Freunde, Fremde, Heimat

50 Jahre türkische "Gastarbeiter" in Deutschland

Der erste türkisch-stämmige Schützenkönig Emin Özal und Murat Topal, Sohn eines türkischen Einwanderers, ehemaliger Polizist und heutiger Comedy-Star, sprechen bei Peter Hahne über 50 Jahre türkische "Gastarbeiter" in Deutschland.

Der 1.000.000. Gastarbeiter Armando Rodrigues bekommt 1964 zur Begrüßung ein Moped.
Der 1.000.000. Gastarbeiter Armando Rodrigues bekommt 1964 zur Begrüßung ein Moped. Quelle: dpa

Obwohl zwischen 1955 und 1960 die Bundesregierung bereits mit Italien, Spanien und Griechenland Abkommen über die Anwerbung von Arbeitskräften getroffen hatte, fehlten zu Beginn der 1960er Jahre immer noch über eine halbe Million Arbeiter insbesondere im Bergbau. Einige Betriebe gingen dazu über, türkische Arbeitskräfte abzuwerben und die türkische Regierung drängte Bundeskanzler Adenauer, auch mit ihr ein solches Abkommen zu unterzeichnen.

Doch kein "Happy end"


In einer besonders gefährlichen Phase des Kalten Krieges konnte die Bundesregierung diesen Wunsch des NATO-Partners kaum unerfüllt lassen, und so wurde der Vertrag 1961 widerwillig unterzeichnet - gegen das ausdrückliche Votum des Bundesinnenministeriums. Dieses konnte lediglich durchsetzen, dass die Aufentshaltsdauer - anders als bei den anderen "Gastarbeitern" - auf zwei Jahre beschränkt wurde, die Familien nicht nachreisen durften und die von der Industrie sehnlich erwarteten Arbeiter sich einem "seuchenhygienischen" Test unterziehen mussten.

Nach drei Jahren wurden diese diskriminierenden Verordnungen wieder aufgehoben, in erster Linie auf Wunsch der Industrie, die ihre ausgebildeten oder angelernten Arbeiter nicht nach zwei Jahren schon wieder nach Hause schicken wollte. Wie von vielen erwartet verließen weit mehr als die Hälfte der Türken nach einigen Jahren wieder Deutschland, der Rest ließ sich hier nieder, gründete Familien und wurde ein Teil Deutschlands - fast jedenfalls. Denn 1967 geriet die deutsche Wirtschaft in die erste große Nachkriegsrezession, die Zahl der Arbeitslosen erreichte wie zu Beginn der 1950er Jahre die Millionengrenze und die NPD scheiterte 1969 nur knapp an der 5-Prozent-Hürde. Die sozial-liberale Bundesregierung verhängte einen Anwerbestopp und aus "Gastarbeitern" wurde im Laufe der Jahre ein Integrationsproblem.

Die Gäste:


Emin Özel ist 1971 als 10-Jähriger mit seinem Vater nach Deutschland gekommen. Die Familie der ersten Gastarbeitergeneration stammt ursprünglich aus Tokat in der gleichnamigen türkischen Provinz. 1979 begann er ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, das er als erster türkisch-stämmiger der Universität Paderborn abschloss. Anschließend gründete er mit seiner Frau eine Werbeagentur, in der mittlerweile 30 Angestellte arbeiten.

2002 hatte Özel erstmals Kontakt zum örtlichen Schützenverein, und die Stimmung und Atmosphäre hier hat ihn so beeindruckt, dass er spontan dem Verein beitrat. Ein Schützenfreund hat ihn 2007 überredet, an dem Schießen um den Königstitel teilzunehmen, obwohl er gänzlich unerfahren mit dem Gewehr war. Bereits mit dem zweiten Schuss schoss er den Vogel ab und wurde so zum ersten türkischen Schützenkönig in Deutschland. Seine Mitgliedschaft im Verein und die Teilnahme am Preisschießen ist für ihn das Symbol seiner Integration in die deutsche Gesellschaft.


Murat Topal wurde 1975 als Sohn eines Türken und einer Deutschen in Berlin geboren. Nach Schule und Ausbildung arbeitete er neun Jahre lang als Polizist in Berlin-Kreuzberg. Parallel dazu besuchte er die Stunt- und Schauspielschule in Köln/Düsseldorf. Ab 2004 arbeitete er zunehmend und erfolgreich als Comedian, was ihn veranlasste, sich vom Polizeidienst beurlauben zu lassen. 2007 gab er endgültig den Beruf des Polizisten auf und widmete sich fortan ausschließlich Bühne, Film und Fernsehen.

2008 startet Topal seine nächste Karriere als Schriftsteller und hat in diesem Jahr mit "Neukölln - Endlich die Wahrheit von A-Z" bereits sein drittes Buch auf den Markt gebracht. Ebenfalls seit 2008 engagiert er sich mit ehemaligen Polizei-Kollegen im Projekt "Stop Tokat" gegen Gewalt an Kreuzberger Schulen. Darüber hinaus ist er Botschafter des Kinderhilfsprojekt "Notinsel" sowie Mitglied der Jury und Laudator des Preises "Berliner Tulpe für deutsch-türkischen Gemeinsinn".

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