Angst-Thema Organspende

Wann ist der Mensch wirklich tot?

Im August 2012 ist das neue Transplantationsgesetz in Kraft getreten. Hiermit sollen die ärgsten Engpässe in der Versorgung von Schwerkranken mit Spenderorganen beseitigt werden. Doch sind die Kriterien für die Organentnahme in Deutschland medizinisch-ethisch korrekt? Müssen wir eventuell neue Maßstäbe setzen oder auf Transplantationen ganz verzichten? Bei Peter Hahne diskutieren die Organspenden-Kritikerin und Soziologie-Professorin Alexandra Manzei und der weltweit anerkannte Herzchirurg und Transplantationsmediziner Professor Roland Hetzer.

Ärzte während einer Nierentransplantation
War der Spender dieser Niere wirklich schon tot?

Jeden Tag sterben in Deutschland etwa drei Menschen, weil sie kein für sie lebensnotwendiges Spenderorgan erhalten haben. Insgesamt 12.000 Kranke stehen alleine in Deutschland auf den Wartelisten für ein Implantat. Ein Zustand, der nun den Bundestag veranlasst hat, ein neues Transplantationsgesetz zu verabschieden. Dieses sieht unter anderem vor, dass die Krankenkassen regelmäßig bei den Versicherten nachfragen müssen, ob diese bereit sind, einen Organspendeausweis zu unterschreiben.

Neue Todesdefinition

Eine Initiative, die auf den ersten Blick durchaus vernünftig klingt. Denn wie anders sollte man sterbenskranke Menschen von ihrem Leiden befreien? Und ein Toter kann ja seine gesunden Organe nicht mehr gebrauchen. Verlässt man jedoch diese oberflächliche Ebene, wird es kompliziert: Zunächst erscheint dann nämlich die Vergabepraxis in einem fragwürdigen Licht. Der Organspendeskandal hat sogar bereits zwei Krankenkassen (AOK und SBK) veranlasst, den vom Gesetz geforderten Versand der Ausweise zu stoppen. Und außerdem stellt sich bei intensiverer Beschäftigung mit dem Thema die Frage, wann ist denn ein Mensch tatsächlich tot?

Bis weit ins 20. Jahrhundert war diese Frage leicht zu beantworten: Das Herz steht still und infolgedessen stirbt ein Mensch an Sauerstoffmangel. Seit es allerdings lebenserhaltende Maschinen gibt, kann ein Herz jahrelang weiterschlagen, obwohl der Kranke in einem tiefen Koma liegt und keinerlei Reaktionen mehr zeigt. Angesichts der ersten Transplantation eines menschlichen Herzens war es daher nötig, den Tod neu zu definieren, denn natürlich wollte man nicht einem noch Lebenden dessen Organe entreißen. Andererseits war es notwendig, dass die potentiellen Implantate so lange wie möglich durchblutet werden, denn stirbt Organgewebe ab, wird es giftig und kann nicht mehr verpflanzt werden.

Unterschiedliche Kriterien

Ende der 1960er Jahre wurde ein irreversibles Koma als Todeskriterium definiert, was aber der laut werdenden Kritik nicht standhielt. Etwa zehn Jahre später wurde diese Definition durch den „Hirntod“ ersetzt. Allerdings ist auch dieser nicht unumstritten. Zum einen verweisen Kritiker darauf, dass hirntote Patienten durchaus noch reflexartige Reaktionen zeigen können, weiter warm und durchblutet sind – also nicht tot sein können. Zum anderen werden unter „Hirntod“ im internationalen Vergleich verschieden Befunde verstanden: Setzen die Einen den Ausfall des gesamten Zentralen Nervensystems voraus, also auch des Rückenmarks, gilt in Deutschland die Regel, dass das Großhirn, das Kleinhirn und der Hirnstamm keine Funktion mehr haben.

In England ist die Regelung weniger streng. Hier genügt es, wenn nur der Hirnstamm ausgefallen ist. Dies hatte allerdings zur Folge, dass vor vier Jahren ein junges Unfallopfer für hirntot erklärt wurde und dessen Eltern um die Einwilligung zur Organentnahme gebeten wurden. Diese weigerten sich – und heute studiert der angeblich Tote in Coventry Rechnungswesen.

Die Gäste der Sendung:

Alexandra Manzei
Alexandra Manzei

Alexandra Manzei wurde 1964 geboren. Sie arbeitete 15 Jahre lang als Krankenschwester auf der Intensivstation einer Frankfurter Unfallklinik. Parallel dazu holte sie ihr Abitur nach und studierte von 1990 bis 1996 Soziologie und Philosophie in Frankfurt. 2002 promovierte sie zum Dr. phil. an der TU Darmstadt. Es folgten zwei Jahre als Wissenschaftliche Assistentin an der TU Darmstadt sowie eine Gastprofessur in Wien. Von 2005 bis 2008 leitete sie das Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Erfahrungswissen in der technisierten Medizin“ am Institut für Soziologie der TU Berlin und von 2009 bis 2011 war sie Gastprofessorin an der TU Darmstadt, Fachbereich Soziologie mit dem Schwerpunkt Technik, Medizin und Gesundheit. Seitdem arbeitet sie als Professorin an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar.

Ihre Einstellung zur Vergabepraxis von Spenderorganen ist geprägt durch ihre Erfahrungen als Intensiv-Schwester, die jahrelang für hirntot erklärte Patienten auf die Transplantation vorbereitet hat. Für sie sind Hirntote nicht tot sondern Sterbende, und sie kritisiert, dass die Angehörigen potentieller Organspender nicht wahrheitsgemäß über den Zustand des Patienten aufgeklärt werden. Denn das Hirn sei zwar irreversibel verletzt, doch gebe es Fälle, bei denen die anderen Organe der scheinbar Toten noch tage- oder wochenlang weitergearbeitet hätten – trotz abgeschalteter Beatmungs-Maschinen.

Roland Hetzer
Roland Hetzer

Roland Hetzer (Jahrgang 1944) studierte nach dem Abitur Medizin in Mainz und München. Nach Promotion und Approbation 1969/1970 schloss sich seine Assistenzarztzeit in Augsburg und Hannover an. Nach einem einjährigen Aufenthalt an der Stanford-Universität in Kalifornien wurde er 1977 zum Facharzt für Chirurgie und Oberarzt in Hannover. Mit seiner Habilitation und der sich anschließenden außerordentlichen Professur fand er seinen Forschungsschwerpunkt: Herztransplantationen. 1983 baute er in Hannover das erste Transplantationszentrum mit auf und war nach 1985 als leitender Arzt und Ärztlicher Direktor am Aufbau des Deutschen Herzzentrums in Berlin beteiligt.

Für seine herausragenden Leistungen im Bereich der Herztransplantationen wurde Hetzer mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so unter anderem dem Bundesverdienstkreuz, mehreren Ehrendoktorwürden und der Ehrenprofessur der medizinischen Universität in Shanghai.

Von Harald Grimm

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