Kinder, Koma, Alkohol

Wer schützt unsere Jugend?

Der Gründer der Kinder-Betreuungseinrichtung "Die Arche" und Autor des Buches "Generation Wodka" Bernd Siggelkow und der Hauptgeschäftsführer des "Deutschen Brauer-Bundes" Peter Hahn diskutieren bei Peter Hahne über den Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen.

Junger Koma-Säufer im Kinderkrankenhaus
Junger Koma-Säufer im Kinderkrankenhaus Quelle: dpa
Alkohol typical Quelle: dpa


Koma-Saufen, Flatrate-Partys, Kampftrinken: In letzter Zeit erscheinen immer wieder Meldungen in der Presse, die von Alkoholexzessen bei Jugendlichen berichten. Der Leser bekommt den Eindruck, dass ein neues, überdimensionales Problem aufgetaucht ist, das dringend, vielleicht sogar per Gesetz, gelöst werden muss. Jugendforscher winken ab; sie verweisen darauf, dass Alkoholkonsum schon sehr lange in der Pubertät eine wichtige Rolle spielt. Jugendliche wollen sich als Erwachsene fühlen - und das mit Hilfe einer allgemein akzeptierten Droge.

Realitätsflucht

Auch die Statistik stützt nicht die These des ausufernden Missbrauchs: Zwischen 2000 und 2005 ist die Menge des von Jugendlichen konsumierten Alkohols sogar zurückgegangen, um dann bis zum Ende des Untersuchungszeitraums 2007 wieder leicht anzusteigen. Alles also nur Panikmache der Boulevard-Presse? Nicht ganz: Denn die Statistik zeigt nur Durchschnittswerte.

Bei der intensiveren Untersuchung jugendlichen Trinkverhaltens zeigt sich nämlich, dass der Großteil von ihnen mit Alkohol kein Problem hat, dagegen aber eine Minderheit sich tatsächlich regelmäßig zum Komasaufen verabredet. Dies zeigt die erschreckende Zahl von knapp 20.000 jungen Leuten, die 2005 mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurden - doppelt so viele wie im Jahr 2000. Und mit einem weiteren Vorurteil räumt die Untersuchung auch auf: Es sind keineswegs nur sozial Benachteiligte am Kampftrinken beteiligt. Ebenso finden sich in dieser Gruppe auch Mittel- und Oberklasse-Jugendliche, die häufig mit den an sie gerichteten Erwartungen und dem steigenden Leistungsdruck nicht umgehen können und gezielt in die Bewusstlosigkeit flüchten.

Die Gäste:


Bernd Siggelkow wird 1964 in Hamburg geboren und wächst im Stadtteil St. Pauli auf. Als er sieben Jahre alt ist, verlässt seine Mutter die Familie, die sein Vater nur mit großer Mühe versorgen kann. Bernd bekommt als 15-Jähriger Kontakt zur Heilsarmee, für die er zunächst ehrenamtlich arbeitet. Mit 16 verlässt er die väterliche Wohnung und zieht in ein Haus der Heilsarmee.

In Bochum absolviert er drei Jahre später eine theologische Ausbildung und beginnt mit der Betreuung vernachlässigter Kinder. 1995 wird Siggelkow Jugendreferent einer Freikirche im Berliner Stadtteil Hellersdorf/Marzahn. Schnell erkennt er, in welchen teilweise katastrophalen Verhältnissen die Kinder des Viertels aufwachsen. Mit einigen Freunden besucht er sie auf den Spielplätzen und Hinterhöfen und lädt die, die es augenscheinlich am nötigsten haben zu sich nach Hause, in seine Kinderstunde ein.

Immer mehr und immer jünger

Hiermit legt er den Grundstein für eine Einrichtung, die kurze Zeit später "Die Arche Berlin - Christliches Kinder- und Jugendwerk e. V." genannt wird. Heute werden über 2000 Kinder in zehn deutschen "Archen" mit einer warmen Mahlzeit versorgt und betreut. Der Verein finanziert seinen Etat in Höhe von 8 Millionen Euro (2010) zum größten Teil aus privaten Spenden und aus Unterstützungen von Unternehmen. Staatliche Hilfe erhält er keine.

In seinem kürzlich erschienenen Buch "Generation Wodka" schlägt Siggelkow Alarm. Darin verweisen er und seine Mitautoren darauf, dass immer mehr und immer jüngere Kinder zu regelmäßigen Alkoholkonsumenten werden. Laut einer DAK-Studie tränken etwa zehn Prozent der unter 12-Jährigen regelmäßig Alkohol, und am Wochenende seien die Notaufnahmen voll von betrunkenen Jugendlichen. Es sei an der Zeit, dieser dramatischen Entwicklung Einhalt zu gebieten. Bernd Siggelkow ist verheiratet und Vater von sechs Kindern.


Peter Hahn ist Rechtsanwalt und Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes. In dieser Funktion ist er Sprachrohr der deutschen Bierbrauer und bevorzugter Ansprechpartner, wenn es um die Frage des Alkoholkonsums oder Alkoholmissbrauchs geht. Er und sein Verband betonen, dass sie sich schon seit langem für einen vernünftigen Umgang mit Alkohol einsetzen.

So haben sie beispielsweise einen Brauer-Kodex aufgestellt, in dem sie betonen, dass die "deutschen Brauer ausschließlich den bewussten, verantwortungsvollen Genuss alkoholhaltiger Getränke im Allgemeinen und des Kulturgutes Bier im Besonderen (fördern)". Außerdem haben sie mit den Kampagnen "Bier? Sorry, erst ab 16" und "Don't drink and drive" (gemeinsam mit anderen Verbänden) ihre Bereitschaft gezeigt, sich in den Bereichen Jugendschutz, Prävention und Aufklärung zu engagieren.

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