Der Sünder von Limburg

Moral und mediale Menschenjagd

Ein Flug erster Klasse nach Indien. Eine Bischofsresidenz, die mindestens sechsmal mehr kostet als geplant. Ein Bischof, der lügt und dem ein Strafbefehl droht. Was muss eigentlich noch alles passieren, bis Bischof Tebartz-van Elst zurücktritt? Oder stimmt das alles gar nicht, handelt es sich nur um ein Lügengebäude der Presse, die einen unbequemen Kirchenmann zum Abschuss freigeben will? Bei "Peter Hahne" diskutieren der Theologe und Psychiater Manfred Lütz und der SPIEGEL-Journalist Peter Wensierski über die Zukunft des Limburger Bischofs.

Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst
Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst: Muss er seinen Hut nehmen? Quelle: dpa

Limburg an der Lahn: Wohl nicht gar zu viele haben bislang das beschauliche hessische Städtchen gekannt. Vielleicht einige ältere, begüterte Mitbürger werden sich erinnern, dass der Limburger Dom den 1000-D-Mark-Schein zierte – aber sonst? Das hat sich in den vergangenen Tagen und Wochen gründlich geändert. Die Domstadt, genauer ihr Bischof, ist ins Gerede gekommen. Zunächst geht es um eine Dienstreise. Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst fliegt mit seinem Generalvikar zu einem Besuch von Slums nach Indien. Auf Nachfrage des Nachrichtenmagazins „DER SPIEGEL“, ob beide in der ersten Klasse geflogen seien, erklärte der Bischof, „nur“ – gemäß den Bestimmungen der Deutschen Bischofskonferenz – in der Business Class geflogen zu sein. Trotz Nachfrage bleibt er bei dieser Version, die nachweislich falsch ist. In Folge dessen beantragt die Hamburger Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl wegen falscher Versicherung an Eides statt in zwei Fällen.

Ahnungslosigkeit und Denkmalschutz

Kaum wird die fragwürdige Dienstreise bekannt, folgt der nächste Eklat. Neben dem Limburger Dom soll das „Diözesane Zentrum St. Nikolaus“ erbaut werden, Kosten laut ursprünglichen Plan von 2004: etwa zwei Millionen Euro, ab 2008 rechnet man mit etwas über fünf Millionen. Zahlreiche Veränderungswünsche des neuen Bischofs Tebartz-van Elsts – wie nach und nach heraus kommt – treiben die Kosten in die Höhe. Voraussichtliche Kosten (Stand Oktober 2013): mindestens 31 Millionen Euro – und glaubt man der Tageszeitung „DIE WELT“ steigen diese auf über 40 Millionen, da in der Kalkulation Gebäude- und Wegeschäden aufgrund der Bauarbeiten in der Nachbarschaft noch nicht enthalten sind.

Limburg Bischof Tebartz-van Elst - Luftbild
Wie teuer wird die Residenz am Ende sein? Quelle: dpa

Nun ist die Rede von der Prunksucht des Bischofs. Normales Sicherheitsglas für seine Privatkapelle ist nicht gut genug, es muss Spezialglas aus den USA sein; das Dach der Kapelle muss neu eingedeckt werden, da er unbedingt einen hängenden Adventskranz in der Kirche haben will, und mit der freistehenden Wanne in dem riesigen Badezimmer hat er sich offensichtlich einen Kindheitstraum verwirklicht. Dann wird auch noch ruchbar, dass an dem als Prunkbau kritisierten Objekt ein alter Freund des Bischofs aus Münsteraner Zeit beteiligt ist. Zunächst versucht Tebartz-van Elst zu beschwichtigen. Er habe von alle dem nichts gewusst, habe keinerlei Erfahrungen mit Bauprojekten und außerdem rührten große Teile der Mehrkosten von den Forderungen des Denkmalschutzes. Die nächste Lüge: Da der Denkmalschutz nur beim Fachwerk der „Alten Vikarie“ eine Rolle gespielt habe, spricht der beratende Architekt sogar von einer „dreisten Lüge“.

Strukturelle Veränderungen?

