Freie Fahrt - nicht für Rentner?

Test muss nicht diskriminierend sein

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie zwiespältig reagieren auf die Absicht der EU, von Rentnern künftig Fahrprüfungen zu verlangen? Auf den ersten Blick klingt das ja gut und vernünftig, ältere Autofahrer zu testen, ob sie noch fahrtüchtig sind. Wenn man bedenkt, unter welchen Altersbeschwerden Senioren häufig leiden, so wird einem angst und bange, wie man sich mit schwächer werdender Hör- oder Sehkraft oder mit Konzentrations- und Orientierungsproblemen noch hinters Steuer wagen kann.

Verkehrskontrollen "Trier-Tage"
Verkehrskontrollen "Trier-Tage" Quelle: ZDF

Doch was ist mit den Jugendlichen, deren Gehör nicht durchs Alter, sondern durch allzu laute Disco-Musik geschädigt ist? Und deren Konzentrationsfähigkeit so zu wünschen übrig lässt, dass Lehrer bei solch einfachen Dingen wie Stillsitzen oder Lesen und Schreiben schier verzweifeln. Sind es nicht gerade junge Leute, die sich zu viel zutrauen, die leichtfertig rasen und nach durchfeierter Nacht schreckliche Unfälle verursachen? Daran denke ich zuerst, wenn ich die EU-Pläne lese. Wer ältere Autofahrer testen will, muss auch die jungen im Blick haben. Doch denen gibt man schon mit 17 Jahren einen Führerschein auf Probe, während man den Senioren die Lizenz am liebsten entziehen will. Das passt doch nicht zusammen!

Allerdings macht es nachdenklich, wenn Studien der EU-Kommission belegen, dass 16 Prozent der EU-Bürger über 65 Jahre alt sind, jedoch 21 Prozent der Verkehrstoten aus dieser Altersgruppe kommen. Ist es dann nicht logisch, wenn der Gesetzgeber gerade auf diese Bevölkerungsgruppe ein Auge wirft? Es gibt genug Länder, die das schon erfolgreich praktizieren, ohne dass sie wegen Diskriminierung der Alten vor dem Menschenrechtsgerichtshof gelandet wären. In Frankreich zum Beispiel müssen über 60jährige ihren Führerschein alle zwei Jahre verlängern lassen, über 76jährige sogar jedes Jahr.

Auto ist Symbol der Freiheit

Lackschaden an Auto
Lackschaden an Auto Quelle: imago


Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Joachim Fuchsberger, Jahrgang 1927. Er findet es überhaupt nicht schlimm, wenn seine Wahlheimat Australien solche Seniorentests verlangt und ihm jetzt die Fahrlizenz nicht mehr verlängert hat. Von sich aus hätte er das nicht getan, meinte er. "Man überschätzt sich doch selber und sagt sich, dass man mit dem Autofahren immer noch gut zurechtkommt." Bei meinem Vater war es ähnlich. Mit 85 saß er noch am Steuer, und ich sagte ihm oft scherzhaft: "Gut, dass du dir nie selbst entgegenkommen kannst!" Die leichten Kratzer und Macken am Auto wurden vertuscht oder schnell repariert, auffällige Beulen hatten meist in anderen Autofahrern oder unsinnig aufgestellten Pfählen und Pfosten ihre Verursacher. Wir waren froh, dass es der Arzt war, der es uns Kindern ersparte, auf die Rückgabe des Führerscheins zu dringen. Doch auch das gehört zur Wahrheit: Als mein Vater die Bewegungsfreiheit verlor, die selbstständiges Autofahren eben bedeutet, starb er auch bald.

Vielleicht ist es doch ehrlicher, für alle Senioren gleichberechtigt einen Test zu installieren. Dann werden Einzelne nicht diskriminiert, weil sie zufällig ins Visier von Polizei oder Hausarzt geraten. Dann gilt gleiches Recht für alle. Für alle? Auch jüngeren Fahrern sollte man den Führerschein entziehen, wenn sie durch Raserei oder Rüpelei im Straßenverkehr auffallen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet