Angst vorm Alter

Wer soll uns einmal pflegen?

Pflegeskandale, steigende Pflegekosten und eine unzureichende Pflegeversicherung – wie ergeht es unseren Alten und wie werden die Jüngeren einst ihr Rentnerdasein fristen? Werden sie liebevoll von ihren Kindern zuhause betreut oder von den undankbaren Blagen ins Heim abgeschoben? Und sind Mehrgenerationenhäuser wirklich so viel besser als professionelle Pflege? Über Gegenwart und Zukunft der Altenpflege diskutieren bei "Peter Hahne" die Autorin und Journalistin Martina Rosenberg und der Sozialarbeiter und Autor Claus Fussek.

Frau in einem Seniorenzentrum
Ab ins Heim - oder doch besser zuhause pflegen?

Noch nie wurden die Deutschen so alt wie heute, noch nie konnten sie so lange ihren „wohlverdienten Ruhestand“ genießen – und noch nie gab es so viele Berichte über Missstände in Wohn- und Pflegeheimen. Das ist zwar unschön, doch laut Ex-Gesundheitsminister Bahr sollten pflegebedürftige Angehörige sowieso am besten zuhause betreut werden. Auch Kanzlerin Merkel betonte in ihrer jüngsten Regierungserklärung, die pflegenden Angehörigen von Kranken seien „die stillen Helden unserer Gesellschaft." Wussten die Politiker dies aus eigener Erfahrung oder wollten sie nur die Kosten im Pflege- und Gesundheitswesen senken? Letzteres scheint eher der Fall zu sein, denn unsere Gesellschaft hat sich längst von dem „Altenteil“-Idyll verabschiedet, in dem in Mehrgenerationen-Haushalten die alten Eltern von ihren Kindern und Enkeln versorgt werden konnten.

Die moderne Durchschnittsfamilie lebt am Rand der Metropolen, arbeitet oft mehr als eine Stunde entfernt und kann trotzdem vielfach ausschließlich vom Einkommen des Familienvaters nicht leben: Die Frau muss mitarbeiten, „nebenbei“ die Kinder erziehen und dann auch noch ihre Eltern betreuen. Solange diese gesund sind, kann dieses Modell eventuell funktionieren, aber wehe Vater und Mutter werden pflegebedürftig! Dann landet die Familie – klassischerweise immer noch die Frau – in einem Teufelskreis. Sie muss ihren Beruf aufgeben oder kürzer treten, das Familieneinkommen verringert sich – die Leistungen der Pflegekasse können diesen Verlust in der Regel nicht kompensieren -, der Lebensstandard sinkt. Die unfreiwillige Pflegerin arbeitet fortan in einem ihr fremden, körperlich anstrengenden Beruf, punktuell unterstützt von einem ambulanten Pflegedienst und ist darüber hinaus auch psychisch hoch belastet. Denn was wird in ihr vorgehen, wenn sie ihren Vater, die frühere Respektsperson, nun von Kopf bis Fuß waschen oder sich von ihrer früher liebevollen, heute aber dementen Mutter übel beschimpfen lassen muss?

Viel Arbeit – wenig Geld

Also dann doch lieber trotz des schlechten Gewissens und der vorwurfsvollen Blicke der Nachbarn die Eltern ins Heim geben? Wären da nur nicht die Pflegeskandale, Berichte über Misshandlungen, Vernachlässigungen bis hin zum verdursten lassen und flächendeckenden Sedierungen mit hochwirksamen Psychopharmaka. Da das Pflegepersonal in den Heimen nicht unter den Generalverdacht der Grausamkeit zu stellen ist, müssen die Gründe für diese Missstände woanders gesucht werden. Wenn der Frühdienst auf einer Station mit 30 Pflegebedürftigen aus zwei ausgebildeten Kräften besteht, vielleicht unterstützt von der Stationshilfe und zwei Auszubildenden, ist eine professionelle Pflege nicht möglich. Selbst das berüchtigte „sauber, satt und trocken“ als Grundpflege ist so nicht leistbar – von psychosozialer Betreuung, anregenden Gesprächen und Spaziergängen im Park kann hier schon gar keine Rede sein.

