Einbruch, Diebstahl, Gewalt

Lässt uns die Politik im Stich?

Gerade hat Innenminister de Maiziere die jüngste Kriminalstatistik vorgestellt und erfreut festgestellt, dass Deutschland zu den sichersten Staaten der Welt gehört. Gleichzeitig ist aber die Zahl der Wohnungseinbrüche deutlich gestiegen. Viele Bundesbürger fühlen sich zuhause nicht mehr sicher und von den Politikern allein gelassen. Zu Recht? Darüber diskutieren bei „Peter Hahne“ der Brandenburgische Innenminister Ralf Holzschuher und der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt.

Wohnungseinbruch
Die Zahl der Wohnungseinbrüche hat stark zugenommen. Quelle: imago

Die gute Nachricht zuerst: Laut der in dieser Woche erschienen Kriminalstatistik ist die Gesamtzahl der angezeigten Verbrechen zurückgegangen. Insbesondere die gesunkene Zahl von misshandelten Kindern und jugendlichen Gewalttaten lässt den Innenminister aufatmen. Sorgen wird ihm aber die deutlich gestiegene Zahl von Wohnungseinbrüchen bereiten. Sie hat den höchsten Stand seit über 15 Jahren erreicht, alle dreieinhalb Minuten wird in Deutschland irgendwo eingebrochen. Gleichzeitig ist aber die Aufklärungsquote weiter gefallen: Liegt sie bei der Gesamtkriminalität noch bei knapp 55 Prozent, erreicht sie im Bereich Einbruchdiebstahl gerade einmal einen Wert von etwas mehr als 15 Prozent.

Klauen in Nachbars Wohnzimmer

Schnell wird an dieser Stelle der Ruf nach der Politik laut. Die Betroffenen fühlen sich nicht nur in ihrem Sicherheitsempfinden beeinträchtigt, sie sind auch unzufrieden mit dem erhofften Schutz durch Polizeibeamte. Insbesondere Vertreter der Polizeigewerkschaften verweisen dann gerne auf die mehr als prekäre Personalsituation auf den Revieren. Gelegentlich müssten sogar Privatfirmen beauftragt werden, Teile der Polizeiaufgaben zu übernehmen. Außerdem habe man es mit einem neuen Typus Einbrecher zu tun. Ein Großteil der Diebe sei in Banden organisiert, die überregional und arbeitsteilig arbeiteten. In solchen Fällen von organisierter Kriminalität sei ein Fahndungserfolg besonders schwierig zu erreichen.

„Spiegel online“ zitiert dagegen den Kriminologen Professor Thomas Feltes M.A. von der Ruhr-Universität Bochum. Feltes verweist angesichts der neuesten Statistik auf mögliche Unterschiede in der Datenerfassung sowie auf die Tatsache, dass zwar mittlerweile viele der Diebe bandenmäßig organisiert seien, aber immer noch der typische Einbrecher „jung, männlich und drogenabhängig“ sei. Und Tatortkenntnisse seien auch nicht zu unterschätzen: Häufig knackten die Räuber die Wohnungen innerhalb ihres sozialen Umfeldes, etwa die der Eltern eines Freundes, da sie hier genau wüssten, was sie wo finden können.

Teure Schlösser

Nicht wegzudiskutieren ist allerdings die tatsächlich angestiegene Zahl von Wohnungseinbrüchen. Doch ist dieser mit mehr Polizisten wirklich beizukommen? Es ist wie bei der oft geforderten Video-Überwachung: Läuft eine Streife durch die Goethestraße, breche ich halt in der Schillerstraße ein. Auch scheint sich niemand wirklich für die Ursachen des Kriminalitätsanstiegs zu interessieren. Sind, wie Feltes konstatiert, wirklich viele der Einbrecher rauschgiftabhängig, könnte man ja vielleicht einmal über die Legalisierung von Drogen nachdenken, um so die Beschaffungskriminalität zu verhindern. Auch junge Menschen in Deutschland leben vermehrt in prekären Arbeits- und Einkommensverhältnissen. Gleichzeitig verspüren sie aber den Druck ihres sozialen Umfelds, über ganz bestimmte Luxusgegenstände zu verfügen. Nicht jeder Jugendliche kann diesem Druck standhalten – und wenn sein oder das Geld der Eltern nicht reicht, besorgt er sich das bestimmte T-Shirt, die speziellen Schuhe und ein gewisses Handy eben illegal.

Privater Wachdienst mit Schäferhund
Übernehmen immer mehr private Wachdienste Polizeiaufgaben? Quelle: imago

Auch auf der anderen Seite der unfreiwilligen Beziehung von Tätern und Opfern schält sich neuerdings eine soziale Komponente heraus. Da die Polizei – auch nach eigener Ansicht – nicht in der Lage ist, die Bürger vor Einbrechern zu schützen, empfehlen Kriminalfachleute, dass sie sich mit ausgeklügelten Schlössern und Warnanlagen vor Dieben schützen sollten. Zusätzlich könne man ja auch für seine Wohngegend einen privaten Wachdienst beauftragen.

Was für eine Villengegend mit entsprechend wohlhabenden Bewohnern denkbar ist, lässt sich in einem normalen, (klein-)bürgerlichen Viertel kaum realisieren; denn wer in dieser Gegend kann Abertausende in „schwarze Sheriffs“, Hochsicherheitsschlösser und Videoüberwachungen investieren?

Die Gäste der Sendung

Rainer Wendt
Rainer Wendt Quelle: imago

Rainer Wendt, 1956 in Duisburg geboren, ist Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft im Deutschen Beamtenbund (DPolG). Er arbeitet seit 1973 im Polizeidienst, vor seiner Wahl zum Gewerkschaftsvorsitzenden war er als Polizeihauptkommissar Dienstgruppenleiter bei der Schutzpolizei. Bundesweit bekannt wurde Wendt als er im Mai 2010 den Vizepräsidenten des Bundestages Wolfgang Thierse (SPD) in der „Welt“ als „die personifizierte Beschädigung des Ansehens des deutschen Parlaments“ bezeichnete. Mit dieser Aussage kritisierte er die seiner Meinung nach illegale Beteiligung Thierses an einer Sitzblockade gegen den Aufmarsch von Nazis in Berlin.

Nach der Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg meldete er sich ebenso zu Wort und forderte den Rücktritt von Oberbürgermeister Sauerland und die Entlassung des Sicherheitsdezernenten Rabe. Für Aufsehen sorgte auch seine Kritik am Oberverwaltungsgericht in Koblenz, das das „Racial Profiling“, also Personenkontrolle nach ethnischen Gesichtspunkten, der Polizei verbot. Er bezeichnete das Urteil als „schöngeistige Rechtsprechung“ und attestierte dem Gericht, keine Ahnung von der Realität zu haben. Rainer Wendt ist seit den 1970er Jahren Mitglied der CDU, verheiratet und Vater von fünf Kindern.

Ralf Holzschuher
Ralf Holzschuher Quelle: dpa

Ralf Holzschuher wurde 1963 in Berlin geboren. Nach dem Abitur 1981 studierte er in seiner Heimatstadt und in Tübingen Jura. Dem 1. Staatsexamen 1987 schlossen sich das Referendariat und das 2. Staatexamen an. Anschließend ließ er sich als selbständiger Rechtsanwalt in Brandenburg/Havel nieder.

1993 trat Holzschuher der SPD bei und ist seit 2004 Mitglied des Brandenburgischen Landtags. Von 2007 bis 2010 war er stellvertretender Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, von 2010 bis 2013 deren Vorsitzender. Im August wurde er zum Innenminister von Brandenburg ernannt. Holzschuher ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

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