Zeitfresser Smartphone: Immer online

Interview mit Alexander Markowetz

Gesellschaft | ML mona lisa - Zeitfresser Smartphone: Immer online

Etwa 53 Mal am Tag greifen wir zum Smartphone, so eine Studie der Uni Bonn. Doch auch wenn die digitalen Nachrichten unser Wohlbefinden fördern können - glücklich macht das Smartphone nicht.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 09.01.2017, 00:00

Etwa 53 Mal am Tag greifen wir zum Smartphone, so eine Studie der Uni Bonn. Doch auch wenn die digitalen Nachrichten unser Wohlbefinden fördern können - glücklich macht das Smartphone nicht.

Alexander Markowetz ist Juniorprofessor für Informatik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Für eine Studie hat er das Verhalten von 300.000 Smartphone-Nutzern untersucht. Bei ML beantwortet der Experte Fragen zum Thema.

ZDF: Sie warnen vor einem digitalen Burnout - warum?

Alexander Markowetz: Weil wir durch die häufige Smartphone-Nutzung unseren Alltag dermaßen fragmentiert haben, dass wir eigentlich nie ganz da sind, und damit sowohl Produktivität als auch glücklich sein ausschließen können.

ZDF: Was ist ein digitales Burnout?

Alexander Markowetz: Das ist ein neuartiger Zustand, in den wir uns bringen, in dem wir es schaffen, gleichzeitig unglücklich und unproduktiv zu sein. Dadurch, dass wir uns am laufenden Band irgendwo unterbrechen und nie mehr in den Flow kommen, und der Flow sowohl für Produktivität, als auch Zufriedenheit die Voraussetzung wäre.

ZDF: Seit Jahren nimmt die Zahl der Smartphones ständig zu. Wie würden Sie den aktuellen Gebrauch von Smartphones in unserer Gesellschaft beschreiben?

Alexander Markowetz: Es ist dramatisch. Es sind schon mal zweieinhalb Stunden am Tag. Aber das ist nicht die zentrale Message, sondern die zentrale Message ist, dass wir uns alle 18 Minuten damit beschäftigen. Dann kommen noch andere Unterbrechungen dazu, das heißt, ich bin nie wieder ganz da.

Alexander Markowetz
Alexander Markowetz Quelle: ZDF

ZDF: Sie sagen, der Gebrauch von Smartphones macht uns krank. Woran machen Sie das fest?

Alexander Markowetz: Ich zerstreue mich maximal schnell, auf die Dauer macht mich das krank. Also durch die häufigen Unterbrechungen, das Fehlen von jeder Form von Pausen, die wir auch durch den Tag hindurch irgendwie gebraucht haben, und auch immer hatten. Wir haben jetzt eine Welt mit zu viel Kommunikation und wir haben es schwierig, uns da einzufangen.

ZDF: Welche Auswirkung hat die ständige Smartphone-Nutzung auf unsere Jugend?

Alexander Markowetz: Bei unseren Jugendlichen messen wir drei Stunden, also noch ein bisschen mehr. Und das, obwohl sie die Hälfte des Tages gar nicht dürfen. Wenn man die von der Leine ließe, dann wäre das noch viel krasser. Was interessant wird, ist die Frage, was mit der Generation der jetzt 15-Jährigen passiert, die nie gelernt hat, sich irgendwie zu mäßigen, wo die Kulturtechnik der Beschränkung irgendwie fehlt, wenn man die in drei Jahren an die Universitäten schickt. Schaffen sie es selber, sich irgendwie zu disziplinieren und konditionieren und einzufangen, oder verklicken sie ihre ganze Karriere auf einmal?

ZDF: Inwiefern kann man beim Smartphone-Gebrauch von einer neuen Zivilisationskrankheit sprechen?

Alexander Markowetz: Die krasse Sucht interessiert mich nicht, das sind so ein, zwei Prozent. Mich interessiert der Rest von dem Eisberg, also die 50 Prozent von den Leuten, die nicht wirklich süchtig sind, aber die nicht so gesund sind, nicht so glücklich, nicht so produktiv, wie sie sein könnten. Das ist auf jeden Fall eine Zivilisationskrankheit, weil das einen Großteil der Menschen betrifft. Die Frage ist im Grunde genommen, empfindet der Mensch das als stressig, als Belastung?

Als wir letztes Jahr mit dem Projekt gestartet sind, war das eigentlich ein Versuch. Die Uni Bonn schreibt eine ganz kleine Pressemitteilung, und die Frage ist, was passiert? Es hätte sein können, dass Deutschland mit den Schultern zuckt und sagt, nö, haben wir kein Problem mit. Aber nein. Die haben uns die Türen eingerannt. Das hat gezeigt, da ist ein Handlungsbedarf, da ist ein Redebedarf, da ist ein Unwohlsein, das sich aufgestaut hat.

ZDF: Können wir als mündige Menschen nicht selbst entscheiden, wann wir das Smartphone in die Hand nehmen und wann nicht?

Alexander Markowetz: Nein, das können wir nicht wirklich. Wir haben gemerkt, das sind unterbewusste Automatismen. Wenn zehn Prozent der Leute 90 Mal am Tag das Handy einschalten, dann sind das keine 90 großen Entscheidungen. Das heißt nicht: Ich bin im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, deswegen beschließe ich das jetzt, sondern: Mir ist ein bisschen langweilig - zack. Man kommt da nicht raus, indem man das den Leuten einmal erklärt. Das hat mit dem Rauchen auch nicht funktioniert. Beim Smartphone ist es genauso. Wir müssen uns konditionieren, wir müssen uns selber austricksen, um von den Dingern wegzukommen.

