Fußball ohne Polizei

Wer schützt jetzt vor Gewalt?

Jedes Wochenende während der Fußballsaison sichern Polizisten in und um die Stadien die sportlichen Großveranstaltungen. Es fallen Kosten in Millionenhöhe an. „Zuviel!“ meinen nun Politiker in zwei Bundesländern. Während der rot-grüne Senat in Bremen plant, die Vereine zur Kasse zu bitten, beabsichtigt der Nordrhein-Westfälische Innenminister Jäger, bei „unverdächtigen“ Partien die Zahl der eingesetzten Ordnungshüter zu reduzieren. Eine sinnvolle Maßnahme oder freie Bahn für Hooligans? Darüber diskutieren bei “Peter Hahne“ der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt und Jörg Jakob vom „kicker-sportmagazin“.

Polizisten schirmen randalierende Fans ab.
Sollen die Vereine diese Einsätze selbst bezahlen? Quelle: dpa

Jeden Samstag das Gleiche: Randale am Bahnhof, Randale auf dem Weg zum Stadion, Randale auf den Tribünen. Und immer mittendrin: die Polizei. Einige Politiker versuchen nun die Reißleine zu ziehen, da sie befürchten, dass ihnen die Kosten für diese Einsätze aus dem Ruder laufen.

So startet die Nordrhein-Westfälische Landesregierung ein Pilotprojekt, indem sie bis Ende September die Zahl der eingesetzten Polizisten reduziert oder ganz auf sie verzichtet. Dies gilt allerdings nicht für alle Profi-Fußballspiele, sondern nur für diejenigen, die in den letzten Jahren ohne größere Probleme über die Bühne gegangen sind.

Deeskalation statt Provokation

Der Erlass des NRW-Innenministers Ralf Jäger (SPD) stößt auf ganz unterschiedliche Urteile. Sowohl der NRW-Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Arnold Plickert als auch führende Vereinsvertreter und einsatzerfahrene Polizisten lehnen die Idee ab. Sie verweisen auf das Gewaltmonopol des Staates, das nicht von den Vereinen oder privaten Wachdiensten übernommen werden kann. Darüber hinaus fürchten sie, dass vermehrt harmlose Fans und die in Unterzahl geratenen Polizisten körperlich Schaden nehmen könnten - durch frei laufende Hooligans.

Unterstützung findet Jäger dagegen bei der Deutschen Polizeigewerkschaft. Sowohl deren NRW-Vorsitzender Erich Rettinghaus als auch ihr Bundesvorsitzende Rainer Wendt halten das Konzept für „mutig und richtig“. Sie betonen, dass so die überhand nehmenden Einsatzzeiten der Polizisten reduziert werden und die Vereine und Fans verstärkt Verantwortung übernehmen können. Auch Professor Thomas Feltes, Kriminologe an der Ruhr-Universität in Bochum, sieht die Pläne Jägers positiv. Er kritisiert, dass in der Vergangenheit die Polizei häufig martialisch und in übertriebener Zahl bei Fußballspielen aufgetreten ist, was leicht als Provokation interpretiert werden konnte. Im geplanten Rückzug der Einsatzkräfte sieht er dagegen die Möglichkeit einer Deeskalation bereits im Vorfeld möglicher Konflikte.

Länderspiel verlegt

Sollte das NRW-Projekt von Erfolg gekrönt sein, könnte eventuell auch der Plan des Bremer Senats hinfällig werden, die Fußballvereine an den Einsatzkosten der Polizei zu beteiligen. Hintergrund ist hierbei nicht nur die Überlegung, dass das Aufgebot an Ordnungshütern immer teurer wird. Unausgesprochen klingt auch die Meinung durch, dass Profi-Vereine, die zweistellige Millionenbeträge für einen Spielertransfer ausgeben, sich ruhig auch an den Polizeikosten beteiligen könnten. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) weist solche Überlegungen scharf zurück. Sie betonen, dass sie bereits über ihre Steuern Millionen in die Staatskasse einzahlen und dass nicht alle Profivereine über einen Kamm zu scheren sind. Während es in den Ligen einige wenige reiche Clubs gebe, sei eine große Zahl anderer Vereine jedoch hochverschuldet und gar nicht in der Lage, einen höheren Beitrag zu leisten.

Peter Hahne: Bremer Weserstadion am Abend
Für Länderspiele gehen im Weserstadion die Lichter aus. Quelle: dapd

Auch der Fußball-Dachverband DFB reagiert pikiert auf diesen Plan. Er entzieht kurzerhand Bremen ein im dortigen Weserstadion geplantes Länderspiel. So verliert die Stadiongesellschaft Einnahmen in Höhe von etwa 600.000 Euro und die Bremer Fußballfans müssen auf ein Top-Spiel gegen die Starauswahl von Gibraltar verzichten. Auch der Bremer Senat muss verzichten – nämlich auf den Glauben, dass der mächtige DFB demokratisch legitimierte Entscheidungen einer Landesregierung akzeptiert und nicht mit Strafmaßnahmen reagiert.

Andererseits könnte es von Vorteil sein, wenn das Bremen-Modell nicht zum Tragen kommt. Denn wer trägt dann die enormen Kosten auf dem Oktoberfest oder der Loveparade? Schlimmer noch: Wenn Veranstalter von politischen Kundgebungen den Einsatz der Polizisten bezahlen müssten, käme das einer Aushöhlung des Demonstrationsrechts gleich – also einer weiteren Einschränkung der Freiheitsrechte.

Die Gäste der Sendung

Peter Hahne: Jörg Jakob
Jörg Jakob Quelle: privat

Rainer Wendt, 1956 in Duisburg geboren, ist Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft im Deutschen Beamtenbund (DPolG). Er arbeitet seit 1973 im Polizeidienst, vor seiner Wahl zum Gewerkschaftsvorsitzenden war er als Polizeihauptkommissar Dienstgruppenleiter bei der Schutzpolizei.

Bundesweit bekannt wurde Wendt als er im Mai 2010 den Vizepräsidenten des Bundestages Wolfgang Thierse (SPD) in der „Welt“ als „die personifizierte Beschädigung des Ansehens des deutschen Parlaments“ bezeichnete. Mit dieser Aussage kritisierte er die seiner Meinung nach illegale Beteiligung Thierses an einer Sitzblockade gegen den Aufmarsch von Nazis in Berlin.


Jörg Jakob wird 1963 geboren. Zwischen 1982 und 1990 ist er Redakteur, Ressortleiter „Sport“ und stellvertretender Lokalchef der „Dill-Zeitung“ im hessischen Dillenburg. 1990 geht er zum „Gießener Anzeiger“ und wird dessen Chefredakteur.

Anfang 2003 wechselt er zum „kicker-sportmagazin“. Nachdem er viele Jahre als Chef vom Dienst gearbeitet hat ist er nun Gesamtleiter der Chefredaktion.

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