Doch für den normalen Bürger scheint die Kostenexplosion keine herausragende Rolle zu spielen, stammen von den 31 Millionen Euro doch nur etwa zweieinhalb Millionen aus Kirchensteuern. Den Rest trägt der „Bischöfliche Stuhl“. Also doch nur ein Sturm im Weihwasserbecken? Hat also der wohl letzte Verteidiger des Bischofs Recht? Denn einer der mächtigsten Männer im Vatikan, der Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, erklärt, es handele sich bei den Vorwürfen um eine „Erfindung von Journalisten“ und eine „Medienkampagne“. Nun so einfach ist es wohl nicht. Denn wie kann es sein, dass der Bischof über Jahre seinem Gremium, das die Finanzen kontrollieren soll, keine Zahlen vorlegt? Außerdem kommt kürzlich auch heraus, dass das Gesamtprojekt in mehrere Einzelmaßnahmen unterteilt worden ist, um die Summe jeweils unter der Grenze zu halten, ab der der Vatikan zustimmen muss.

Doch bei aller Blauäugigkeit oder kriminellen Energie, die manche dem Bischof attestieren, stellen sich doch auch ganz andere Fragen: Wie kommt es, dass ein Kontrollgremium keine Unterlagen einfordert oder - wie gerade erst bekannt geworden - dieses Gremium dem Bischof eine Generalvollmacht erteilt? Warum erfährt die Öffentlichkeit nichts über das offensichtlich immense Vermögen des Bistums? Ist nicht endlich in einer weltlichen Gesellschaft die Sonderrolle, die die Kirchen einnehmen, abzuschaffen? Vielleicht bietet die regional und personell begrenzte Diskussion um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst auch die Gelegenheit, über strukturelle Veränderungen in der deutschen oder weltweiten katholischen Kirche nachzudenken.

Die Gäste der Sendung

Manfred Lütz
Manfred Lütz Quelle: imago

Manfred Lütz wurde 1954 in Bonn geboren. Er studierte Medizin, Philosophie und katholische Theologie in Bonn und Rom.1979 erhielt er seine Approbation als Arzt, 1982 folgte das Diplom in katholischer Theologie. Seit 1997 arbeitet der Facharzt für Nervenheilkunde, Psychiatrie als Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln-Porz. Lütz gehört dem Päpstlichen Rat für die Laien an, ist Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben und Berater der Vatikanischen Kleruskongregation.

Der breiten Öffentlichkeit wurde Manfred Lütz bekannt durch seine Autorentätigkeit. In seinen Büchern setzt er sich häufig humorvoll mit gesellschaftlichen und kirchlichen Themen auseinander. Für sein Buch „Gott. Eine kleine Geschichte des Größten“ erhielt er 2008 den Corine-Literaturpreis. Lütz ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

Peter Wensierski
Peter Wensierski Quelle: privat

Peter Wensierski wurde 1954 in der Nähe von Essen geboren, wo er auch 1973 das Abitur bestand. Es schloss sich ein Studium der Politik, Geschichte und Publizistik in Berlin an und ab 1979 arbeitete er als jüngster Korrespondent für den Evangelischen Pressedienst (epd) in der DDR. Aufgrund seiner kritischen Berichterstattung wurde er 1985 von der DDR-Regierung mit einem Einreise- und Arbeitsverbot belegt. Daraufhin wechselte er zum ARD-Fernsehen und 1993 zum SPIEGEL. Neben seiner Tätigkeit in der Deutschlandredaktion des Magazins veröffentlichte er mehrere Bücher und drehte Filme und Beiträge für das ARD-Magazin „Kontraste“.

Im Sommer 2012 reiste er nach Limburg, um Klagen von Nachbarn des Limburger Doms nachzugehen. Diese hatten ihm berichtet, dass das Fotografieren der im Bau befindlichen bischöflichen Residenz von Sicherheitskräften verboten worden sei. Während seiner Dreharbeiten traf er zufällig den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Dieser wies die Vermutung zurück, dass das Fotografierverbot auf seine Anweisung hin erfolgt sei. Im weiteren Verlauf des Spontan-Interviews leugnete er, in der ersten Klasse nach Indien geflogen zu sein – eine nachgewiesene Lüge, die nun die Hamburger Staatsanwaltschaft veranlasst hat, gegen den Bischof einen Strafbefehl zu beantragen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet