Der Tod und die Obhut des Jugendamtes

Kindeswohl sollte oberste Priorität haben

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie wütend und betroffen sind, wenn immer wieder Kinder zu Tode kommen, obwohl sie und ihre Eltern vom Jugendamt betreut werden? Vor vier Wochen machte der Fall der 11-jährigen Chantal Schlagzeilen, die in Hamburg an einer Überdosis Methadon starb.

Kind wird geschlagen
Kind wird geschlagen Quelle: imago

Fürsorge und Vorsorge

Sie hatte das tödliche Gift bei ihren drogenabhängigen Pflegeeltern gefunden. Kaum hatte man diese schreckliche Nachricht verdaut, kam die nächste: Die zweijährige Zoe starb in Berlin an einem Darmriss, erstickte an Erbrochenem. Ihre Eltern hatten sie einfach allein in der Wohnung gelassen und waren feiern gegangen.
Beide Mädchen haben eins gemeinsam: Sie standen unter der Obhut des Jugendamtes. Und man fragt sich als normaler Staatsbürger: Wie kann so etwas passieren? Sind die, auf die wir uns von Amts wegen verlassen, von allen guten Geistern verlassen? Es kann sich niemand herausreden: Dem Berliner Jugendamt kann es nicht entgangen sein, dass die kleine Zoe von ihren eigenen Eltern vernachlässigt und misshandelt wurde. Erst Tage vor ihrem tragischen Tod waren Mitarbeiter zu einem Kontrollbesuch in der Wohnung. Da müssen sie doch was bemerkt haben! Auch das Hämatom an der Stirn. Und im Fall Chantal wusste das Jugendamt, dass die Pflegeeltern in einem Methadon-Programm waren, um von ihrer Heroinsucht wegzukommen. Auch die leiblichen Eltern hatten Drogenprobleme. Die Schülerin ist also vom Regen in die Traufe gekommen und musste die Unfähigkeit des Jugendamtes mit dem Leben bezahlen. Unfassbar!

Natürlich können menschliche Fehler passieren, und Beamte und Sozialarbeiter sind auch nur Menschen. Aber es kann doch nicht sein, dass man bei verschuldeten schweren Verkehrsunfällen den Führerschein entzogen bekommt, das Sorgerecht jedoch erhält bzw. behält, wenn etwas in der Familie nicht stimmt. Es geht um die Schwächsten in unserer Gesellschaft! Wenn es um unsere Kinder geht, ist Vorsicht und Rücksicht angesagt, Fürsorge und Vorsorge. Heinz Buschkowsky, der engagierte und schlagfertige Bürgermeister von Berlin-Neukölln, sagte im Talk bei meinem Kollegen Markus Lanz: "Jugendämter sind nicht zum Kuscheln da, sondern dafür, dass Kinder kuscheln können." Sie müssten keine Maßnahmenmanager sein, sondern als Schutz- und Eingriffseinheit überall dort sein, "wo man den Eltern an den Ohren ziehen muss."

Sparen gegen das Leben


Natürlich wäre es jetzt billig, einseitig auf die Jugendämter zu schimpfen. Da gibt es viele Mitarbeiter, die ihren Beruf als Berufung verstehen, die sich für wenig Geld abrackern, damit es den anvertrauten Kindern auch in schwierigen Verhältnissen gut geht. Viele Beamte sind total überfordert, haben zu viele "Fälle" zu betreuen. Wenn sie es nicht schaffen, muss mehr Personal her. Und mehr Geld. Sparmaßnahmen, die Kinder in den Tod bringen, ist das Letzte, was sich eine zivilisierte Gesellschaft leisten darf.

"Der Umgang mit unseren Kindern ist der Gradmesser für die Humanität einer Gesellschaft" sagt Nelson Mandela. Daran gemessen drohen wir, als Volk mit Kultur und Zivilisation abzudanken. Es ist eine Schande, dass immer wieder Kinder ums Leben kommen, weil Verantwortliche die Augen verschließen. Und dass Tausende und Abertausende misshandelt und missbraucht werden, ohne dass jemand eingreift und aufschreit. Rechnet man die Dunkelziffer mit ein, wird's einem schlecht. Das muss ein Ende haben, indem wir endlich anfangen, das Wohl unserer Kinder als oberste Priorität zu begreifen.

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