Kranke Krankenhäuser

Das Geschäft mit der Gesundheit

Kliniken kurz vor der Pleite, Hygienemängel in OPs, ärztliche Kunstfehler zuhauf: Deutsche Krankenhäuser stecken in einer tiefen Krise. Wie es dazu gekommen ist und wie ein Ausweg aus dieser Situation aussehen könnte, diskutieren bei „Peter Hahne“ der ehemalige Oberarzt und heutige Gutachter Dr. Michael Imhof und der Professor für Gesundheitsmanagement Dr. Peter Rudolph.

Leerer Operationssaal
In deutschen OPs ist es mit der Hygiene nicht immer zum Besten gestellt. Quelle: imago

Nach Berechnungen von Experten sind von über 500.000 Krankenhaus-Betten etwa 130.000 nicht belegt. Daher will Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) einige Kliniken schließen. Für die Krankenkassen ist dies der richtige Weg, denn die Überkapazitäten führten dazu, dass fehlende Einnahmen durch oftmals sinnlose Behandlungen kompensiert würden. Deutlich werde dies in einem internationalen Vergleich: In den Niederlanden würden die 17 Millionen Einwohner von 132 Krankenhäusern versorgt. Um etwa die gleiche Einwohnerzahl in Nordrhein-Westfalen sorgen sich dagegen über 400 Kliniken. Dafür steht die Bundesrepublik allerdings einsam an der Spitze, wenn es um die Zahl aufwändiger Operationen an Hüfte, Knie und Wirbelsäule geht – aber auch bei der Anzahl medizinisch zumindest fragwürdiger Behandlungen.

Fließband statt Pflege

Eine der Ursachen für diese Fehlentwicklung ist die Umstellung des Abrechnungssystems von Tagessätzen auf Fallpauschalen. Das bedeutet, die Kliniken stellen den Krankenkassen nicht mehr die tatsächlich im Krankenhaus verbrachte Zeit in Rechnung, sondern eine im Voraus für eine Behandlung festgelegte Summe. Daher versuchen die Krankenhausträger, die Behandlungsdauer so kurz wie möglich zu halten – mit gravierenden Folgen: leere Betten, Patienten, die entlassen werden obwohl die Wunde noch nicht ganz verheilt ist sowie eine enorme Arbeitsverdichtung für Ärzte und Pflegepersonal. Es ist allgemein bekannt, dass Arbeitsverdichtungen sehr schnell zu Qualitätsverlusten führen können; das ist in einer Schraubenfabrik kein großes Problem, wenn mal eine Mutter nicht auf das Gewinde passt – aber im Krankenhaus?

Einen deutlichen Hinweis auf mangelnde Qualität liefert eine Umfrage unter Krankenhausangestellten. Eine große Zahl von ihnen würde sich niemals im eigenen Haus operieren lasse – dafür kennen sie die Mängel zu gut. Ein weiterer Aspekt, der die problematische Situation in den Kliniken verstärkt, ist die Tatsache, dass mittlerweile auch das Gesundheitswesen vom Privatisierungswahn erfasst ist. Mit dem Wechsel der Trägerschaft von der öffentlichen Hand oder den Kirchen auf Gesundheitskonzerne rückt der Patient aus dem Zentrum und wird durch das Profitinteresse ersetzt. Da nun das Krankenhaus Gewinn abwerfen muss, verschlechtern sich wiederum die Behandlung der Patienten und die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. In einigen Kliniken ist es soweit gekommen, dass die Ärzte von den Trägern Zielvorgaben erhalten, wie viele Behandlungen – für einen Gesundheitsökonomen gleichbedeutend mit Umsatz – sie auf ihrer Station abzurechnen haben. Können sie den Plan erfüllen, winken Bonus-Zahlungen, wenn nicht, drohen Sanktionen: Fließband statt Pflege.

