Gefallen, verletzt, traumatisiert

Alles umsonst in Afghanistan?

2014 endet der bislang größte Auslandseinsatz der Bundeswehr. Nun ist es Zeit, Bilanz zu ziehen: Hat das Kommando seine Ziele erreicht? Wie hoch ist der Preis? Wie wird sich das Land ohne ausländische Truppen verändern? Darüber spricht bei "Peter Hahne" Tino Käßner, der als Soldat in Kabul schwer verletzt wurde. Ihm gegenüber nimmt Harald Kujat Platz, der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr.

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan
Bundeswehrsoldaten in Afghanistan Quelle: dpa



Bei der Gründung der Bundeswehr 1955, der der Beitritt der Bundesrepublik zur NATO vorausgegangen war, stand fest: Bei dieser Armee handelt es sich um eine reine Verteidigungseinrichtung, die ausschließlich im Fall der Bedrohung des Landes oder eines Bündnispartners bewaffnet eingesetzt werden darf. Folglich waren die einzigen Auslandseinsätze der Bundeswehr humanitärer Natur, etwa nach Naturkatastrophen.

Für den Weltfrieden an den Hindukusch

Dies änderte sich radikal nach dem Ende des Kalten Krieges und der deutschen Wiedervereinigung. Nicht nur der äußere Feind, die Staaten des Warschauer Paktes, war plötzlich verschwunden. Auch – wie einige Kommentatoren feststellten – die Forderungen von NATO-Bündnispartnern nach einem stärkeren militärischen Engagement der Bundeswehr rückten nun ihren Einsatz im Ausland in greifbare Nähe. Andere Beobachter der Szene meinten aber schon 1990 mit Goethe: „Halb zog er sie, halb sank sie hin“. Denn es erschien ihnen unwahrscheinlich, dass die Bundesregierung allein auf Wunsch von Partnern das Grundgesetz ändern würde. Die Vermutung lag nahe, dass die Bundesrepublik weltweit nicht nur mehr Verantwortung übernehmen, sondern auch eine bedeutendere Rolle spielen möchte.

Ausgerechnet ein SPD-Verteidigungsminister lieferte dann die ideologische Begründung für Einsätze in Afghanistan und anderswo. Peter Struck betonte im Dezember 2002, dass die Sicherheit Deutschlands auch „am Hindukusch“ verteidigt werde. Und das Bundesverfassungsgericht erklärte eine Änderung der deutschen Verfassung für unnötig, denn es sei nicht grundgesetzwidrig, wenn die Armee „im Kontext von Systemen kollektiver Sicherheit zur Wahrung des Weltfriedens eingesetzt“ werde. Somit war der Weg nach Afghanistan rechtlich endgültig frei, den die Bundesregierung schon ab 2001 beschritten hat.

Kampf ohne Auftrag

Die Einsatztruppe sieht ihre Aufgaben am Hindukusch als Bestandteil von internationalen Kräften in erster Linie darin, die Sicherheit der Bevölkerung wieder herzustellen und den Aufbau örtlicher Sicherheitskräfte zu unterstützen. Ihr Einsatz hat zum Ziel, dass von afghanischem Boden aus keine terroristische Bedrohung der restlichen Welt mehr ausgehe und das Land in die Lage versetzt werde, die entstehende Demokratie gegen Extremisten zu verteidigen.

Doch die als Demokratie- und Sicherheitsboten ausgeschickten Soldaten fanden eine gänzlich andere Situation vor. Plötzlich sahen sie sich von Heckenschützen und Selbstmordattentätern in Kampfsituationen verwickelt – ohne im Kriegseinsatz zu sein. Denn rechtlich gesehen herrscht für die Bundeswehr in Afghanistan Frieden, da nur der Bundestag mit Zweidrittelmehrheit den Spannungs- oder Verteidigungsfall feststellen kann und damit den Kampfeinsatz der Armee rechtfertigen könnte. Eine Entscheidung, die nie getroffen wurde.

