsche habe ich mir aus dem Kopf gestrichen. Damit wir als Familie überleben können, für meine Geschwister, dafür habe ich mein Leben hintenan gestellt", erklärt sie unumwunden.

Männliche Vorrechte


In einem Dorf in den Bergen Nordalbaniens arbeitet Nushe Vorfi auf dem Bau. Letzte Woche soll die Mannfrau in eine Prügelei verwickelt gewesen sein. Tag für Tag läuft sie zweieinhalb Stunden zur Baustelle und wieder zurück nach Hause. In dieser entlegenen Ecke Europas ist es für Männer eine Frage der Ehre, sich zu verteidigen. Und so beharrt auch Nushe Vorfi als Mannfrau auf ihr Vorrecht auf den Besitz einer Waffe: "Das Gewehr brauchen wir hier oben, weil in meinem Haus viele weibliche Personen leben. Wenn es nicht anders geht, würde ich schießen, ohne mit der Wimper zu zucken. Es ist meine Aufgabe, die Ehre der Familie zu schützen", beteuert sie. Ihr Neffe Ndue ist bislang der einzige männliche Nachwuchs der Familie. Aber solange es ihn und Nushe gibt, muss keine Frau mehr ihr Leben der Familie opfern und zur Mannfrau werden.

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