Hat Deutschland sich abgeschafft?

Schlagabtausch ein Jahr nach Sarrazin

Genau ein Jahr nach Erscheinen des Buchs "Deutschland schafft sich ab" diskutieren dessen Autor Thilo Sarazin und der Politiker der Grünen Hans-Christian Ströbele bei Peter Hahne über die Auswirkungen dieser Schrift.


Muslime sind integrationsunwillig, genetisch bedingt nur wenig intelligent und vermehren sich weit stärker als Deutsche - zentrale Thesen Thilo Sarazins, mit denen er in seinem Buch das Ende unserer Republik prognostiziert. Die Reaktionen darauf waren zum Teil heftig: Sie reichten von vorsichtiger Zustimmung bis zum Vorwurf des Populismus, Biologismus und Rassismus und mündeten sogar in einem Parteiausschlussverfahren aus der SPD gegen den ehemaligen Finanzsenator von Berlin und Bundesbank-Vorstand.

Nach einer persönlichen Erklärung Sarrazins, in der er betonte, Migranten nicht diskriminieren und sozialdemokratische Grundsätze nicht habe verletzen wollen, wurde das Verfahren allerdings wieder eingestellt - ohne dass er sich von seinen umstrittenen Thesen distanziert hätte. Während er dies als Sieg der Vernunft wertete, interpretierten Kritiker die Entscheidung der Schiedskommission des Berliner SPD-Kreisverbandes Charlottenburg-Wilmersdorf als reine Wahltaktik, da die SPD in einem Jahr mit zahlreichen Wahlentscheidungen nach einem Ausschluss Stimmenverluste befürchtet habe. Damit hat Sarrazin innerhalb weniger Monate zum zweiten Mal sein Parteibuch retten können.

Thilo Sarrazin diskutiert in Berlin-Kreuzberg mit einem Gemüsehändler
Thilo Sarrazin diskutiert in Berlin-Kreuzberg mit einem Gemüsehändler Quelle: dpa


Erneut für Aufsehen sorgte Thilo Sarrazin im Juli 2011, als er in Begleitung eines ZDF-Teams einen Rundgang durch Berlin-Kreuzberg antrat. Sowohl auf dem Markt als auch in einem türkischen Restaurant war er jedoch nicht gerne gesehen und wurde gnadenlos ausgebuht und als Rassist beschimpft. Während sein Parteifreund, der Bürgermeister von Neukölln Heinz Buschkowsky, dieses Verhalten der Migranten als "undemokratisch" kritisierte, zeigte der Bundestagsabgeordnete der Grünen Hans-Christian Ströbele dafür Verständnis - distanzierte sich allerdings von den Beleidigungen. Man darf also gespannt sein, wie diese beiden gegensätzlichen Politiker sich bei Peter Hahne austauschen werden.

Die Gäste:


Thilo Sarrazin wurde 1945 in Gera geboren. Dem Abitur schloss sich ein Studium der Volkswirtschaftslehre an, das er 1973 mit der Promotion abschloss. Im gleichen Jahr trat er der SPD bei. Anschließend arbeitete er für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung. 1975 bis 1978 war er Referent im Bundesfinanzministerium und wurde 1977 zum Internationalen Währungsfonds nach Washington abgeordnet. 1981 kehrte er ins Bundesfinanzministerium zurück, arbeitete 1990 bis 1991 für die Treuhandanstalt und wurde 1991 Staatssekretär im Finanzministerium von Rheinland-Pfalz. Im Dezember 2000 folgte der Ruf in den Vorstand der DB Netz AG.

Von 2002 bis 2009 war Sarrazin Senator für Finanzen im Berliner Senat, im Mai 2009 wechselte er in den Vorstand der Deutschen Bundesbank. Nachdem sein umstrittenes Buch "Deutschland schafft sich ab" erschienen war, wuchs der Druck auf ihn und er trat nach längerem Zögern und nicht ganz freiwillig von diesem Posten zurück. Sarrazin ist mit einer Grundschullehrerin verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder und lebt in Berlin.


Hans-Christian Ströbele wurde 1939 in Halle/Saale geboren. Nach dem Abitur folgte ein Studium der Rechtswissenschaften und Politik in Heidelberg und Berlin. 1967 trat er als Referendar der Anwaltskanzlei Mahler in Berlin bei, die sich für die aufkommende Studentenbewegung stark machte. 1969 war er Mitbegründer eines sozialistischen Anwaltskollektivs, 1970 wurde er Mitglied der SPD. Im gleichen Jahr übernahm er die Verteidigung von Angeklagten aus der RAF, von der er 1975 ausgeschlossen wurde. Es folgte ebenso der Ausschluss aus der SPD.

1980 wurde er wegen seiner Verteidiger-Tätigkeit für die RAF zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt und war an der Gründung der "Alternativen Liste" (AL) in Berlin beteiligt, die später zum Landesverband der "Grünen" wurde. 1985 folgte seine Wahl zum Bundestagsabgeordneten für die AL. 1990 bis 1991 fungierte er als Sprecher der Bundespartei "Die Grünen" und 1998 wurde er über die Landesliste erneut in den Bundestag gewählt. In den folgenden Bundestagswahlen 2002, 2005 und 2009 errang er jeweils das Direktmandat in seinem Berliner Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg. Hans-Christian Ströbele ist seit 1967 verheiratet, lebt in Berlin und hat keine Kinder.

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