Die Vergangenheit hinter sich lassen

Interview mit Yvonne Holthaus

Gesellschaft | ML mona lisa - Die Vergangenheit hinter sich lassen

Yvonnes Mutter wird 2002 brutal ermordet. Später stellt sich heraus, ihr Vater war der Auftraggeber. Die Familie ausgelöscht, das junge Leben zerstört – doch Yvonne schaffte den Neuanfang.

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 16.04.2017, 00:00

Yvonnes Mutter wird 2002 brutal ermordet. Später stellt sich heraus, ihr Vater war der Auftraggeber des Mörders. Die Familie ausgelöscht, das junge Leben zerstört – doch Yvonne schaffte den Neuanfang. “Ich habe lernen müssen, dass man Menschen nur vor den Kopf schauen kann und nicht dahinter“, sagt Yvonne.

Mit psychologischer Unterstützung und starkem Willen ist es ihr gelungen, die Tragödie hinter sich zu lassen. Und das Wichtigste für sie sei, fügt Yvonne hinzu, dass ihr Vater keine Macht mehr habe über ihr Leben. Im ML-Interview spricht sie über das Erlebte.

Yvonne Holthaus
Yvonne Holthaus Quelle: ZDF

ZDF: Was war passiert?

Yvonne Holthaus: Am 6. Juni 2002 hat ein junger Mann meine Mutter ermordet. Das heißt, er hat geklingelt, sie hat geöffnet und er hat zwölf Mal mit zwei Messer auf sie eingestochen. Er hat dann den linken Ast der Hauptschlagader getroffen und sie ist an einem sogenannten Blutschock gestorben. Innerhalb von wenigen Minuten.

ZDF: Wie haben Sie davon erfahren?

Holthaus: Erfahren habe ich es über das Telefon. Ich habe zu dem Zeitpunkt 300 Kilometer weit weg gewohnt, und mein Vater hatte mir nur eine sehr emotionslose Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen: Ich möge ihn zurückrufen. Und als ich ihn dann zurückrufen wollte, habe ich seine Lebensgefährtin am Apparat gehabt, die mir das gesagt hat: Man hat deine Mutter ermordet.

ZDF: Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?

Holthaus: In mir war in dem Moment Leere. Komplett. Das ist, als wenn man nichts mehr hört, nichts mehr sieht, als wenn alle Sinne weg sind. Und zwar nicht, weil ich meine Mutter so geliebt habe, sondern weil es trotzdem meine Mutter war. Das ist und bleibt so. Und ich wusste in dem Moment ganz vieles nicht mehr, aber ich wusste, ich habe nie mehr die Chance, mich mit ihr auszusprechen, oder sie jemals wieder irgendwie zu sprechen. Das war klar.

Für mich war das wirklich ein Zusammenbruch von allem. Eine Welt, die Sie sich erbaut haben, die Sie um sich herum haben, fällt in dem Moment zusammen. Komplett. Ein Zusammenbruch. Sie haben keine Stabilität mehr, weil Sie auch gar nicht wissen, was ist da passiert? Da läuft ein Irrer rum und bringt ihre Mutter um. Und keiner weiß, warum. In dem Moment stellen Sie sich die Frage, kommt er jetzt zu mir? Was will der? Wo ist das Motiv? Es ist eine konfuse Situation, ein Durcheinander im Kopf. Das kann man sich nicht vorstellen.

ZDF: Wann haben Sie von Ihrem Vater erfahren?

Holthaus: Als ich vier Wochen später erfahren habe, dass mein Vater aufgrund dieser Tat verhaftet wurde, war da nochmal dieser Unglaube, aber noch mit einer gewissen Lächerlichkeit. Das kann nicht sein. Das ist völliger Quatsch, totaler Schwachsinn. Doch nicht mein Vater. Doch nicht der Fels in der Brandung. Stellen Sie sich vor, sie verlieren nicht nur das, was Sie sich aufgebaut haben, sondern Sie verlieren alles. Ihr gesamtes Urvertrauen. Alles ist weg. Alles ist auf null.
Ich habe ihm den Mord nicht zugetraut. Ich habe ihm nicht zugetraut, dass er derart kaltschnäuzig sein kann. Und ich habe ihm nicht zugetraut, dass er die Prinzipien, die er mich das ganze Leben lang gelehrt hat, Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, selbst nicht lebt.

ZDF: Wie ging es weiter?

Holthaus: Ich musste sehr schnell für mich entscheiden, wie gehe ich mit dem Prozess um? Wie gehe ich mit dem um, was jetzt auf mich zukommt? Ich habe für mich sehr schnell entschlossen, dass ich mich an dem orientiere, was in den Gerichten erarbeitet wird. Und schlussendlich hab ich nach kurzer Zeit, nach vielleicht zwei, drei Wochen, beschlossen, das, was das Gericht urteilt, ist für mich maßgebend. Ich hätte keine Ruhe gefunden.
Der 06.06.2002 war in der Tat der Tag, an dem ich meine gesamte Familie verloren habe, nicht nur meine Mutter, offensichtlich durch den Mord, sondern auch meinen Vater, aber auch meine Schwestern, meine Tanten, denn das gesamte Familienkonzept ist danach zerbrochen. Ich habe keine Familie mehr. Die Familie, die ich habe ist die, die ich mir aufgebaut habe. Ich möchte das nicht meinem schlimmsten Feind wünschen, dass man nicht dieses Gefühl hat, man hat eine Familie als Hintergrund und Rückhalt. Denn ich stand allein da und zwar wirklich komplett allein.

ZDF: Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Vater?

Holthaus: Mein Vater schreibt mir mehr oder weniger regelmäßig aus der JVA und ich habe aber schon während des Prozesses jeglichen Kontakt zu ihm abgestellt. Das hatte die Presse damals nicht mitbekommen, und hat das anders gesehen, dass ich zu ihm halten würde, wobei ich da schon keinen Brief mehr geschrieben hatte, keine Besuche vollzogen habe. Ich antworte auch bis heute nicht. Die Briefe verwahre ich jetzt. Früher hab ich sie eine Zeit lang nicht verwahrt, da sind sie sofort in den Ofen zum Verbrennen geflogen, aber es ist für mich keine Bedeutsamkeit, eher genervt sein davon.

ZDF: Haben Sie ihrem Vater verziehen?

Holthaus: Verziehen habe ich ihm nicht. Ich habe für mich meinen eigenen Frieden gemacht und das finde ich viel wichtiger. Ich sehe mich durchaus in der Lage, zu sagen: Es ist mir gleichgültig, es ist sein Leben und meins läuft anders. Mein Vater hat dadurch, die Macht über mich verloren.
Ich würde noch ein einziges Mal Kontakt zu ihm aufnehmen, um ganz klar abzuschließen und zwar Auge in Auge. Das heißt, ich hab nie einen Abschluss Auge in Auge mit ihm gefunden, denn ich habe ihn das letzte Mal gesehen, da wurde er aus dem Gerichtssaal geführt bzw. ich glaube, ich bin noch vor ihm hinaus gerannt. Ein letztes Mal, um ganz klar zu sagen: Du brauchst mir nicht mehr schreiben, du brauchst auch nicht im Entferntesten daran zu denken, jemals zu mir Kontakt aufzubauen. Es ist vorbei.

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