Brauchen wir noch die Feiertage?

Margot Käßmann im Gespräch mit Peter Hahne

In den vergangenen Jahren sind hunderttausende Menschen aus den Kirchen ausgetreten. Doch auch wenn die Zahlen seit 2004 nicht mehr ganz so stark zurückgehen wie noch vor 20 Jahren, scheint der Glaube an die Institution Kirche in der Gesellschaft  abzunehmen. Viele Menschen sind auf der Sinnsuche, erhalten aber von den etablierten Kirchen offensichtlich nicht die geeigneten Antworten. Macht die Kirche etwas falsch?

Abschlussgottesdienst
Noch immer ziehen die Kirchentage tausende Gläubige in ihren Bann. Quelle: dpa

Ob Papstbesuch oder Kirchentag, die Besucher scheinen euphorisch und voller Enthusiasmus zu sein, wenn es um ihre Religion geht. Aber trügt der Schein? Haben wir es bei diesen Veranstaltungen nur noch mit einigen Wenigen zu tun, die ihre Hoffnung auf Sinnerfüllung in den christlich orientierten Glauben setzen?

Viele Menschen wissen gar nicht mehr, was an den verschiedenen Kirchenfeiertagen begangen wird. Welche Bedeutung hat Ostern, was wird zu Pfingsten gefeiert? Brauchen wir diese Feiertage noch, wenn sowieso niemand mehr weiß, wozu es sie gibt?

Feiertage tauschen

Der Grünen-Politiker Christian Ströbele macht sich für einen Feiertag der in Deutschland lebenden Muslime stark und denkt im gleichen Atemzug laut über die Abschaffung christlicher Feiertage nach. "Ich befürworte einen gesetzlichen Feiertag etwa zum Ende des Fastenmonats Ramadan", sagte er der Zeitung "Die Welt". Dafür könne einer der vielen christlichen Feiertage gestrichen werden, schlägt Ströbele vor.

Margot Käßmann, die frühere EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischöfin a.D. sieht dies ganz anders: „Dass viele Menschen in unserem Land die Bedeutung der christlichen Feiertage nicht mehr kennen, ist nicht nur ein Verlust an kulturellem Gedächtnis, sondern verkennt, dass diese Tage mit ihren Inhalten auch heute aktuell sind.“

Für Käßmann ist die Abschaffung der Feiertage also kein Thema, im Gegenteil: Sie sprach sich auf dem diesjährigen evangelischen Kirchentag in Hamburg dafür aus, den Reformationstag als gesetzlichen Feiertag zu verankern. "Dass im Land der Reformation eine große Zahl von Menschen keinen Schimmer hat, worum es an diesem Tag geht, das ist mir ein Ärgernis", erklärte Käßmann. Doch was können die Kirchen gegen diese „Gedächtnislücken“ tun?

Gast der Sendung

Margot Käßmann
Margot Käßmann


Margot Käßmann, geboren 1958 in Marburg, studiert Theologie in Tübingen, Edinburgh, Göttingen und Marburg und promoviert 1989 zum Thema "Armut und Reichtum als Anfrage an die Einheit der Kirche". 1995 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags und wird 1999 zur Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover gewählt. 2006 erkrankt sie an Krebs und kann schon im selben Jahr in ihr Amt zurückkehren. 2009 wird sie zur ersten EKD-Ratsvorsitzenden gewählt.

In ihrem Dienstwagen überfährt Käßmann 2010 eine rote Ampel und wird von der Polizei angehalten; die Polizei stellt Alkohol in ihrem Blut fest. Nachdem die Öffentlichkeit von diesem Vorfall erfährt, tritt Käßmann im Februar 2010 von ihren Ämtern zurück.

Botschafterin Martin Luthers

Im Mai 2010 kehrt Margot Käßmann beim Ökumenischen Kirchentag in die Öffentlichkeit zurück. Mit der 15-minütigen ZDF-Reihe „Margot Käßmann – mitten im Leben“ erklärt sie den Zuschauern die moderne Botschaft der christlichen Feiertage.

Am 8. Juli 2011 wird Margot Käßmann als „Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017“ (Lutherbotschafterin) vorgestellt. Als ihre Aufgaben werden besonders die Vermittlung und Vernetzung kirchlicher und weltlicher Belange gesehen. Seit dem 27. April 2012 übt sie dieses Amt aus.

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