Der Kaiser und die neuen Kleider

Runter geht's schneller als hoch

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie sich manchmal wundern, wie schnell es mit der Herrlichkeit einst Mächtiger vorbei sein kann? Jahrelang, jahrzehntelang herrschen sie mit Gottkönig gleicher scheinbarer Allmacht, alle kuschen, alle nicken. Umgeben von Jasagern und Profiteuren scheinen sie unangreifbar. Und auf einmal ist alles vorbei, "das Blatt hat sich gewendet", die Spirale dreht sich abwärts und zwar mit einer Geschwindigkeit, die die des Aufstiegs um ein Vielfaches übertrifft.

Plakat mit Aufschrift "Bye Bye Silvio - PARTY?" wird vor dem Chigi Palast in Rom hochgehalten
Plakat mit Aufschrift "Bye Bye Silvio - PARTY?" wird vor dem Chigi Palast in Rom hochgehalten Quelle: reuters

Dafür gibt es viele sprachliche Bilder und Geschichten, die das beschreiben. "Des Kaisers neue Kleider" ist vielleicht das bekannteste Beispiel. Alle bewundern die vermeintlich schönen Kleider aus Angst vor eigenem Ansehens- und Machtverlust, obwohl sie die Wahrheit sehen können. Erst ein Kind, das ausruft: "Der Kaiser hat ja gar keine Kleider an!" hilft der Wahrheit zum Durchbruch. Plötzlich können es alle sehen, ja wollen es vielleicht sogar schon immer gewusst haben.

Drei Gläser Wein

Silvio Berlusconi von hinten
Silvio Berlusconi von hinten Quelle: reuters


So geht es jetzt auch in Italien. 17 Jahre bestimmte Berlusconi politisch das Geschehen in seinem Land. Nachdem sein Rücktritt feststeht, haben alle schon immer gewusst, wie schrecklich alles war. Und 17 Jahre lang nichts gemerkt? Es gilt das alte Prinzip: Sobald der Fürst nichts mehr zu verteilen hat, wenden sich die Vasallen ab und einem neuen Anführer zu.

Noch interessanter ist allerdings zu beobachten, wie kleinste Anlässe plötzlich ausreichen können, um einen Abschied zu beschleunigen. In Mainz, wo schon immer eher nach dem Fastnachts-Motto "allen wohl und keinem weh" regiert wurde, kündigte Oberbürgermeister Jens Beutel seinen Rücktritt an, nachdem die Runde machte, er habe auf einer Auslandsreise drei Glas Rotwein nicht bezahlt. Und nachdem sich plötzlich immer mehr daran erinnern konnten, dass der Oberbürgermeister gern öfter mal gesellige Abende verließ ohne zu zahlen. Es waren nicht Affären, in die der OB verwickelt gewesen sein soll, es war eine Zeche über eine Handvoll Euro.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet