So zeigt man Zivilcourage

Interview mit Alexander Schwandner

Gesellschaft | ML mona lisa - So zeigt man Zivilcourage

Werde ich kein Opfer, wird der andere kein Täter, so die Maxime von Alexander Schwandner. Der Kontaktbeamte der Bayerischen Polizei zeigt Interessierten in Kursen, wie Zivilcourage funktionieren kann.

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 01.07.2018, 18:00

Im ausführlichen ML-Interview erklärt Polizeihauptmeister Alexander Schwandner unter anderem, warum Zivilcourage-Kurse wichtig sind, und warum selbstsicheres Auftreten in brenzligen Situationen hilfreich ist. 

ZDF: Die Teilnehmerzahlen für den Kurs haben sich erhöht – warum ist das so?

Alexander Schwandner, Polizeihauptmeister
Alexander Schwandner Quelle: ZDF

Alexander Schwandner: Wir merken ein steigendes Interesse an diesen Seminaren, weil es auch eine einfache Art ist, Selbstsicherheit zu erlernen. Die Leute werden durch die Medien und die Berichterstattung über Übergriffe, Überfälle und schlimme Taten oftmals verunsichert. Die Leute wollen solche Situationen nicht erleben, deswegen kommen viele zu uns und möchten lernen, wie sie sich da verhalten können.

ZDF: Wie alt sind die meisten Kursbeleger?

Alexander Schwandner: Wir haben überwiegend so ab 30 aufwärts. Unsere älteste Kursteilnehmerin war 80. Also es ist eher so, dass die Leute sich Gedanken um ihre eigene Sicherheit machen und deswegen sich für diese Kurse interessieren. Ich persönlich hätte gerne mehr junge Leute, weil die auch ausgehen und öfter in solche Situationen geraten könnten.

ZDF: Sind es vorwiegend Frauen, die zu Ihnen kommen?

Alexander Schwandner: Ja, also auf alle Fälle. Man kann schon sagen, deutlich mehr Frauen interessieren sich dafür, wie helfe ich oder wie verhalte ich mich, wenn ich persönlich angegangen werde. Männer kommen meistens mit dem Wunsch, das richtige Helferverhalten zu lernen. Männer sehen sich selten als Opfer, wobei auch Männer genauso Opfer werden können wie Frauen. Das ist vollkommen geschlechterunabhängig.

ZDF: Warum glauben Sie, dass Frauen solche Kurse belegen – weil sie eine Art Selbstverteidigung lernen wollen, oder warum?

Alexander Schwandner: Einfach für ein selbstsicheres Auftreten. Unser Kurs ist kein Selbstverteidigungs-Seminar sondern nur ein Selbstsicherheits-Seminar. Ich denke, sie wollen da ein selbstsichereres Auftreten haben, um sich besser selber zu wehren. Frauen sind von Haus aus immer die höflichen, die netten, die charmanten Mitglieder unserer Gesellschaft – was ja sehr schön ist, was auch sehr gut ist – aber leider provoziert das den Täter, sich eine Frau als Opfer auszusuchen. Ich glaube, diese Frauen denken da mehr drüber nach, dass sie sagen, wenn so etwas passiert und mich kuckt so einer an, wie kann ich mich da richtig verhalten. Und Frauen sind auch aktiver im Helferverhalten. Frauen nehmen diese Situationen schneller wahr und möchten da auch aktiv helfen und dabei sein. Deswegen ist die Motivation von den Frauen, wie sie beides, also Opferverhalten und Helferverhalten, erfahren und trainieren können.

ZDF:  Was ist das Anliegen des Zivilcourage-Kurses?

Alexander Schwandner:  Das Anliegen des Zivilcourage-Kurses ist es auf jeden Fall, den Leuten eine Sicherheit mitzugeben, durch richtiges Verhalten Situationen zu entschärfen. Vielleicht wäre auch passend, werde ich kein Opfer, wird der andere kein Täter. Das finde ich, ist auch ein schöner Gedanke. Wenn ich nämlich weiß, wie ich mich verhalten kann, um kein Opfer zu werden, dann gebe ich dem anderen schon keine Chance, Täter zu werden.

