Ehrenamt statt Egotrip

Vorbildliches Dorf in Oberbayern

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie traurig darüber sind, wie wenige sich heute noch ehrenamtlich engagieren? Als seien alle auf dem Ego-Trip, bluten die Vereine aus und beklagen den Mangel an Nachwuchs.

Magdalena Neuner
Magdalena Neuner Quelle: ap

Und das nicht, weil es immer weniger junge Leute gibt, sondern weil die Meisten mit sich selbst beschäftigt sind und weder Zeit noch Lust haben, sich für das einzusetzen, was man so schön das "Allgemeinwohl" nennt. Sie verhalten sich nach dem Irrsinns-Motto: Wenn jeder an sich selbst denkt, ist doch an alle gedacht.

Urlaub um zu helfen

Biathlon-WM
Biathlon-WM: Tribüne mit Fans Quelle: imago


In diesen Tagen erlebe ich sozusagen live eine grandiose Ausnahme, von der auch viele Millionen ZDF-Zuschauer profitieren, die das am Bildschirm verfolgen können: Die Biathlon-WM in Ruhpolding. 28.000 Zuschauer je Rennen in der Chiemgau-Arena in einem Talkessel, der für Parkplätze und Hotels zu eng ist. Die Besucher kommen aus dem Dorf, aus umliegenden Orten und von weither. Das muss alles organisiert werden, und das schaffen die Ruhpoldinger perfekt. Und zwar ohne den teuren Einsatz professioneller Event-Firmen und geleaster Hostessen. Sage und schreibe 1300 freiwillige (!) Helfer sind im Einsatz, berichtet mir Bürgermeister Claus Pichler. Man staunt schon deshalb, weil die kleine oberbayerische Biathlon-Hochburg nur 6500 Einwohner zählt.

Jeder Sechste hilft also mit, den verträumt-romantischen Ort für zwei Wochen zum Nabel der (Wintersport-)Welt zu machen. Viele, auch aus den umliegenden Orten im Landkreis Traunstein, unterstützt von Landrat Hermann Steinmaßl, nehmen sich dafür extra Urlaub oder freie Tage. Andere machen morgens das Frühstück für ihre Pensionsgäste und sind nachmittags "an der Strecke". Und man gewinnt den Eindruck: Jede Medaille für das Deutsche Team und die Begeisterung der insgesamt 300.000 Gäste empfinden die Freiwilligen als Auszeichnung für die eigenen Mühen. "Dafür haben wir gearbeitet, und es hat sich gelohnt." Das ist Ehrenamt vom Feinsten!

Epizentrum der Biathlon-Begeisterung

Alle Hände werden gebraucht: als Einweiser für die unzähligen Parkplätze von Reit im Winkl bis Traunstein, als Ordner an den Eingängen und Absperrungen, als Schneeräumer, Kampfrichter und nicht zuletzt für die Glühwein- und Bratwurst-Stände und das Rote Kreuz. Und die Stimmungskanone, der Stadionsprecher Harry, ist, was kaum jemand weiß, der Zahnarzt des Ortes. Jedes Jahr erlebe ich den Biathlon-Weltcup in Ruhpolding. Immer das gleiche Bild: Der Ort sahnt nicht nur ab, nimmt die Touristen aus und macht das große Geschäft, wie man meinen könnte. Nein, da legen sich hunderte Einheimische ins Zeug, um den Besuchern ein unvergessliches Fest zu bieten. Die "Biathlon-Gemeinde" dankt es ihnen durch großen Beifall, wenn sie lobend erwähnt werden, wie jetzt von Verteidigungsminister Thomas de Maiziere.

Schade, dass dieser begeisterten und begeisternden Gemeinde die Ausrichtung des Olympischen Biathlon versagt bleibt nach der gescheiterten Münchner Olympiabewerbung für 2018. Die hätten's verdient - und die Welt hätte gestaunt, was bodenständige Bayern auf die Beine stellen - jenseits von penetrantem Kommerz und aggressivem Sponsoring. Dass Ruhpolding zum Epizentrum der Biathlon-Begeisterung wurde, ist nicht zuletzt diesen ehrenamtlichen Helfern zu verdanken. An ihnen können sich andere eine Scheibe abschneiden. Ohne sie wäre dieser faszinierende Sport nicht in unseren Wohnzimmern.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet