Grüne im Abseits

Piraten entern alternative Flaggschiffe

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie sich wundern, wie schnell politische Blütenträume platzen können und Liebesschwüre in Eiszeit enden.

Sondierungsrunde in Berlin
Sondierungsrunde in Berlin Quelle: dapd

Nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus war klar: Auch wenn's knapp ist, heißt die Wunschkoalition eindeutig Rot-Grün. Mit der CDU wurde nur anstandshalber kurz geredet. Denn die Stimmung war in den Spitzen von SPD und Grünen in Land und Bund eindeutig Richtung gemeinsamer Regierung. Von einem Pilotprojekt für die ganz große Berliner Wahl, die zum Bundestag 2013, war schon die Rede. Und davon, dass der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit nun auch ein veritabler Kanzlerkandidat sei.

Bedröppelt im Regen

Jetzt heißt das Kommando: Zurück auf Los. In Berlin dreht sich ein ganz neues, vor der Wahl noch nicht mal ansatzweise erwogenes Koalitionskarussell. Und der Verlierer hat einen Namen: die Grünen. Die waren sogar bereit, die Kröte Autobahnausbau A 100 insofern zu schlucken, als man einen Hinhalte-Kompromiss fand. Doch der Widerstand der bunten Parteibasis und deren eindeutiges Nein zum Straßenbauprojekt führten dann doch dazu, dass der Taktiker Wowereit einen Schlussstrich zog.

Jetzt stehen die Grünen enttäuscht und sichtlich verunsichert da. Wie Kinder, denen man das Spielzeug weggenommen hat. Damit hatte man nicht gerechnet, sich stattdessen die Regierungsbeteiligung und deren Signal für den Bund schön geredet. Nichts geworden also aus dem Durchmarsch von Stuttgart nach Berlin, hatte man vor Monaten doch sogar noch von einer grünen Regierenden Bürgermeisterin Renate Künast geträumt. Nun reicht's noch nicht einmal zum Vize. Dabei hatte die Führung der Grünen doch gerade erst erklärt, der Fehler im Berliner Wahlkampf sei gewesen, kein eindeutiges Signal für Rot-Grün gesetzt zu haben. Aus der Traum! Jetzt steht man bedröppelt im Regen und schaut in die Röhre.

Piraten als Neo-Grüne

Grafik zeigt Logo der Piratenpartei und den Schriftzug Nichtwähler
Grafik Piraten Quelle: ZDF


Und das in doppelter Hinsicht. Man hat bei den letzten Landtagswahlen sensationell zugelegt, doch wo man regiert, gibt's nichts als Probleme. Stuttgart und Düsseldorf lassen grüssen, und Berlin ist gerade geplatzt. Doch das ist nicht alles. Viel schlimmer ist, dass sich erst still und leise, nun aber schrill und triumphierend ein ernsthafter Konkurrent ins Wählerklientel einschleicht: Die Piraten. In Berlin aus dem Stand mit 8,9 Prozent im Abgeordnetenhaus, bundesweit empfindet jeder Vierte Sympathie mit den neuen Exoten. Und die lassen die Damen und Herren Grünen ganz schön alt aussehen. Plötzlich wird jedem augenfällig klar: Die Grünen sind als etablierte Partei in die Jahre gekommen, inklusive Lebensalter ihres Spitzenpersonals.

Nichts mehr von der unbekümmerten Frische und der unangepassten Frechheit vergangener Zeiten. Das besorgen jetzt die neuen jungen Wilden, indem sie die Umfragen entern! Der gestrige Tag in Berlin mit dem Platzen des gepriesenen rot-grünen Projekts könnte insofern historisch sein. Weit über die Landespolitik hinaus wird es Auswirkungen auf Ausrichtung und Personal der Grünen haben. Die Piraten können sich genüsslich zurücklehnen, Angela Merkels Truppe darf erstmal aufatmen - und die SPD hat nach der Berliner Entscheidung wieder neue Koalitions-Perspektiven. Übrigens, nur einer ist überflüssig in dem ganzen Spiel: die FDP.

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