ZDF: Wo liegt der Schwerpunkt?

Alexander Schwandner: Der Schwerpunkt liegt in unseren Seminaren ganz deutlich in der richtigen Körpersprache, also wie nimmt der andere mich wahr, wie sitze ich, wie stehe ich, was habe ich für eine Körperhaltung? Das ist sehr, sehr wichtig. Und: Was sage ich, wenn ich etwas sage: Sage ich es mit Bitte, oder sage ich es klar und deutlich. Also unser Schwerpunkt liegt, auf diesem Lauten, auf diesem “Sie“, um da schon mal eine Grenze zu setzen. Körpersprache und das Verbale, die Kommunikation. Die meisten Situationen, in die wir hoffentlich niemals kommen, aber in die wir doch kommen könnten, sind durch Körpersprache und durch das verbale Auftreten zu klären.

ZDF: Wenn Sie uns drei Tipps mit auf den Weg geben, welche wären das?

Alexander Schwandner: Kopf hoch, also quasi gerade Haltung, die Schultern zurücknehmen, so wirke ich schon mal größer und präsenter. Also nicht den Kopf gebeugt lassen, gehen Sie aufrecht, gehen Sie selbstbewusst. Zweiter Tipp: Haben Sie keine Angst, Ihre Stimme einzusetzen. Sie sagen nur etwas, das tut keinem weh. Sie trauen sich, etwas zu sagen. Und als dritter Tipp: Achten Sie auf Ihre Umgebung. Sollten Sie Helfer brauchen, wen könnten Sie ansprechen als Helfer!

ZDF: Sie als Kontaktbeamter der Polizei, der immer am Bahnhof unterwegs ist, was würden Sie sich wünschen?

Alexander Schwandner:  Ich würde mir tatsächlich mehr Helferverhalten wünschen, dass die Leute wirklich mehr anfangen, aufeinander zu kucken, aufeinander zu achten. Was ich schon merke, ist immer, dass die Leute sich beschweren, dass keiner ihnen hilft. Aber die Leute sind auch nicht bereit, auf die anderen zu kucken und denen zu helfen. Ich finde, da geht es los. Ich muss bereit sein, den anderen Leuten zu helfen, dann kann ich auch erwarten, dass die anderen Leute mir helfen.

Ich hätte gerne, dass die Leute wirklich aktiver sind beim Helfen und beim Helferverhalten. Einfach mal Leute ansprechen, fragen, brauchen Sie Hilfe, kann ich etwas tun für Sie? Da geht sie schon los, die Zivilcourage. Da kann ich das schon trainieren. Dass die Leute nicht mehr aneinander vorbeieilen. Wir haben das oft am Bahnhof, und wenn es nur Kleinigkeiten sind, dass mal jemand gestürzt ist, dann eilen die Leute dran vorbei und lassen den anderen selber aufstehen, statt dass sie ihm mal nur die helfende Hand reichen.

ZDF: Sie geben Kurse – was ist Ihre Motivation?

Alexander Schwandner: Ich bin zur Polizei gegangen, weil ich etwas verändern möchte in dieser Welt oder in dieser Gesellschaft. Und allein mit der Kriminalitätsbekämpfung, das war mir dann doch zu wenig. Ich hätte da doch gern früher angesetzt, den Leuten etwas mitzugeben. Die Möglichkeit dieses Kurses, sind einfache effektive Sachen, und wenn ich die den Leuten entsprechend mitgebe und vielleicht auch den Leuten Lust mache, das auszuprobieren oder das anzuwenden, dann ist es eigentlich so mein Beitrag, die Welt ein wenig zu verändern. Im Kleinen natürlich nur, das ist mir vollkommen klar. Aber wenn ich in diesen ganzen Seminaren einen Einzigen davor bewahrt habe, dass er Opfer von einem Gewaltdelikt geworden ist, dann habe ich das Ziel eigentlich schon erreicht, auch wenn ich es nicht weiß. Das ist meine Motivation.  

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