Hochbegabt und niedergeschlagen

Das Leiden der klugen Kinder

Etwa zwei bis drei Prozent aller Kinder in Deutschland gelten als „hochbegabt“, haben also einen Intelligenzquotienten von 130 und mehr. Was vordergründig Anlass zur Freude gibt, bereitet Eltern und Lehrern oft massive Probleme – von den betroffenen Kindern gar nicht zu reden. Wie ihnen zu helfen ist, darüber diskutieren bei „Peter Hahne“ die Diplom-Pädagogin Dorothea Schlegel-Hentrich und der Verhaltensphysiologe Professor Gerhard Roth.

Peter Hahne: Kinder sitzen in einem Hörsaal einer Universität.
Manche Kinder sollten eher im Hörsaal statt im Klassenzimmer sitzen. Quelle: imago

Die Eltern sind ratlos. Monat für Monat werden die schulischen Leistungen ihres Sohnes Jens immer schlechter, insbesondere seine mündlichen Noten lassen zu wünschen übrig. Dafür wird sein Verhalten in der Klasse immer auffälliger, er stört und wird aggressiv. Der Verdacht liegt nahe und wird vom Kinderarzt bestätigt: Das Kind leidet unter AD(H)S! Glücklicherweise gibt es Ritalin, das Medikament, das die Konzentrationsfähigkeit steigern – und das Kind ruhig stellen soll. Die Verhaltensauffälligkeiten nehmen tatsächlich ab, aber auch weiterhin die schulischen Leistungen. Sollte es also doch kein AD(H)S sein, sondern eine allgemeine Lernschwäche?

Die Mutter eines Mädchens in der Parallelklasse steht vor einem anderen Problem. Am letzten Elternabend musste sie von der Klassenlehrerin erfahren, dass ihre Tochter Laura sich zunehmend aus dem Unterrichtsgeschehen zurückzieht, ständig abwesend und teilnahmslos wirkt. Doch der Kinderpsychologe gibt Entwarnung: Er kann bei dem Mädchen keine Depression feststellen und empfiehlt, Laura möge einen Intelligenztest machen – einen Tipp, den auch Jens‘ Eltern bekommen haben, nachdem das Ritalin nicht die erhoffte Wirkung gezeigt hat.

Ausweg Internat

Der Test zeigt ein für alle überraschendes Ergebnis: Die Kinder sind keineswegs lernbehindert oder desinteressiert, sie weisen beide einen IQ von über 130 aus, sind also hochbegabt. Die Schule hat sie demnach nicht über- sondern unterfordert, sie einfach nur gelangweilt. Somit stellt sich Eltern und Pädagogen eine besondere Frage: Wie kann diesen Kindern geholfen werden? Während es seit Jahrzehnten Programme und Methoden der Förderung von leistungsschwachen Schülern gibt, gestaltet sich der Umgang mit kindlichen Superhirnen schwierig. Lehrer können nicht einfach die Inhalte und das Tempo ihres Unterrichts an diesem einen hochbegabten Schüler ausrichten – der Rest der Klasse würde unweigerlich innerhalb kürzester Zeit abgehängt werden. Andererseits wäre es sowohl individuell als auch gesellschaftlich unverantwortlich, dieses Intelligenzpotential nicht zu pflegen.

Im begrenzten Umfang kann eine Lehrerin dieses Dilemma umgehen, indem sie der Superintelligenten zusätzliche Aufgaben stellt. Doch wenn dies nicht ausreicht, bleibt eigentlich nur der Besuch einer privaten oder öffentlichen Schule für Hochbegabte. Diese gibt es mittlerweile im ganzen Bundesgebiet, und alle nehmen nur Schüler auf, die einen schwierigen Eignungstest bestanden haben. In der Regel ist der Unterricht in diesen Schulen kostenfrei – da es sich aber meistens um Internate handelt, kommt am Ende doch Einiges auf die Eltern zu. So kosten Unterkunft und Verpflegung beispielsweise in der Schule Schloss Hansenberg im Rheingau 350 Euro pro Monat. Zwar vergeben einige der Förderer des Internats auch Stipendien, doch nicht für alle Schüler. Eine Familie mit Durchschnittsverdienst wird sich gut überlegen müssen, ob sie in der Lage ist, diese Kosten zu stemmen.

Falsch positive Ergebnisse

Peter Hahne: Baby kniet vor einem Laptop und hat einen Doktorhut auf dem Kopf.
Intelligenz kann nicht früh genug gefördert werden. Quelle: imago

Während Jens und Laura sich unterfordert und gelangweilt gefühlt haben, ergeht es anderen Kindern oft umgekehrt. Deren Eltern – meistens aus Mittel- und Oberschichtkreisen – haben die vermeintlichen Werte unserer Gesellschaft tief verinnerlicht: Von klein auf müssen ihre Kinder Klavier spielen („Wie alt war Mozart, als er seine erste Sinfonie komponiert hat?“), Ballett tanzen, reiten und Tennis spielen; der Tag der Kleinen ist durchorganisiert wie der Kalender eines Managers – von Freizeit keine Rede. Und: Es muss immer das Beste, Größte, Schönste – eben der Superlativ sein! Und das gilt auch für die Intelligenz ihres Produkts „Kind“. Da es sich auch in diesen Kreisen herumgesprochen hat, dass hochbegabte Kinder oftmals den Anschein von Verhaltensauffälligkeiten erwecken, halten sie die unkonzentrierte Zappelei ihres Nachwuchses für ein Indiz seiner Intelligenz – und schleppen das bedauernswerte Wesen zum Psychologen, um einen IQ-Test machen zu lassen.

Stimmt dessen Ergebnis dann allerdings nicht mit den elterlichen Erwartungen überein, ist die Enttäuschung groß und der Drill der Kinder wird gesteigert, oder aus vorgespielter Liebe wird Kälte. Ein anderer Ausweg erlangt zunehmende Beliebtheit: „Wenn uns das Ergebnis des Tests bei einem Psychologe nicht passt, gehen wir halt zum nächsten.“ Es soll bereits Vertreter dieser Berufsgruppe geben, die sich auf diese speziellen Elternwünsche eingestellt haben und die gewünschten (falsch) positiven Ergebnisse liefern. Doch das Ende dieser Illusion ist spätestens erreicht, wenn das Kind auf eine Schule für Hochbegabte wechseln möchte/muss. Von deren Tests heißt es, sie seien so weit wie möglich objektiv.

Die Gäste der Sendung

Peter Hhn: Professor Gerhard Roth
Professor Gerhard Roth Quelle: ZDF/Michael Kramers

Professor Gerhard Roth wird 1942 geboren. Nach dem Abitur studiert er in Münster und Rom Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft und promoviert 1969 in Philosophie. Er schließt ein Studium der Biologie in Münster und Berkley an, das er 1974 auch mit einer Promotion, diesmal in Zoologie, abschließt. Ab 1976 hat er eine Professur für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie an der Uni Bremen inne, 2008 wird er Direktor am dortigen Institut für Hirnforschung. Von 2003 bis 2011 ist er Präsident der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ und seit 2009 Geschäftsführer der „Roth GmbH – Applied Neuroscience“ in Bremen. Die Firma bietet Unternehmens- und Personalberatungen auf der Basis von Ergebnissen der Hirnforschung an. Roth ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zu den Themen Neurowissenschaft, Philosophie und Lernen.

Peter Hahne: Dorothea Schlegel-Hentrich
Dorothea Schlegel-Hentrich Quelle: ZDF/Michael Kramers

Dorothea Schlegel-Hentrich wird 1949 geboren. 1975 schließt sie ihr Studium der Sozialwissenschaften als Diplom-Pädagogin ab. Ab 1977 arbeitet sie zehn Jahre lang beim „Internationalen Bund“ (IB), einem freien Träger der Sozialarbeit in Frankfurt. Ihr Schwerpunkt hier liegt in der Konzept-Entwicklung für die Fortbildung von Lehrern und sozialpädagogischen Kräften. Seit 1987 ist sie freiberufliche Supervisorin und Coach und seit 2004 auch psychosoziale Beraterin. Seit 2001 arbeitet sie eng zusammen mit dem Hochbegabtenzentrum der Stadt Frankfurt, 2007 eröffnet sie ihre Praxis für Psychosoziale Beratung und 2013 gründet sie in Bad Homburg das Institut für Begabtencoaching.

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