Dumm, faul, unflexibel?

Freie Lehrstellen trotz Jugendarbeitslosigkeit

Stolz verkündet die Bundesregierung, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland mit knapp acht Prozent die niedrigste in der EU ist. Gleichzeitig geben die deutschen Arbeitgeber bekannt, dass Ende 2011 noch etwa 30.000 Ausbildungsplätze unbesetzt gewesen seien – obwohl zu dieser Zeit fast 250.000 15- bis 25-Jährige arbeitslos gemeldet waren. Die deutsche Jugend also doch in weiten Teilen dumm, faul und unflexibel? Ein spannendes Thema, zu dem Peter Hahne den Schuldirektor Matthias Isecke-Vogelsang und den Textilunternehmer Wolfgang Grupp im Studio am Brandenburger Tor empfängt.

Plakat mit Aufdruck Lehrstelle als Verkäuferin frei
Lehrstelle frei - trotz Jugendarbeitslosigkeit: ein Widerspruch?

Noch vor wenigen Jahren beklagten vor allem Handwerksbetriebe, dass sie keine ausreichend gebildeten Bewerber unter den Schulabgängern finden konnten. Bemängelt wurden insbesondere fehlende Deutsch- und Mathematikkenntnisse. Diese Stimmen sind leiser geworden, was eventuell an der verbesserten Zusammenarbeit von Schulen und Betrieben liegt. Trotzdem fällt der scheinbare Widerspruch von nicht besetzten Lehrstellen und jugendlichen Arbeitslosen ins Auge.

Wenn es nicht die ungenügende Schulbildung ist, liegt es vielleicht doch an der eklatanten Faulheit der deutschen Jugend? Oder eher am fehlenden Willen, für einen Ausbildungsplatz das "Hotel-Mama" zu verlassen und in eine andere Stadt zu ziehen?

Jobs statt Ausbildung

"Null Bock" auf Arbeit oder Ausbildung lässt sich allerdings selbst in der tolerantesten Familie nur begrenzt auf Kosten der Eltern und Geschwister ausleben. Und was die Flexibilität angeht: Hat einer derjenigen, die diese einfordern, schon einmal versucht, von einem Lehrlings-Lohn eine eigene Wohnung samt Lebensunterhalt zu bezahlen?

Eine Umfrage der DGB-Jugend unter Azubis hat noch einen weiteren bedenkenswerten Aspekt hervorgebracht. Nicht einmal die Hälfte der 1400 Befragten hat von ihrem Ausbildungsbetrieb eine Zusage für die Übernahme nach erfolgreicher Ausbildung in der Tasche. Da liegt wohl für Viele der Gedanke nahe, gleich auf die schlecht bezahlte Lehre zu verzichten und sich lieber mit vergleichsweise lohnenderen – wenn auch prekären – Arbeiten über Wasser zu halten. Und wenn ein Job erledigt ist, geht’s halt wieder aufs "Arbeitsamt" - bis zur nächsten Kurzzeit-Beschäftigung.

Die Gäste:

Matthias Isecke-Vogelsang
Matthias Isecke-Vogelsang

Matthias Isecke-Vogelsang (58) wird häufig als „schrillster Lehrer“ Deutschlands bezeichnet, da seine Frisur und Kleidung ihn als Punk kennzeichnen. Doch ist er nicht nur Lehrer sondern seit 2010 sogar Rektor der Gotthard-Kühl-Schule in Lübeck, einer Grund- und Regionalschule,die die Schüler mit einem Haupt- oder Realschulabschluss verlassen. Im Gespräch mit der „Süddeutschen“ wird allerdings deutlich, dass er nur äußerlich Punk ist; er ist nicht der Typ, der mit einer Dose Bier in der Fußgängerzone herumlungert. Geradezu spießbürgerlich erscheint sein Privatleben: Matthias Isecke-Vogelsang ist seit über 30 Jahren verheiratet und Vater dreier Kinder.

Zu seinen pädagogischen Leitlinien zählt er ausdrücklich, zwischen Strenge und Konsequenz zu unterscheiden; das eine diene lediglich dazu, Regeln durchzudrücken, während das andere auf der Basis des Konsens’ soziales Zusammenleben erst ermöglicht. Ein weiterer wichtiger Aspekt – gerade als Punk in einer Grundschule – ist für Matthias Isecke-Vogelsang die Durchsetzung von gewaltlosen Konfliktlösungsstrategien.

Wolfgang Grupp
Wolfgang Grupp

Wolfgang Grupp, wurde 1942 im baden-württembergischen Burladingen geboren. Dem Abitur schloss sich ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Köln an. 1969 übernahm er das 1919 gegründete, hochverschuldete Textilunternehmen seines Vaters, das er innerhalb weniger Jahre sanieren konnte.

Seine Firma „Trigema“ wurde bundesweit bekannt durch die Fernsehwerbung mit einem Schimpansen, ihr Chef Grupp durch zahlreiche Auftritte in Talkshows. Bei diesen plädierte er immer wieder für ein verantwortungsbewusstes Unternehmertum und dafür, dass Manager für ihre Fehlleistungen persönlich zur Rechenschaft zu ziehen sind. Eine Besonderheit in seinem Unternehmen: Grupp garantiert allen Kindern seiner Angestellten einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.

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