Doch selbst wenn der Pflegeschlüssel, der das Zahlenverhältnis zwischen Pflegerinnen und Betreuten festlegt, deutlich angehoben würde, bleibt die Frage, wer zu diesen Konditionen denn arbeiten möchte. Es ist schon ein ausgeprägtes Helfersyndrom vonnöten, wenn eine junge Frau nach drei Jahren Ausbildung für durchschnittlich 1700 Euro Bruttogehalt in einem Heim arbeiten will – inklusive Schicht- und Wochenendarbeit. Wieder einmal stehen wir also vor einem finanziellen Problem, das aber – ebenso wieder einmal – ein strukturelles Problem ist. Unsere Gesellschaft und die Politik müssen sich überlegen, wie das zur Verfügung stehende Geld einzusetzen ist. Sind uns die Alten mehr wert als prestigeträchtige Großprojekte oder die Erfüllung von sündhaft teuren Wünschen der Industrie-Lobbyisten? Kann sich eine Gesellschaft, die sich „sozial“ gibt, einen solchen Umgang mit Hilfsbedürftigen leisten? Oder geht es tatsächlich nur um das Leben im Jetzt und „nach mir die Sintflut“?

Die Gäste der Sendung

Martina Rosenberg
Martina Rosenberg Quelle: imago

Martina Rosenberg wurde 1963 am Ammersee in Bayern geboren. Nach der Ausbildung zur Zahnarzthelferin ging sie nach Kreta, wo sie unter anderem als Reiseleiterin arbeitete. Nach der Geburt ihrer Tochter kehrte sie mit ihr und ihrem Mann nach Deutschland zurück und gründete ein EDV-Schulungscenter. Nach dem Verkauf des Zentrums leitete sie es weiter und studierte gleichzeitig BWL. 2005 fand sie beim Roten Kreuz eine Anstellung im Bereich Marketing und Öffentlichkeitsarbeit und ab 2011 belegte sie ein Fernstudium im Fach Journalismus.

Sie und ihre kleine Familie lebten im Haus ihrer Eltern, das perfekte Mehrgenerationen-Modell – zunächst. Doch dann erkrankte ihre Mutter an Demenz und ihr Vater erlitt einen Schlaganfall. „Selbstverständlich“ übernahm die treusorgende Tochter die Pflege, nichtsahnend, was auf sie zukommen sollte. Irgendwann musste sie sich selbst eingestehen, dass sie physisch und vor allem psychisch überlastet ist. Sie engagierte zusätzlich professionelles Pflegepersonal, zog zeitweise sogar zuhause aus. Doch die Belastung blieb. Ihre Verzweiflung führte soweit, dass sie manchmal dachte „Mutter, wann stirbst Du endlich?“. 2012 erschien ihr Buch mit diesem Titel, in dem sie ihre Erfahrungen mit der häuslichen Pflege zusammenfasste. Es sollte keine Aufarbeitung werden, im Gegenteil: Sie berichtet, dass das Verfassen viele schmerzhaften Erinnerungen wieder hat hochkommen lassen. Ihr Motiv war eher, Eltern und Kinder aufzufordern, sich frühzeitig mit dem Thema Pflege auseinander zu setzen. Und ihr Appell an die Politik lautet: „Mehr Geld für die Altenheime, damit die wiederum den Personalschlüssel, also die Anzahl der Pfleger/innen erhöhen können“ und finanzielle Gleichstellung von häuslicher Pflege und Pflege durch Pflegedienste.

Claus Fussek
Claus Fussek Quelle: imago

Claus Fussek wurde 1953 in Bad Tölz geboren. Er lebt und arbeitet als Sozialarbeiter und Buchautor in der Nähe von München. Deutschlandweit wurde er bekannt als Kritiker der Zustände in Pflege- und Altenpflegeheimen. In seinem jüngsten, gemeinsam mit Gottlob Schober verfassten Buch „Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte“ beschäftigt er sich erneut mit der momentanen Situation in deutschen Pflegeheimen und kommt dabei zu drastischen Vergleichen.

Für ihn werden zahlreiche Heiminsassen durch Schlafentzug gefoltert, da die katastrophale Personalsituation es nötig mache, Patienten noch mitten in der Nacht zu wecken, um sie zu waschen. Das standardmäßige Verlegen von Magensonden zur Erleichterung des Fütterns bezeichnet er als Körperverletzung. Und die durchaus gängige Methode, Pflegebedürftige durch „Fixierungen“ ruhig zu stellen, würde, in einem Gefängnis angewandt, seiner Ansicht nach zum sofortigen Rücktritt des zuständigen Justizministers führen. In Pflegeheimen würden solche Maßnahmen schulterzuckend hingenommen. Er kritisiert den Mangel an Menschlichkeit in unserer Gesellschaft und die fehlende Zeit sich hinreichend der Pflege hilfsbedürftiger Menschen zu widmen.

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