Ist Deutschland süchtig?

Das Drama um Crystal Meth

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Laut Aussage einer vor Gericht stehenden Dealerin soll der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Hartmann Konsument von Crystal Meth sein, einer der härtesten Drogen. Angesichts dieses Skandals und des gerade eben erschienenen neuesten Berichts der Bundesdrogenbeauftragten stellt sich die Frage: Wenn schon hochangesehene und als seriös geltende Volksvertreter zu illegalen Drogen greifen, wie sieht es dann mit dem Suchtverhalten der Restbevölkerung aus? Zu diesem Thema hat Peter Hahne den Arzt und Suchtexperten Dr. Roland Härtel-Petri und den Schauspieler und Ex-Drogenabhängigen Willi Herren eingeladen.

Crystal Meth liegt auf einem Labortisch
Crystal Meth zählt heute zu den meistverbreiteten und härtesten Drogen. Quelle: imago

Seit Anfang Juli ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft gegen den SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Hartmann. Sie wirft ihm vor, Methamphetamin – besser bekannt unter dem Szenenamen Crystal Meth - erworben und konsumiert zu haben. Womit er eventuell gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen habe. Der angesehene Politiker tritt daraufhin sofort vom Posten als innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion zurück. So aufsehenerregend dieser Fall eines bekannten Politikers auch sein mag, so normal scheint mittlerweile der Gebrauch illegaler Drogen in Deutschland zu sein – diese Erkenntnis vermittelt der gerade erst erschienen Bericht der Drogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU).

Dieser vermerkt einen Anstieg der Verbreitung von Crystal Meth, allerdings keine gestiegenen Verbraucherzahlen. Was zunächst als Widerspruch erscheint, erklärt sich daraus, dass die Polizei eine ansteigende Zahl von „Meth-Usern“ beobachtet, die auffällig werden. Als Konsequenz daraus steigt auch die Menge der beschlagnahmten Drogen. Die Auffälligkeiten nach dem Konsum von Metamphetamin verweisen auf zwei Probleme, die mit dieser Droge verbunden sind. Zum einen tritt ihre Wirkung schnell und heftig ein, was eine kontrollierte Einnahme erschwert. Zum anderen stammt sie in der Regel aus obskuren „Hexenküchen“ in Osteuropa, und kein User kann sich sicher sein, was er tatsächlich konsumiert. Zwar ist Crystal eine relativ preiswerte Droge, doch verschnitten mit irgendwelchen Zusatzstoffen erhöht sich natürlich der Gewinn der Produzenten oder Zwischenhändler – und die Folgen des Gebrauchs werden noch unkalkulierbarer als sie so schon sind.

Natürlicher Konkurrent

In den Medien wird Crystal Meth oft als „Modedroge“ bezeichnet. Der Begriff wird von vielen auf die schicke Partyszene bezogen, wo sie sich offenbar mittlerweile etabliert hat. Darüber hinaus verweist er aber auch auf einen anderen gesellschaftlichen Aspekt. Als Wach- und Schlankmacher ist sie die Droge unserer modernen Gesellschaft. Hungergefühle unterdrücken und schlank werden oder bleiben ist für viele erstrebenswert und Inhalt ihres Lebens. Auf der anderen Seite scheinen aber auch die Karrierechancen für Menschen, die länger als andere arbeiten können – und sei es 20 Stunden lang – entscheidend zu wachsen. In dieser Hinsicht ist es nicht verwunderlich, dass ausgerechnet ein Politiker mit Meth erwischt wird, heißt es doch von ihnen, dass sie meistens mit sehr wenig Schlaf auskommen (müssen). Doch ganz neu ist diese Erkenntnis nicht: Bereits im Jahr 2000 behauptet der Sender Sat 1 in einem Bericht, dass auf fast allen Toiletten des Bundestags Spuren von Kokain – mit ähnlichem Wirkungsprofil wie Crystal – zu finden seien. Ob der Sender nur seine Einschaltquote steigern will oder an der Geschichte wirklich etwas Wahres sein sollte, lässt sich allerdings nie aufklären.

Jugendlicher trinkt Alkohol
Die Zahl der Alkoholkranken ist höher als die der User illegaler Drogen. Quelle: dpa

Doch ob Kokain oder Crystal Meth, ob Heroin oder Haschisch, ob Opium oder Crack: Was unterscheidet diese denn von den legalen Drogen wie Alkohol und Medikamenten? Sie stehen auf der Liste des Betäubungsmittelgesetzes und sind daher verboten. Süchtig können alle diese Stoffe machen, wobei allzu gerne vergessen wird, dass in Deutschland die Zahl der Alkoholkranken und der Tablettenabhängigen die der Nutzer illegalisierter Drogen um ein Vielfaches übersteigt. Und warum sind Cannabisprodukte auf der Verbotsliste gelandet, obwohl ihr Suchtpotential nach Auskunft von Experten deutlich geringer ist als das von Alkohol? Ein Blick auf den Weltmarkt im frühen 20. Jahrhundert könnte erhellend sein: Mit der Entwicklung der ersten Kunststoff-Fasern gilt es den lästigen Konkurrenten Hanfseil zu verdrängen, und die altbewährten Medikamente auf der Basis von Cannabis stehen der profitablen Karriere von synthetischen Medikamenten im Weg – also wird der Anbau und Konsum von Cannabis verboten. Ein Vorgang, der interessanterweise ausgerechnet in einigen US-Bundesstaaten seit einigen Monaten rückgängig gemacht wird.