Skandalöse Hygiene

Die wirtschaftliche Situation deutscher Kliniken ist 2011 und 2013 Gegenstand zweier statistischer Untersuchungen. Der Krankenhaus Rating Report 2013 kommt zu dem Ergebnis, dass 27 Prozent der 2000 deutschen Häuser insolvenzgefährdet sind. Zwei Jahre zuvor melden die Beratungsgesellschaft Accenture und das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung, dass die meisten deutschen Krankenhäuser (etwa 80 Prozent) wirtschaftlich gesund sind – im Gegensatz zu Häusern in Frankreich und Portugal. Die relativ geringe Differenz von sieben Prozentpunkten bringt trotzdem die Krankenkassen dazu, Klinikschließungen zu fordern, während die „Ärzte Zeitung“ aufgrund der Accenture-Zahlen titelt: „EU-Finanzvergleich: Deutsche Kliniken spitze“.

Ebenso Folge der prekären Personalsituation sind teilweise katastrophale hygienische Zustände in deutschen Kliniken. Diese führt jedes Jahr zu etwa 30.000 Toten, gestorben nach einer Krankenhaus-Infektion. Experten schätzen die jährliche Zahl solcher Infektionen auf bis zu 700.000 Fälle, wobei als besonders Besorgnis erregend die steigende Zahl von multiresistenten Bakterien angesehen wird. Sie konnten sich so stark entwickeln aufgrund fehlender Hygiene und auch unsachgemäßem Einsatz von Antibiotika. Neben den unhygienischen Zuständen ist aber auch hier der enorme Mangel an Hygiene-Fachkräften zu beklagen. Thematisiert wird Hygiene in deutschen Kliniken zumeist nur nach Skandalen, wie den zwischen 2010 und 2012 in Krankenhäusern gestorbenen Kindern und Frühchen. Sind die Meldungen aus den Schlagzeilen heraus, spricht auch niemand mehr über die unhaltbaren Zustände – bis zu den nächsten Kliniktoten.

Die Gäste der Sendung

Prof. Peter Rudolph
Dr. Peter Rudolph Quelle: ZDF/Michael Kramers

Peter Rudolph studiert von 1981 bis1985 BWL in Magdeburg und Dresden. Anschließend arbeitet er im Fachbereich Betriebswirtschaft an den Universitäten in Leipzig und Magdeburg, 1989 folgt die Promotion zum Doktor der Wirtschaftswissenschaft. 1990 wechselt er in die Privatwirtschaft und übernimmt 2006 die wissenschaftliche Leitung des Weiterbildungsprogramms Praxismanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal, an der er von 2007 bis 2011 auch eine Vertretungsprofessur übernimmt. 2012 wird er zum Professor für „Health Care Management“ an der privaten Hochschule für Oekonomie und Management in Berlin ernannt, im gleichen Jahr zum Professor für Gesundheitsmanagement in Magdeburg.

Dr. Michael Imhof
Dr. Michael Imhof Quelle: ZDF/Michael Kramers

Michael Imhof wird 1951 geboren. Nach dem Medizinstudium und Habilitation in Würzburg arbeitet er mehrere Jahre als Oberarzt und Privatdozent an der Uniklinik von Würzburg. Das Angebot, Chefarzt zu werden, lehnt er ab, da er mit diesem Gesundheitssystem nicht einverstanden ist. Konsequenterweise steigt er ganz aus dem Arztberuf aus und arbeitet seitdem als medizinischer Gutachter und Künstler. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist er auch Autor mehrerer Bücher, insbesondere zu medizinischen Themen. In seinem in diesem Jahr erschienenen Buch „Eidesbruch. Das kalte Herz der modernen Medizin“ setzt er sich mit dem herrschenden Gesundheitswesen auseinander. Seine Kritik gipfelt in den „Sieben Todsünden der modernen Medizin“: Kommerzialisierung, Geldgier, Habsucht, Korruption Betrug, Mitleidlosigkeit und Hochmut.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet