Der Wähler ist immer der Dumme

Fordert FDP Intelligenz-Tests vor der nächsten Wahl?

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie die selbstgefälligen Schönrechnereien von Wahlergebnissen nicht mehr hören können? Die Politiker finden immer noch irgendeinen Grund, eine verlorene Wahl doch noch gewonnen zu haben. Und wenn es der Vergleich mit einem Urnengang im vorigen Jahrtausend ist.

Dirk Pfeil
Dirk Pfeil Quelle: imago


Kaum ein Spitzenpolitiker, der sich am Wahlabend hinstellt und klipp und klar zugibt: Wir haben mit Pauken und Trompeten verloren, weil wir grottenschlechte Arbeit geleistet haben - und schwören nun Besserung. Den Gipfel der Unverschämtheit selbstgerechter Selbstrechtfertigung leistet sich nun ein FDP-Mann aus Frankfurt, und zwar nicht irgendeiner, sondern der dortige Kreisvorsitzende Dirk Pfeil.

Das schlägt dem sprichwörtlichen Fass den Boden aus. So etwas habe ich in dieser dumm-dreisten Deutlichkeit mein Lebtag nicht gehört, so etwas darf man als verantwortlicher Politiker noch nicht mal denken, geschweige denn öffentlich sagen: Die Liberalen seien in Berlin deshalb zu einer 1,8-Prozent-Mini-Splitter-Partei geschrumpft, weil die Wähler schlichtweg zu blöd sind. Oder, um es politisch-unkorrekt-verquer zu formulieren: "Ich verzweifle am mangelnden Willen der Wähler, sich ein bisschen schlauer zu machen." Das sei laut Dirk Pfeil auch der Grund, warum die exotische Piratenpartei viermal so viele Stimmen bekam wie seine FDP. Wählerbeschimpfung ist das Primitivste, was die Palette politischer Unkultur zu bieten hat.

Herr, schick Hirn!

Da helfen nur noch höhere Mächte: Herr, schick Hirn! Und zwar nicht zu den Wählern, sondern zu Herrn Pfeil. Wer als politisch interessierter und wacher Zeitgenosse die aktuelle FDP betrachtet, der wäre doch dumm, dort ein konsequentes, auf Prinzipien und Verlässlichkeit gebautes Programm zu entdecken. Gerade weil der Wähler schlauer ist als es Herr Pfeil erlaubt, verweigert er einer solchen Wendehalspartei seine Unterstützung, ähnlich wie es auch den großen Volksparteien ergeht.

Der schlaue Herr aus Frankfurt hätte sich allein mal die Plakate seiner Berliner Parteifreunde anschauen sollen. Manche Irrsinns-Pappe ziert (verbotenerweise) immer noch die Bäume der Stadt. Da steht so viel Text drauf, dass selbst die längste Rotphase nicht reicht, um es als Autofahrer an einer Ampel lesen zu können. Dazu sind die Aussagen so verquast und verquer, dass man ein Linguistik- oder Literaturstudium braucht, um sie überhaupt zu verstehen. Insofern hat Herr Pfeil natürlich recht: Solche Werbung kapieren eben nicht mehr als 1,8 Prozent der Berliner, denn mehr Germanisten dürfte die Hauptstadt wohl nicht haben ... Wählerbeschimpfung ist der billigste Versuch, von seiner eigenen Verantwortung und seinem Versagen abzulenken. Damit verprellt man auch noch den letzten Rest der Gutwilligen. Oder, um es auf den Punkt zu bringen: Wer so etwas tut, ist zu dumm für ein politisches Amt.

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