Feiertage, Beschneidung, Religionsunterricht

Wie viel Islam braucht Deutschland?

Das diesjährige Sommerloch im deutschen Blätterwald wurde gefüllt von einem Gerichtsurteil: Ende Juni erklärte das Landgericht Köln die Beschneidung von kleinen Jungen aus religiösen Gründen für rechtswidrig. Da es sich in diesem konkreten Fall um einen muslimischen Jungen gehandelt hatte, vermutet die jüdische Philosophin Almut Bruckstein Çoruh in einem FR-Interview allerdings, dass hinter der scheinbar juristischen Auseinandersetzung tatsächlich eine ganz andere Frage stehe: "Wie viel Islam wollen wir in Deutschland?" Peter Hahne erwartet Necla Kelek und Michel Friedmann zu einer sicherlich kontroversen Diskussion.

Koran liegt auf Schulleitertisch
Soll in der Schule der Koran gelehrt und aus ihm gebetet werden?

Die Diskussion, ob es sich bei Beschneidungen um Körperverletzung handelt oder ob sie als Ritual zur freien Religionsausübung zu zählen sind, wird noch einige Zeit anhalten und wohl erst durch ein Gesetz abgeschlossen werden. Der Vorsitzende der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen Ramazan Kuruyüz sieht aber bereits heute negative Folgen des Kölner Urteils. Er befürchtet, dass sich dadurch viele Muslime der deutschen Gesellschaft noch weniger zugehörig und ungleich behandelt fühlen. Ein ähnlicher Fall wie das Schächten, das erst zum Problem geworden sei, als Muslime öffentlich diese Form des rituellen Schlachtens durchführten. Eine Praxis, die schon seit Jahrzehnten ohne Beanstandung von Juden in Deutschland ausgeübt werde.

Frei fürs Fastenbrechen

Weitere Konfliktfelder zwischen Christen und Muslimen könnten in Nordrhein-Westfalen und Hamburg entstehen. Als erstes Bundesland hat NRW den bekenntnisorientierten Religionsunterricht für muslimische Schüler eingeführt. Ein Vorgang, der sofort die Kritiker auf den Plan rief. Sie fürchten die endgültige Abkehr von „unserer“ christlich-abendländischen Orientierung. Außerdem: Wer könne eigentlich garantieren, dass auf diesem Weg nicht islamistische Hassprediger Einzug in deutsche Schulen halten? In ihrer Angst vor dem Islam vergessen sie allerdings, dass der Islamunterricht nur die bereits seit Jahren im Lehrplan enthaltene Islamkunde ersetzt – ergänzt durch die Möglichkeit, in der Schule auch zu beten.

In Hamburg hat die Stadt in Verhandlungen mit mehreren muslimischen Verbänden einen Vertrag entworfen, der unter anderem auch die Anerkennung von muslimischen Feiertagen wie dem Opferfest, Fastenbrechen und Aschura beinhaltet. Der Vertrag, der auf eine Initiative des ehemaligen Ersten Bürgermeisters Ole von Beust (CDU) zurückgeht, wurde von dessen Nachfolger Olaf Scholz (SPD) als "Selbstverständlichkeit" bezeichnet, muss allerdings noch von Senat und Bürgerschaft beschlossen werden. Wer jetzt auf eine vermeintliche Verfassungswidrigkeit des Vertrags verweist, da das Grundgesetz nur christliche Feiertage schütze, möge noch einmal genauer nachlesen: Laut Art. 140 GG, der den entsprechenden Art. 139 der Weimarer Verfassung übernimmt, sind alle "staatlich anerkannten" Feiertage gesetzlich geschützt – und welche Feiertage dies sind, entscheiden die Parlamente. Darüber hinaus bekommen Muslime durch diese Regelung keineswegs drei freie Tage mehr als ihre christlichen Kollegen. Sie haben nur das Recht, an diesem Tag nicht zu arbeiten, müssen dafür aber Urlaub nehmen oder die Zeit nacharbeiten.

Die Gäste

Michel Friedman
Michel Friedman

Michel Friedman, wurde 1956 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Paris geboren. Nach der Übersiedlung nach Frankfurt am Main 1965 und erfolgreichem Abitur studierte er zunächst Medizin, um schließlich doch zur Rechtswissenschaft zu wechseln. Nach dem Staatsexamen 1988 ließ er sich in Frankfurt als Rechtsanwalt nieder und promovierte 1994 zum Dr. jur.

