Faule Pauker, schlechte Schüler

Haben unsere Lehrer zuviel Freizeit?

In schöner Regelmäßigkeit kommt das Thema immer wieder hoch: Lehrer verdienen sich eine goldene Nase, haben monatelang Ferien - und unsere Kinder erziehen sie auch nicht richtig. Was ist aber wirklich dran an diesem Bild der deutschen Pädagogen? Zwei Fachmänner diskutieren darüber bei Peter Hahne: die Schulleiter Jens Großpietsch aus Berlin und Matthias Isecke-Vogelsang aus Lübeck.

Golfplatz bei Hörnum
Golfplatz bei Hörnum Quelle: ZDF


Das Image des gutbezahlten Halbtagsjobbers, der nachmittags regelmäßig auf dem Golfplatz zu finden ist, treibt engagierten Pädagogen die Zornesröte ins Gesicht. Sie verweisen darauf, dass mit den - je nach Bundesland - 24 bis 29 Wochenstunden (à 45 Minuten) keineswegs ihre Arbeit erledigt sei. Vergessen werde gerne die intensive Vorbereitung jeder Schulstunde, Korrekturarbeiten, Elterngespräche und Konferenzen. Bei Klassenfahrten steige die tägliche Arbeitszeit sogar auf 24 Stunden.

Traumjob ohne Nachwuchs

Selbst wenn die Lehrer so ihre Wochenarbeitszeit auf weit über 40 Stunden hochrechnen, bleibt für ihre Kritiker doch noch das Argument, der endlosen Ferien: Mehr als fünf Wochen sei ihr Urlaub länger als der normaler Arbeitnehmer. Wieder falsch kontern die Pädagogen. Ihr eigentlicher Urlaub beschränke sich auf die Sommerferien, von denen zu Beginn und am Ende häufig einige Tage für Konferenzen und ähnliches geopfert werden müssten. Oster- und Pfingstferien würden in aller Regel - zumindest in weiterführenden Schulen - für Korrekturarbeiten draufgehen.

Außerdem sei es auch verwunderlich, dass - wenn es denn wirklich ein Traumjob wäre - die Kultusbehörden Hände ringend nach jungen Lehrern suchen. Die Kollegien sind bundesweit deutlich überaltert, und es nicht absehbar, wer die bald frei werden Stellen besetzen wird. Und was die Qualität ihrer Erziehungsarbeit angeht: Gerne würden Lehrer an dieser Stelle das Elternhaus stärker in die Pflicht nehmen; ihre Aufgabe könne es eben nicht sein, ohne elterliche Unterstützung heimische Sozialisations-Defizite in der Schule zu reparieren.

Die Gäste:


Jens Großpietsch (62) begann Mitte der 1970er Jahre als Referendar in der Heinrich-von-Stephan-Hauptschule in Berlin-Moabit; seit 1985 leitete er die Schule. Seinem Engagement, für das er mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet wurde, verdankt sie es, dass sie zunächst zur verbundenen Haupt- und Realschule und anschließend zum Vorzeigeprojekt der "Gemeinschaftsschule" aufstieg. Erst kürzlich hat Großpietsch für Aufsehen gesorgt als er in einem Tagesspiegel-Interview die Präsenzpflicht für Lehrer von acht bis 16 Uhr gefordert habe - ein Modell, das schon seit Jahren in Schweden mit großen Erfolg angewendet wird und eine spürbare Verbesserung der Kommunikationsstrukturen zwischen Schülern und Lehrern aber auch innerhalb des Kollegiums bewirkt hat.

Groß war die Empörung in Teilen der Lehrerschaft - allerdings haben die Kritiker wohl nicht das ganze Interview gelesen. Gleichzeitig mit der Erweiterung der Präsenz hat Großpietsch auch eine deutliche Verringerung der Pflichtstundenzahl auf 21 pro Woche gefordert. Den Einwand, dass allein das Land Berlin dann 6000 neue Lehrer einstellen müsste mit Zusatzkosten von 300 Millionen Euro pro Jahr, lässt er nicht gelten: "Das muss Berlin sich leisten. Anders lassen sich pädagogische Effekte kaum erzielen."


Matthias Isecke-Vogelsang (57) wird häufig als "schrillster Lehrer" Deutschlands bezeichnet, da seine Frisur und Kleidung ihn als Punk ausmachen lassen. Doch ist er nicht nur Lehrer sondern seit 2010 sogar Rektor der Gotthard-Kühl-Schule in Lübeck. Im Gespräch mit der "Süddeutschen" wird allerdings deutlich, dass er nur äußerlich Punk ist; er ist nicht der Typ, der mit einer Dose Bier in der Fußgängerzone herumlungert. Geradezu spießbürgerlich erscheint sein Privatleben: Matthias Isecke-Vogelsang ist seit über 30 Jahren verheiratet und Vater dreier Kinder.


Zu seinen pädagogischen Leitlinien zählt er ausdrücklich, zwischen Strenge und Konsequenz zu unterscheiden; das eine diene lediglich dazu, Regeln durchzudrücken, während das andere auf der Basis des Konsens' soziales Zusammenleben erst ermöglicht. Ein weiterer wichtiger Aspekt - gerade als Punk in einer Grundschule - ist für Matthias Isecke-Vogelsang die Durchsetzung von gewaltlosen Konfliktlösungsstrategien.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet