Kopfnoten, Hausaufgaben, Schulschwänzer

Was ist nur mit unseren Schulen los?

Schule – ein Ort, der Kindern oft den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Schulschwänzer werden immer mehr, Hausaufgaben sind sinnlos – und Kopfnoten sowieso. Die Debatte um das deutsche Schulsystem reißt nicht ab: Forderungen nach Reformen werden laut, anderen gehen die bereits erfolgten Veränderungen schon zu weit – und die Dritten wollen die herkömmliche Schule ganz abschaffen. Welches ist der richtige Weg aus der Schul- und Bildungsmisere? Darüber diskutieren bei Peter Hahne der "schrillste Lehrer Deutschlands" Matthias Isecke-Vogelsang, der für frischen Wind im Schulsystem plädiert und der Präsident des Deutschen Lehrerverbands Josef Kraus, der das alte, konservative Schulmodell vertritt und Leistungsorientierung dem Spaß an der Schule vorzieht.

Ein Junge mit einem Schulranzen steht allein an einer Straße und spielt mit seinem Handy.
Schulschwänzer - längst Alltag in deutschen Schulen Quelle: dpa

Mobbing, Prüfungsangst oder schlichtweg Faulheit sind Gründe für viele Kinder, nicht in die Schule zu gehen. Täglich zählen die Schulbehörden etwa 200.000 Schwänzer in Deutschland – Tendenz steigend. In einigen Bundesländern müssen Eltern Bußgelder bezahlen oder Kinder bekommen Jugendarrest. In Bayern werden Schwänzer zwangsweise von der Polizei in die Schule gebracht. Andere Bundesländer plädieren für Beratung und verstärkte Betreuung. In beiden Fällen müssen Eltern und Lehrer zusammenarbeiten, die Gründe der Schulschwänzer herausfinden und gezielt helfen.

Freizeit statt Hausaufgaben

Hausaufgaben gehören wohl schon immer zur Schule dazu, rauben den Kindern die Zeit – und oft auch den Spaß am Lernen. Eigentlich ist nach der Schule für Kinder spielen angesagt. Sie wollen Zeit mit Freunden oder der Familie verbringen. Stattdessen müssen sich die Kinder auch zu Hause mit Zahlen und Buchstaben quälen, und zwar meist alleine. Nur wenn sie Glück haben, helfen ihnen die Eltern.

Doch wäre es nicht besser, wenn sich Kinder zu Hause wirklich ihrer Freizeit widmen könnten, Dinge unternehmen, die ihnen Spaß machen? Eine Vorstellung, die vielen Schülern sicherlich gefallen wird. Deshalb plädiert die Berliner Bildungsforscherin Jutta Allmendinger für die Abschaffung der Hausaufgaben. Stattdessen sollen alle Schulen zu Ganztagsschulen werden, in denen die Kinder am Nachmittag gemeinsam lernen und den Unterrichtsstoff wiederholen können. Zusätzliche Hilfe erhalten sie von den betreuenden Lehrern. Danach gehen sie "befreit" nach Hause.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus ist da anderer Meinung. Er behauptet: "Hausaufgaben sind sinnvoll und ein notwendiger Bestandteil schulischen Lernens." Kraus findet, dass vor allem schwächere Schüler von Hausaufgaben profitieren, indem sie den Stoff aus dem Unterricht wiederholen. Außerdem förderten Hausaufgaben  das eigenständige Arbeiten der Schüler – vorausgesetzt sie erledigen sie ohne große Hilfe der Eltern. Aber ist das wirklich die beste Lösung? Sind die Kinder nicht vielleicht motivierter, wenn sie gemeinsam lernen und spätnachmittags die Schule vergessen können?

Pädagogischer Unfug

Neben den Fähigkeiten in Mathe oder Deutsch werden in manchen Bundesländern auch das Verhalten und die allgemeine Mitarbeit der Schüler benotet. Mit "Kopfnoten" bewerten die Lehrer unter anderem die Leistungsbereitschaft, die Zuverlässigkeit oder das Konfliktverhalten der Schüler."Wir müssen dem gestiegenen Wert von Tugenden wie Leistungsbereitschaft und Teamfähigkeit Rechnung tragen", sagt Andrej Priboscheck, Pressesprecher des Schulministeriums in Nordrhein-Westfalen. Die Benotung soll den Kindern also wieder die Wichtigkeit von Sozialverhalten vor Augen führen. Ein Kind, das positiv auffällt, indem es zum Beispiel Mitschülern hilft, wird mit einer guten Note belohnt. Laut Peter Hahnes Gast Josef Kraus sind die Kopfnoten auch für die Eltern hilfreich, die so erfahren, wie sich ihre Kinder im Umgang mit anderen verhalten. Aber sind diese Noten denn wirklich sinnvoll?

In den 1960er und 1970er Jahren wurden Kopfnoten größtenteils abgeschafft. In den 1990er Jahren tauchten sie auf den Zeugnissen einiger Bundesländer wieder auf. Aber: "Kopfnoten sind pädagogischer Unfug", so Berthold Paschert von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen. Lehrern raubten sie Zeit, viele fühlten sich nicht in der Lage, neben den "normalen" Noten auch noch das Verhalten oder die soziale Kompetenz jedes einzelnen Schülers zu bewerten. Andere Pädagogen verweisen darauf, dass sie ihre Schützlinge nicht gut genug kennen, um deren Gesamtverhalten angemessen beurteilen zu können. Für Schüler könnten Kopfnoten statt einer Motivation eine "Entwicklungsbremse" bedeuten: Sie hätten Angst, sich kritisch im Unterricht zu äußern, was negative Auswirkungen auf ihre Verhaltensnote haben könnte. Letztendlich stellt sich doch die Frage: Kann man den Charakter eines Kindes denn überhaupt bewerten?

Die Gäste der Sendung

Matthias Isecke-Vogelsang
Matthias Isecke-Vogelsang Quelle: imago

Matthias Isecke-Vogelsang wird häufig als "schrillster Lehrer" Deutschlands bezeichnet, da seine Frisur und Kleidung ihn als Punk ausmachen lassen. Er arbeitete 20 Jahre als Lehrer an einer Grund-und Hauptschule in der ostholsteinischen Gemeinde Süsel und wechselte 2010 an eine Grund-, Haupt- und Realschule in Lübeck, an der er seitdem Direktor ist. Neben seinem Beruf ist Isecke ehrenamtlich in Süsel im Kirchenkreis, in der Volkshochschule und beim Deutschen Roten Kreuz tätig.

Isecke-Vogelsang setzt auf Individualität und Freiheit seiner Schüler. Mit konsequenten Regeln möchte er ein soziales Zusammenleben der Kinder erreichen. Außerdem legt er Wert darauf, dass seine Schützlinge lernen, nicht nur nach dem Äußeren zu beurteilen.

Josef Kraus
Josef Kraus Quelle: imago

Josef Kraus wurde 1949 in Kipfenberg im Landkreis Eichstätt geboren. Nach dem Abitur 1969 studierte er von 1971 bis 1977 Deutsch und Sport für das Lehramt an Gymnasien in Würzburg. Sein zweites Staatsexamen schloss er in Ingolstadt ab, ein Jahr später kehrte er für ein Psychologie-Diplom nach Würzburg zurück.

Von 1979 bis 1987 hatte Kraus verschiedene Vorstandsämter im Deutschen Philologenverband inne. Ab 1980 unterrichtete er für 15 Jahre an einem Gymnasium in Landshut und arbeitete nebenbei als Schulpsychologe für den Regierungsbezirk Niederbayern. Seit 1987 ist er Präsident des Deutschen Lehrerverbandes sowie seit 1995 Schulleiter an einem Gymnasium bei Landshut.

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