Gegen den Zwang ankämpfen

Interview mit Prof. Ulrich Voderholzer

Gesellschaft | ML mona lisa - Gegen den Zwang ankämpfen

Egal, wo du dich versteckst, die Angst findet dich: Drei Prozent aller Deutschen leiden unter einer Zwangsstörung, die ihr Leben zur Qual macht. Oft hilft dagegen nur noch eine Therapie.

Beitragslänge:
6 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.02.2017, 10:48

"Jeder Tag besteht aus 40 Kämpfen, von denen ich weiß, dass ich die Hälfte verliere." Das sagt Hanka Rackwitz, Immobilienmaklerin und Moderatorin aus der Nähe von Leipzig. Sie wacht mit Zwängen auf und geht damit ins Bett, seit langem. Sie ist eine von etwa drei Prozent der Deutschen, deren Leben durch Zwangsstörungen zur Qual wird. Zwangsstörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. ML mona lisa hat darüber mit Prof. Ulrich Voderholzer gesprochen. Er ist Therapeut und Ärztlicher Direktor der psychosomatischen Klinik Roseneck am Chiemsee.

Prof. Ulrich Voderholzer
Prof. Ulrich Voderholzer

ZDF: Herr Professor Voderholzer, wer erkrankt an Zwangsstörungen?


Prof. Ulrich Voderholzer: An Zwangsstörungen erkranken Männer und Frauen etwa gleich häufig mit einem leichten Übergewicht bei den Frauen. Oft fangen die Zwänge schon in der Kindheit an, meist aber zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr, allerdings kann es auch noch im 50. Lebensjahr auftreten. Ohne Therapie bleiben sie häufig ein Leben lang, mal stärker, mal schwächer.


ZDF: Gibt es Faktoren, die Zwangsstörungen hervorrufen?

Voderholzer: Die Genetik, Lebenserfahrung und Umwelteinflüsse spielen eine wichtige Rolle. Schwere Traumatisierungen in der Kindheit oder belastende Lebenserfahrungen sind häufig der Auslöser. Menschen mit Zwangsstörungen zeichnen sich durch Besonderheiten aus, sie sind zum Beispiel unsicher oder perfektionistisch und versuchen, das mit Ritualen unter Kontrolle zu bekommen.


ZDF: Ab wann spricht man von einer Zwangsstörung?


Prof. Voderholzer: Man spricht von der Krankheit Zwangsstörung, wenn die Zwänge das Leben beeinträchtigen. Also Berufs- und Arbeitsunfähigkeit, Abfall der Leistungen in der Schule oder wenn das soziale Leben beeinträchtigt wird. Es ist häufig der Fall, dass die Menschen sich zurückziehen, Einladungen nicht wahrnehmen können und nicht mehr nach draußen gehen können. Gerade in festen Partnerschaften stellt das ein Problem dar, weil die Zwänge oft sehr viel Zeit kosten und mit vielschichtigen Ängsten verbunden sind.


ZDF: In welcher Situation befinden sich Menschen mit einer Zwangsstörung?


Voderholzer: Sie wissen meist, dass ihre Zwänge übertrieben und unsinnig sind, allerdings können sie sich nicht dagegen wehren und schämen sich oftmals dafür. Sie versuchen ihre Zwänge zu verstecken und zu verheimlichen. So kriegen Außenstehende nichts davon mit, dass sie zum Beispiel sich stundenlang die Hände waschen. Von außen wirken sie gepflegt und ordentlich, in der Realität sind sie aber Stunden mit ihren Zwängen beschäftigt. Auf Dauer macht das depressiv, weil es sehr belastend und quälend ist.


ZDF: Was kann man dagegen tun?


Voderholzer: Wenn man die richtige Therapie auswählt, stehen die Chancen sehr gut, die Zwangsstörungen loszukriegen. Am besten bewährt hat sich tatsächlich die Kognitive Verhaltenstherapie mit Expositionsübungen. Etwa 60 bis 70 Prozent sprechen darauf an, also es wird um ein Vielfaches besser. Das kann man ambulant machen, aber wenn die Zwänge sehr schwer sind, bedarf es häufig einer stationären Behandlung, die dann deutlich intensiver durchgeführt wird. Für Menschen, denen die Therapie nicht hilft, kann man zusätzlich auch Medikamente verwenden. Diese haben keine massive Wirkung und führen dennoch zu einer Besserung. Die effektivste Therapie heutzutage ist jedoch eine spezielle Psychotherapie.


ZDF: Und diese Therapie beinhaltet die Expositionstherapie?


Voderholzer: Die Psychotherapie hilft den Betroffenen, den Zusammenhang zu verstehen, warum ihre Zwänge im Leben aufgetreten sind und auch was die Zwänge aufrechterhält. Dann muss man sich schrittweise den Ängsten und den unangenehmen Situationen aussetzen, sie durchleben und bewältigen, indem man die Zwangshandlungen nicht ausübt und auch die Angst durchlebt. Ohne therapeutische Anleitung schaffen das die meisten nicht. Die Menschen werden von Therapeuten gut begleitet und sie bearbeiten auch die dahinterliegenden Gefühle, die oft damit verbunden sind. Gleichzeitig beinhaltet die Therapie auch einen Aufbau neuer Lebensbereiche, die oft total vernachlässigt sind. Anstatt sich stundenlang ihren Zwängen hinzugeben, müssen sie langsam lernen, wieder etwas anderes im Leben zu tun.


ZDF: Kann man die Zwänge nach der intensiven Therapie ablegen?


Voderholzer: Eine Komplettheilung ist eher die Ausnahme, aber man kann sie auf 60 bis 80 Prozent, so dass man sehr gut im Leben damit zurechtkommt. Nur einer von sechs Personen schafft es, sie komplett abzulegen. Zwänge sind etwas sehr hartnäckiges, aber die gute Botschaft ist, man kann sie wesentlich verbessern. Vor allem wenn eine therapeutische Begleitung über einen längeren Zeitraum auch nach einer Therapie besteht. Die Tendenz zu Zwängen steckt tief im ZNS, im Nervensystem, das heißt sie müssen schon auch weiter gegen ihre Tendenz ankämpfen, damit sich die Zwänge im Alltag nicht wieder einschalten.


ZDF: Nehmen die Zwangsstörungen in Deutschland zu?


Voderholzer: Nach einer jüngsten Untersuchung in Deutschland kriegen etwa drei Prozent der Bevölkerung sowas im Leben, das sind höhere Zahlen als früher. Genaue Untersuchungen, ob es zunimmt, gibt es nicht, aber wir haben den Eindruck, dass Zwänge häufiger vorkommen. Das macht sich an den Behandlungszahlen bemerkbar.


ZDF: Woran liegt das?


Voderholzer: Ich glaube, dass viele Sicherheiten, mit denen Menschen aufwachsen, in der Welt eher brüchig sind. So zum Beispiel der familiäre Zusammenhalt oder stabile Freundeskreise. Bei Jugendlichen merken wir sehr oft, dass der Leistungsdruck und eine starke Unsicherheit gerade in Beziehungen oft Auslöser sind. Das ist eine kontroverse Diskussion. Nehmen psychische Krankheiten wirklich zu oder sind wir nur viel aufmerksamer sie zu erkennen? Vielleicht waren sie früher schon weit verbreitet und man hat sie nur stärker verheimlicht.

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