ZDF: Was würden Sie empfehlen, um den Gebrauch von Smartphones einzuschränken?

Alexander Markowetz: Wir müssen versuchen, den Tag wieder zu defragmentieren Das heißt, wir sollten wahrscheinlich kurz telefonieren. Krassester Fall, zwei 13-Jährige Mädchen, beste Freunde, die chatten den ganzen Tag. Was würde man denen raten? Mädels telefoniert doch bitte einfach drei Stunden am Tag. Das hört sich komisch an, aber 24 Stunden minus 8 Stunden Schlaf sind 16, minus 3, dann bleiben noch 13 Stunden übrig. Wenn diese Mädels aber den ganzen Tag nur hin- und herschreiben dürfen, dann ist der ganze Tag futsch.

ZDF: Was sind die Alternativen zu diesem exzessiven Verhalten?

Alexander Markowetz: Was bei Kindern ganz wichtig ist, ist nicht zu sagen, nein, sondern man muss denen auch zeigen, was mache ich denn in meiner Zeit? Das mit positiven Erlebnissen ausfüllen. Das ist auch eine Kulturtechnik, zu lernen, zu wissen, wie verbringe ich meine Zeit, wenn ich nicht klicke. Also das Positive. Das sind Sachen, die haben wir früher gelernt, weil wir noch mussten, weil wir viele Zeiten hatten, in denen wir nicht klicken konnten.

ZDF: Was sagen Sie zu der These, dass direkte Kommunikation genauso wichtig ist wie digitale Kommunikation?

Alexander Markowetz: Die Frage ist häufig, ist das überhaupt Kommunikation? Ist das Kommunikation, die wir wollen? Wenn wir beide am Tisch sitzen, und ich fange an, rum zu klicken, ist das nicht, weil ich Kommunikation wünsche, die könnte ich direkt haben, sondern dann geschieht das eigentlich, weil ich irgendwie meinen Dopamin-Zyklus am Laufen halten muss.

Das sieht man eigentlich bei News recht schön: Jemand, der am Tag 100 Mal Online-News checkt, wenn ich dem die morgens in einem langen PDF gebe, dann guckt er da nie wieder rein. Das heißt, es ginge gar nicht um das Informieren, sondern um das Checken, um das Dopamin. Das heißt, Online-Kommunikation und wirkliche Kommunikation sind nicht gleichwertig. Wir müssen uns fragen, ist das überhaupt Kommunikation, was wir da betreiben?

ZDF: Kann es sein, dass Erwachsene der Entwicklung von der analogen in die digitale Welt hilflos gegenüberstehen, Kinder diese Probleme aber nicht haben?

Alexander Markowetz: Ein ganz großer Mythos ist die Idee, die Digitalisierung hat an einem Donnerstagnachmittag 2013 stattgefunden und man muss sich jetzt in dieser neuen Welt nur einmal orientieren. Das ist Unsinn. Wir haben Innovationszyklen von fünf Jahren. Der jetzt Zehnjährige hat bis er 70 ist, zwölf weitere Innovationszyklen. Und wenn der 70 ist, wird er sich wesentlich schwerer tun, als meine 75-jährige Mutter heute.

ZDF: Gibt es denn Beweise, dass Smartphones wirklich schädlich sind?

Alexander Markowetz: Beweise gibt es nicht, es ist einfach viel zu neu. Das heißt aber nicht, dass wir sagen, ja dann warten wir mal 15 Jahre, machen 15 Jahre Grundlagenforschung. Ich glaube, dass es einen zentralen Unterschied zu den bisherigen Mediendiskursen gibt. Es war immer der Ansatz, ich als 40-Jähriger bin die Krönung der Schöpfung und nach mir kommen nur noch Idioten. Das war bei Smartphone anders. Als wir letztes Jahr gestartet sind, wollte ganz Deutschland, sehr erstaunlich für einen Deutschen, über sich selber reden. Die wollten gar nicht den Finger zeigen. Und das ist ein fundamentaler Unterschied zu den bisherigen Mediendiskursen, die wir sonst immer hatten.

ZDF: Die Bilanz Ihrer Forschung, wie sehen Sie die Entwicklung?

Alexander Markowetz: Das 21. Jahrhundert ist eine Wissensgesellschaft, da gibt’s eine einzige Ressource, die zählt: Das ist mein Hirn, damit erarbeite ich Wert für mich und für diese Nation. Die Frage ist, wie wir mit dieser Ressource umgehen und da spielen Smartphones und digitale Medien eine ganz zentrale Herausforderung.

Ich würde mir wünschen, dass wir anfangen einen Diskurs zu betreiben in der Gesellschaft. Wir müssen als Gesellschaft anfangen, darüber zu reden, wie wollen wir mit uns gegenseitig umgehen? Wie wollen wir es schaffen diese Digitalisierung zu meistern? Wie wollen wir diese neu entstehende Welt gestalten? Nicht die Frage, ja oder nein, sondern die Frage wie?

ZDF: Wie gehen Sie selbst damit um, sind Sie nie verführt?

Alexander Markowetz: Ich bin ganz einfach zu verführen. Ich tue mich da genauso schwer wie jeder andere. Ich gebe mir Mühe, also in meinem Schlafzimmer ist kein Handy, in meinem Urlaub habe ich kein Handy, und ansonsten versuche ich es wegzupacken. Aber ich bin da nicht besser als der Rest der Nation, leider.

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