Digitale Demenz

Verblöden wir durch Computer?

Von der Kirchturmuhr bis zum Herzschrittmacher: Ein Leben ohne Computer ist heute nicht mehr vorstellbar. Für Kinder und Jugendliche hat er mittlerweile eine zentrale Rolle eingenommen. Er ersetzt nicht nur das Radio und den Fernseher sondern auch das Kicken auf dem Bolzplatz und das Tratschen über Klassenkameraden. Eine Entwicklung, die Sorgen bereiten sollte oder die sogar krank macht? Darüber diskutieren bei Peter Hahne der Hirnforscher Professor Manfred Spitzer und der Grundschulrektor Horst Hack.

Schüler sitzen am Computer.
Sollen Computer in der Schule verboten werden oder Unterrichtsfach sein?

Immer mehr Kinder und Jugendliche verbringen täglich zahlreiche Stunden vor einem Bildschirmgerät, sei es ein Computer oder ein Fernsehgerät, letzteres allerdings immer seltener. Eine Entwicklung, die sogar ein neues Krankheitsbild geschaffen hat: Bildschirmsucht. Dem neuesten Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung zufolge gehören etwa 1,4 Millionen 14- bis 21-Jährige zur Gruppe der problematischen Internetnutzer.

Risiken und Nebenwirkungen

Was ist also zu tun? Sollen wir unserem Nachwuchs die Computerspiele verbieten? Ist es sinnvoll, den Zugang zum Internet auf 30 Minuten pro Tag zu beschränken? Darf ich meiner Tochter den facebook-Zugang verweigern? Medienwissenschaftler mahnen: Nur keine Panik! Natürlich berge der Umgang mit den neuen Medien gewisse Gefahren, was beispielsweise die erste Generation der facebook-Nutzer teilweise schmerzhaft bei Vorstellungsgesprächen erfahren habe. Wer in dieser Situation mit der Tatsache konfrontiert wird, dass der Personalchef das peinliche Foto vom letzten Mallorca-Urlaub im sozialen Netzwerk entdeckt hat, macht sicherlich keinen guten Eindruck an der neuen Arbeitsstelle.

Strikte Verbote helfen jedoch auch nicht weiter. Niemand kommt ja auch auf die Idee, das Autofahren zu verbieten, weil jeden Tag etwa zehn Menschen durch einen Verkehrsunfall ums Leben kommen. Im einen wie im anderen Fall gelte es, einen verantwortungsvollen und kritischen Umgang mit der Technik zu erlernen.

Die Gäste:

Manfred Spitzer
Manfred Spitzer

Manfred Spitzer, Jahrgang 1958, hat Psychologie, Medizin und Philosophie studiert. Nach der Promotion in Medizin und Philosophie habilitierte er sich in Psychiatrie. Anschließend arbeitete er als Oberarzt in Heidelberg und nahm zwei Gastprofessuren an der Harvard University an. 1997 übernahm er den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität von Ulm.

Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Spitzer durch zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher und seine Filmreihe "Geist und Gehirn". In seinem jüngsten Buch "Digitale Demenz" vertritt er den Standpunkt, dass die digitalen Medien zur Verdummung von Jugendlichen führen. "Was wir früher mit dem Kopf gemacht haben, wird heute von Computern erledigt. Das birgt immense Gefahren."

Horst Hack
Horst Hack

Horst Hack ist Rektor einer Grundschule im hessischen Niederbiel bei Wetzlar. Auch er sieht durchaus die Gefahren, die von digitalen Medien ausgehen. Doch ist er der Meinung, dass wir das Rad nicht zurückdrehen können. Er plädiert daher ausdrücklich für ein Unterrichtsfach "Computer" bereits in der Grundschule. Denn darin sieht er die Möglichkeit, schon früh einen kritischen Umgang mit diesen neuen Medien zu erlernen. In weiterführenden Schulen wäre das seiner Meinung nach zu spät – und ein solches Fach wird da auch gar nicht mehr angeboten; die Kenntnisse werden vorausgesetzt.

Darüber hinaus zählt zu Hacks pädagogischen Prinzipien auch die verstärkte Einbindung des Elternhauses in den schulischen Erziehungsprozess. Das gilt für alle Fächer, im verstärkten Maße aber auch für den Umgang mit dem PC. Nur wenn die Eltern über Stärken und Schwächen ihrer Kinder genau informiert sind, ist die Entwicklung der Schüler zu eigenständigen, selbstbewussten Persönlichkeiten möglich. Und nur wenn die Eltern über Stärken und Schwächen des Internets informiert sind, können sie, neben der Schule, ihren Kindern einen selbstbewussten und gefahrlosen Umgang mit neuen Medien vermitteln.

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