Die Erlebnisse seiner Eltern in der Nazizeit prägten ihn sehr stark. Seine Familie gehörte zu den Glücklichen, die von Oskar Schindler vor der Ermordung im KZ Auschwitz-Birkenau gerettet worden ist. Schon als Student engagierte Friedman sich in jüdischen Organisationen, wurde Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde in Frankfurt und im Jahr 2000 Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Abruptes Karriereende

Mit dem Eintritt in die CDU startete er 1983 seine politische Karriere, die ihn über die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung bis in den Parteivorstand der hessischen CDU führte. Nach dem Parteispendenskandal verließ er diesen Landesverband und schloss sich der saarländischen CDU an. Parallel zu seiner Anwalts- und Politikertätigkeit betätigte Friedman sich nach 1994 auch als Fernsehmoderator. Legendär ist seine Sendung "Vorsicht Friedman", in der er sich als kritischer und hartnäckiger Nachfrager einen Namen machte.

Im Jahr 2003 schienen alle Karrieren des Michel Friedman mit einem Schlag zu Ende zu gehen. Nachdem ihm der Konsum von Kokain nachgewiesen worden war, trat er von allen Ämtern zurück und beendete auch seine Fernsehauftritte. Erst 2004 kehrte er auf den Bildschirm zurück, nun allerdings nicht mehr in den öffentlich-rechtlichen Sendern sondern bei N24. Der frühere Vize-Präsident des Zentralrats der Juden ist ein engagierter Verfechter der Religionsfreiheit – explizit auch in der Frage von Beschneidungen. Seit 2004 ist Friedman mit der Fernsehmoderatorin Bärbel Schäfer verheiratet und Vater zweier Söhne.

Für Einbürgerungstests und gegen Moscheen

Necla Kelek
Necla Kelek

Necla Kelek, 1957 in Istanbul geboren, lebt seit ihrem neunten Lebensjahr in Deutschland. In Hamburg hat sie Volkswirtschaft und Soziologie studiert und im Jahr 2002 ihre Promotion zum Thema "Islam im Alltag" abgeschlossen. In ihrem Buch "Die fremde Braut", kommt Kelek zu der Schlussfolgerung, dass türkische Tradition und islamische Religiosität ein Hindernis für Integration sein könnten. Die heftige Debatte über die arrangierten Ehen und Importbräute, die sie mit ihrem, von der Kritik durchweg positiv aufgenommenen Bestseller auslöste, brachte ihr vor allem den Unmut deutscher Migrationsforscher ein, die Kelek in einem Offenen Brief vorwarfen, unwissenschaftlich und verallgemeinernd zu arbeiten. In ihrer Antwort beschied Kelek ihren Kritikern, dass sie ungeachtet der realen Zustände in Deutschland immer noch die Illusion der geglückten Integration muslimischer Migranten verträten.

Kelek, eine gefragte Expertin zum Themenkreis der islamischen Kultur, plädierte für den umstrittenen Einbürgerungstest der baden-württembergischen Landesregierung und, gemeinsam mit Ralph Giordano, gegen den Bau einer Moschee in Köln-Ehrenfeld. Kelek begründet ihr Engagement mit ihren Erkenntnissen, dass in vielen Moscheen in Deutschland ein Islam praktiziert werde, der sich als Hindernis für die Integration erweise und Kinder die Abgrenzung von der deutschen Gesellschaft lehre. Ein besonderes Augenmerk richtet sie in ihren wissenschaftlichen Arbeiten auf die Rolle und Geschlechtsmuster der jungen Männer im Islam. Necla Kelek vertritt die Meinung, dass das Kopftuch muslimische Frauen zu Menschen zweiter Klasse stigmatisiere. Damit werde ihnen das Recht auf Selbstbestimmung genommen. Auch in ihren 2006 erschienen Buch "Die verlorenen Söhne" setzt Kelek sich kritisch mit dem Islam auseinander. Zum Thema Beschneidungen schreibt die Frauenrechtlerin in der "Welt": "Die Beschneidung muslimischer Jungen ist eine ebenso abscheuliche archaische Sitte wie die Genitalverstümmelung bei kleinen Mädchen. Sie ist ein Unterdrückungsinstrument und gehört geächtet."

Von Harald Grimm

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet