Kreuzberg ohne Weihnachten

Religion bald nur noch Privatsache?

Alle Jahre wieder freuen sich besonders Kinder auf den "Jahresendzeit-Rummel" und das "Sommerfest für alle". Sie kennen diese Veranstaltungen nicht? Zumindest die Bewohner von Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg werden sich wohl an solche Bezeichnungen gewöhnen müssen. Der Grund: Die Bezirksverwaltung hat Muslimen ihr höchstes religiöses Fest, das "Fastenbrechen", im öffentlichen Raum verboten und aus Gleichbehandlungsgründen den christlichen Weihnachtsmarkt gleich mit. Über Sinn und Unsinn solcher Erlasse diskutieren bei Peter Hahne der Arzt und Theologe Manfred Lütz und das Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses Christopher Lauer von den "Piraten" .

Basar mit Süßigkeiten
Muslime feiern das Ende das Ramadan mit dem "Zuckerfest" gerne im Freien. Quelle: imago

Der Sturm der Empörung im Berliner Blätterwald war gegen Ende des diesjährigen Sommerlochs mächtig. Zusätzlich befeuert wurde er durch die aufgewärmte Meldung aus dem Februar dieses Jahres, dass die Bezirksversammlung beschlossen habe, ihre Auszeichnung, die Bezirksmedaille, nicht mehr an Menschen zu verleihen, die sich in einer religiösen Gemeinschaft engagieren. Diese angeblich anti-religiösen Beschlüsse der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) unter der Führung von Grünen, Piraten und der Linken brachten deren Abgeordneten heftige Kritik ein.

Berliner Ente

Der zuständige Stadtrat Peter Beckers – ausgerechnet von der SPD, die mit der CDU gegen diese Verordnungen gestimmt hatte – beantwortete die Frage nach dem „Warum“ mit einer Gegenfrage: „Warum müssen religiöse Feste in der Öffentlichkeit gefeiert werden?“ Außerdem sei die Bezirksverwaltung bemüht, niemanden zu benachteiligen, wolle aber auch keine Förderung der Selbstdarstellung von Religiosität in der Öffentlichkeit, da andere Menschen sich dadurch belästigt fühlen könnten. Feiern auf Privatgelände seien dagegen kein Problem, oder man müsse einen zentralen Platz, fern von möglicherweise belästigten Mitmenschen finden, wo solche religiösen Veranstaltungen abgehalten werden können.

Bezüglich der Bezirksmedaille betonte die Vorsteherin der BVV Kristine Jaath, Bündnis 90/Die Grünen, dass die Darstellung in den Medien falsch sei. Die Auszeichnung solle nur nicht mehr wegen der Arbeit für eine Religionsgemeinschaft vergeben werde. Mitbürger, die kirchlich gebunden sind, könnten wegen anderen sozialen Engagements durchaus mir der Medaille geehrt werden.

Da waren’s nur noch drei

Religion ist demnach Privatsache – eine attraktive Vorstellung für Viele, denen in einer säkularen Gesellschaft die Trennung von Kirche und Staat noch nicht konsequent genug vorangetrieben ist. Doch wer diesen Gedanken weiter verfolgt, wird schnell mit Protest, beispielsweise der Gewerkschaften, rechnen müssen. Denn die Abschaffung des kirchlichen Einflusses auf die Gesellschaft bedeutete auch die Abschaffung der christlichen Feiertage. Und das wird arg: Uns blieben mit dem 1. Januar, dem 1. Mai und dem 3. Oktober nur drei mickrige Feiertage, die auch noch hin und wieder auf das Wochenende fallen.

Doch so weit werden wohl nicht einmal die Mitglieder der Friedrichshainer-Kreuzberger BVV gehen wollen. Zwar bliebe ihnen der legendäre Kreuzberger 1. Mai – Alptraum eines jeden Polizisten und Ordnungspolitikers. Doch ihr direkt gewählter Bundestagsabgeordneter Hans-Christian Ströbele, Bündnis 90/Die Grünen, wäre einer seiner mehrfach geäußerten Ideen beraubt: der Einführung eines islamischen Feiertags – und zwar beraubt nicht von den schäumenden politischen Gegnern, sondern von den eigenen Parteifreunden.

Die Gäste der Sendung

Manfred Lütz
Manfred Lütz Quelle: imago

Manfred Lütz wurde 1954 in Bonn geboren. Er studierte Medizin, Philosophie und katholische Theologie in Bonn und Rom.1979 erhielt er seine Approbation als Arzt, 1982 folgte das Diplom in katholischer Theologie. Seit 1997 arbeitet der Facharzt für Nervenheilkunde, Psychiatrie als Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln-Porz. Lütz gehört dem Päpstlichen Rat für die Laien an, ist Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben und Berater der Vatikanischen Kleruskongregation.

Der breiten Öffentlichkeit wurde Manfred Lütz bekannt durch seine Autorentätigkeit. In seinen Büchern setzt er sich häufig humorvoll mit gesellschaftlichen und kirchlichen Themen auseinander. Für sein Buch „Gott. Eine kleine Geschichte des Größten“ erhielt er 2008 den Corine-Literaturpreis. Lütz ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

Christopher Lauer
Christopher Lauer Quelle: imago

Christopher Lauer wurde 1984 in Simmern/Hunsrück geboren. Während seiner Schulzeit bekam er die Möglichkeit, im Rahmen der Hochbegabtenförderung der Uni Bonn ein Physikstudium zu starten. Nach dem Zivildienst schloss er ein reguläres Studium an, das er jedoch abbrach. Anschließend zog er nach Berlin und begann ein Studium der Kultur und Technik, unterbrochen von einem einjährigen Studienaufenthalt in China.

2009 wurde Lauer Mitglied der Piratenpartei und engagierte sich zunächst stark im „Liquid Democracy-Projekt“ seiner Partei. Im Mai 2010 wurde er zum Beisitzer und damit zum politischen Geschäftsführer der Bundespartei gewählt. Im September 2011 wurde er über die Landesliste Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und hier innen- und kulturpolitischer Sprecher sowie Fraktionsvorsitzender seiner Partei. Seit August 2013 ist er Sprecher für „Bürgerschaftliches Engagement“ der Fraktion der „Piraten“.

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