Hoher Preis

Und was die anderen Ziele angeht: Aufbau der Demokratie? Versorgung der Bevölkerung? Falls es wirklich jemals das Ziel gewesen sein sollte, wurde es gründlich verfehlt – es sei denn, man sieht die Herrschaft einzelner Warlords über eng begrenzte Gebiete als Demokratie an und versteht unter Versorgung die ungestörte Lieferung von hochwertigen Opiaten nach Europa und Amerika. Oder ging es vielleicht nicht doch eher um Rohstoffe und die geopolitische Lage Afghanistans? Eventuell wollten die internationalen Kräfte der NATO auch nur im Nachhinein der Roten Armee zeigen, wie Frieden am Hindukusch herzustellen ist.

Für ein solches nachträgliches Prestigeprojekt war der Preis des Einsatzes allerdings sehr hoch. Allein die Kosten für den Einsatz der Bundeswehr beliefen sich bis Anfang 2012 laut Bundesregierung auf knapp acht Milliarden Euro. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schätzt die Folgekosten des geplanten weiteren Engagements auf etwa 26 bis 47 Milliarden. Doch Geld ist nicht alles. In den vergangenen zehn Jahren sind im Auslandseinsatz 38 Soldaten durch „Fremdeinwirkung“ umgekommen, die meisten davon in Afghanistan. Verletzt wurden in Afghanistan knapp 400 Bundeswehrsoldaten, wie auch der Gast von Peter Hahne Tino Käßner.

Die Gäste der Sendung

Tino Käßner
Tino Käßner Quelle: imago

Tino Käßner wurde 1974 in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, geboren. Bereits als Jugendlicher interessierte er sich stark für den Radsport. Nach der Schule absolvierte er ab 1990 eine Ausbildung zum Gas- und Wasserinstallateur und arbeitete anschließend vier Jahre in diesem Beruf. Darauf erfolgte die Einberufung zum Wehrdienst, in dem er es bis zum Unteroffizier der Feldjäger brachte. Die Rückkehr in den angestammten Beruf verlief nicht sonderlich positiv, so dass er zurück zum Militär ging, einige Spezialausbildungen durchlief und Berufssoldat wurde. Weiterhin betrieb er in seiner Freizeit intensiv Radsport.

2003 wurde er zum ersten Mal zum Einsatz nach Afghanistan geschickt. Weitere folgten 2004 und 2005. Im November diesen Jahres wurde er mit zwei weiteren Bundeswehrsoldaten Opfer eines Selbstmordattentates, wobei ein Soldat getötet und er wie ein zweiter Soldat schwer verletzt wurden. Nach einer Notoperation, bei der ihm der rechte Unterschenkel amputiert werden musste, wurde er in das Bundeswehrkrankenhaus nach Koblenz geflogen. Nachdem er aus dem künstlichen Koma erwacht war, beschloss er, dass es irgendwie weitergehen müsse. Zwei Monate nach dem Anschlag stand er wieder auf Skiern und weitere drei Monate später saß er auf dem Fahrrad – und startete seine neue Karriere als erfolgreicher Behindertensportler. 2007 wurde Käßner bayrischer Meister im Zeitfahren und Deutscher Vizemeister im 1000 Meter Bahnsprint, ein Jahr später sogar Deutscher Meister im 1000 Meter Bahnsprint. Tino Käßner ist verheiratet und Vater einer Tochter.

Harald Kujat
Harald Kujat Quelle: imago

Harald Kujat wurde 1942 in Mielke, dem heute polnischen Ninino, geboren. Nach dem Abitur 1959 begann er eine Ausbildung bei der Luftwaffe. Bis 1971 schaffte er es bis zum Hauptmann, um dann von Verteidigungsminister Leber zum Major ernannt zu werden. Nach einer Zwischenstation an der Führungsakademie der Bundeswehr arbeitete er ab 1997 im Bundesverteidigungsministerium. Als Oberst ging er dann zum NATO-Militärausschuss nach Brüssel und kehrt in den Führungsstab der Streitkräfte 1990 nach Bonn zurück. Es folgten weitere Karrierestationen bis er 2000 zum Generalinspekteur der Bundeswehr, dem höchstrangigen deutschen Soldaten, und kurz darauf zum General ernannt wurde. Harald Kurjat, ausgezeichnet mit den höchsten politischen und militärischen Ehrenzeichen, ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

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