Jugendgewalt ohne Grenzen

Polizei machtlos, Politik ratlos, Bürger wehrlos?

Und wieder ist ein Opfer jugendlicher Gewalt zu beklagen: Vor gut zwei Wochen wird der 20-jährige Jonny in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes von einer Bande Schlägern so schwer verletzt, dass er nur wenige Stunden später im Krankenhaus stirbt. Angesichts dieser Brutalität stellt sich erneut die Frage, ob wir diesen Exzessen schutzlos ausgeliefert sind. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der „Grünen“, und der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln Heinz Buschkowsky diskutieren darüber bei Peter Hahne.

Blumen und Kerzen am Tatort des Überfalls auf Jonny
An dieser Stelle wurde Jonny umgebracht.

Die Politiker zeigen sich fassungslos, die Familie ist gelähmt in ihrer Trauer und die Öffentlichkeit empört über die zunehmende Jugendgewalt und das vermeintlich laxe Verhalten der Justiz. Ist es wirklich hinzunehmen, dass ein Richter zwei Tatverdächtige sofort wieder auf freien Fuß setzt? Können Politik und Polizei nicht endlich etwas gegen die wachsende Brutalität unternehmen?

Immer mehr und immer brutaler?

Natürlich sind alle entsetzt über diesen schrecklichen und sinnlosen Tod, natürlich empfinden alle tiefstes Mitgefühl mit der trauernden Familie und natürlich darf eine solche Tat nicht ungesühnt bleiben. Trotzdem leben wir in einem Rechtsstaat. Und in einem solchen kann ein Richter, wenn keine Flucht- oder Verdunkelungsgefahr besteht, einen Tatverdächtigen bis zur Hauptverhandlung und einer eventuellen Verurteilung nach Hause schicken.

Auch die immer nach solchen schrecklichen Verbrechen aufkommende Klage über die zunehmende Zahl und Brutalität jugendlicher Delinquenten, hält einer Überprüfung nicht unbedingt stand. Seit mehreren Jahren zeigt die Kriminalitätsstatistik, dass die Zahl der Gewalttaten von Jugendlichen zurückgeht. Auch der Einwand, dass dafür aber das Ausmaß der Grausamkeiten zugenommen habe, ist nicht haltbar. Dies beweist die ebenfalls gesunkene Zahl von Tötungsdelikten bei Jugendlichen und Heranwachsenden. Inwiefern dieser Rückgang mit einer sinkenden Bereitschaft, Anzeige zu erstatten, zusammenhängt, lässt sich natürlich nicht nachweisen. Angesichts des grauenvollen Todes des jungen Mannes in Berlin und anderer ähnlicher Straftaten geraten solche Zahlen aber leicht ins Vergessen.

Die Gäste der Sendung

Heinz Buschkowsky
Heinz Buschkowsky

Heinz Buschkowsky wurde 1948 in Berlin-Neukölln geboren. Nach seiner Ausbildung zum Diplom-Verwaltungswirt arbeitete er ab 1973 für verschiedene Berliner Senatsverwaltungen. Im gleichen Jahr wurde er Mitglied der SPD. Er wird dem rechten Flügel seiner Partei zugerechnet und zählte vor 1989 zum „Britzer Kreis“ der Berliner SPD. Nach mehren Jahren als stellvertretender Bürgermeister und Bezirksstadtrat wurde Buschkowsky 2001 zum Bezirksbürgermeister von Neukölln gewählt.

Buschkowsky ist in den letzten Jahren durch teilweise provokante Thesen zum Thema Integration von Migranten bekannt geworden. Die Thesen in seinem jüngst erschienen Buch „Neukölln ist überall“ werden von einigen – auch von Mitgliedern seiner Partei – als populistisch und rassistisch kritisiert. Er will jedoch lediglich den Finger in die Wunde legen und auf das gescheiterte Projekt „Integration“ hinweisen. Nach dem gewaltsamen Tod von Jonny am Alex hat Buschkowsky vorgeschlagen, die Preise im öffentlichen Nahverkehr um 30 Cent zu erhöhen und dieses Geld in die Sicherheit zu investieren. Der „Welt“ sagte er, so könne man „die U-Bahn absolut sicher machen und Sicherheitspersonal einstellen“.

Cem Özdemir
Cem Özdemir

Cem Özdemir wurde 1965 in Bad Urach bei Reutlingen geboren. Nach seiner Ausbildung zum Erzieher studierte er bis 1994 Sozialpädagogik. Bereits 1981 war er Mitglied der „Grünen“ geworden. Von 1989 bis 1994 war er Mitglied im Landesvorstand der baden-württembergischen „Grünen“ und 1994 wurde er als erster Abgeordneter mit türkischen Wurzeln in den Bundestag gewählt, dem er zwei Legislaturperioden angehörte. Nach einem längeren USA-Aufenthalt wurde er von 2004 bis 2008 in das Europaparlament gewählt.

Nachdem eine erneute Kandidatur für den Bundestag parteiintern gescheitert war, wurde Özdemir 2008 zum Bundesvorsitzende von „Bündnis90/Die Grünen“ gewählt; 2010 erfolgte dann die Wiederwahl. 1996 wurde er mit der „Theodor-Heuss-Medaille“ und dem „Civis Media-Preis“ für seinen Einsatz für ein vorurteilsfreies Zusammenleben von Deutschen und Migranten ausgezeichnet. Außerdem gehört er dem Auswahlkomitee der Robert-Bosch-Stiftung an, die mit dem Programm "Talent im Land" seit 1985 begabte Kinder mit Migrationshintergrund fördert.

Von Harald Grimm

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