Verlorene Kriege

Und nicht nur Cannabis ist ein wirksames Heilmittel. Sowohl Methamphetamin als auch Heroin werden als Medikamente entwickelt. Crystal – bis 1988 als „Pervitin“ im Handel – wird zur Unterdrückung von Müdigkeit, Hunger und Schmerzen verschrieben. Sogar Nazi-Bomberpiloten im Zweiten Weltkrieg und GIs in Vietnam bekommen das Präparat tausendfach verabreicht. Die Firma Bayer ist 1897 – kurz vor ihrem Umzug von Elberfeld nach Leverkusen – so stolz auf ihr neuestes Mittel gegen Husten, Depressionen und Schmerzen, dass sie es heroisch „Heroin“ tauft. Opium schließlich ist in weiten Teilen Ostasiens insbesondere als Mittel gegen Durchfall geschätzt. Auch hinsichtlich von Drogen gilt also der überlieferte Satz von Paracelsus: „Die Dosis macht das Gift“.

Angesichts der Vielzahl von Drogenabhängigen bleibt festzustellen: Deutschland war, ist und bleibt „süchtig“ – genau wie alle anderen Gesellschaften auf der Welt. Der Krieg gegen die Drogen ist also verloren – wenn er denn je hätte gewonnen werden können. Was bleibt, ist daher ein veränderter Umgang mit ihnen. Es gilt, die Nutzer von Rauschgiften zu entkriminalisieren (und damit die Parks sicherer zu machen, den wildwuchernden Straßenstrich stillzulegen und die Gefängnisse zu leeren), und es ist zu überlegen, alle Drogen zu legalisieren. Denn wie schon die Prohibition in den USA gezeigt hat: Die einzigen, die vom Verbot von Drogen profitieren sind die Paten der Mafia.

Die Gäste der Sendung

Willi Herren
Willi Herren Quelle: imago

Willi Herren wird 1975 in Köln geboren. Der Schauspieler wird bekannt durch seine Auftritte 1992 bis 2007 in der „Lindenstraße“ als „Olli Klatt“. Außerdem beteiligt er sich am „RTL-Promiboxen“ und in der zweiten Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“. Weitere Standbeine sind seine Arbeit als Synchronsprecher und als Stimmungssänger.

2008 bekommt Herren Probleme mit der Justiz: sechs Monate Haft auf Bewährung wegen Fahrens ohne Führerschein, drei Monate später noch einmal ein Jahr und zwei Monate Bewährungsstrafe wegen Trunkenheit am Steuer. Doch offenbar ist Alkohol nicht sein einziges Drogenproblem. Bei Markus Lanz spricht er 2012 über seine Jahre mit Kokain. Zunächst nimmt er es nur selten, steigert den Konsum aber im Laufe der Jahre immer mehr – sogar vor den Augen seiner Kinder. Die Produzenten der „Lindenstraße“ schmeißen ihn raus; wegen seiner Kokain-Probleme hat er ganze Drehtage verpasst. Fünfmal bricht er eine Drogentherapie ab, erst der sechste Versuch in der „Betty-Ford-Klinik“ hat Erfolg. Heute ist er clean und lebt sein neues Motto: „Die Vergangenheit ist Vergangenheit – jetzt geht es aufwärts.“

Roland Härtel-Petri
Roland Härtel-Petri Quelle: privat

Dr. Roland Härtel-Petri wird 1967 geboren. Nach dem Abitur studiert er von 1989 bis 1993 in Marburg Medizin, Ethnologie und Religionswissenschaften. Nach einem Praktischen Jahr in Großbritannien bildet er sich zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie weiter. Nach weiteren Praktika arbeitet er von 1997 bis 2004 als Assistenzarzt am Bezirkskrankenhaus (BKH) Bayreuth, wo er eine Niedrigschwellige Drogenentzugsstation mit aufbaut. 2004 wird er im BKH Oberarzt für Klinische Suchtmedizin und Leiter der Substitutionsambulanz. 2008 wechselt er in das Bezirkskrankenhaus in Hochstadt als Leitender Arzt. 2010 geht Härtel-Petri zurück nach Bayreuth, wo er eine Stelle als Leitender Oberarzt des Suchtbereichs antritt.  2014 lässt er sich in seiner eigenen Praxis für Psychotherapie und Psychiatrie nieder und es erscheint sein mit dem Co-Autoren Heiko Haupt verfasstes Buch „Crystal Meth: Wie eine Droge unser Land überschwemmt“.

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