Krimineller Katastrophen-Kapitän

Berufsethos - was ist das?

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie fassungslos sind über die Verantwortungslosigkeit des italienischen Katastrophen-Kapitäns? Noch sind viele Fragen offen, wie es zu dem furchtbaren Unglück vor der toskanischen Küste kommen konnte, von dem mehr als 4000 Kreuzfahrer der "Costa Concordia" betroffen sind. Doch eines steht fest: Der Kapitän gehörte zu den ersten, die das sinkende Schiff verlassen haben.

Die Costa Concordia
Die Costa Concordia Quelle: dpa
Polizist mit Francesco Schettino
Polizei nimmt Concordia-Kapitän Francesco Schettino fest Quelle: dpa


Unvorstellbar die große Zahl der Reisenden! Ein ganzes Dorf passte auf das Riesenschiff. Unvorstellbar die Dramatik der Katastrophe! Wer denkt da nicht an die "Titanic"? Noch unvorstellbarer ist jedoch das Handeln des Kapitäns. Selbst das Hafenamt war völlig fassungslos, wie die aufgezeichneten Telefonate beweisen. Es ist ja schon ein geflügeltes Wort, wenn man davon spricht: Der Kapitän verlässt als Letzter das sinkende Schiff. Diese Tugend gehört nicht nur zum Ehrenkodex der "Christlichen Seefahrt", es ist auch ein Rechtsgrundsatz. Der Kapitän als Chef seines Schiffes ist nicht nur verantwortlich für alles, was die Besatzung an Bord tut, er hat auch die Pflicht, Rettungsmaßnahmen zu koordinieren, wenn ein Unglück geschieht.

Kapitäne sind nicht nur Dekorationen für Dinner, wie wir es von den "Traumschiffen" kennen. Sie geben das Kommando, sie führen das Schiff, sie haben Verantwortung für die Sicherheit der Passagiere. Deshalb kann man jetzt schon sagen: Dieser Kapitän hat alles falsch gemacht, und je mehr Informationen die Staatsanwaltschaft preisgibt, desto schrecklicher erscheint dessen Handeln.

Tugenden als Auslaufmodell

Unfassbar, wie der Hauptverantwortliche sich an Land in Sicherheit bringt, während sein Schiff mit mehr als 4000 Passagieren und Besatzungsmitgliedern untergeht. Dabei hat es jeder Kapitän quasi im Blut, ob es sich nun um einen kleinen Kahn oder einen Ozeanriesen handelt: Er bleibt bis zuletzt auf der Brücke, die ja nicht umsonst "Kommandobrücke" genannt wird. Es geht ja auch nicht, dass ein Leibwächter sich als erster aus dem Staub macht, wenn derjenige in Todesgefahr ist, den er zu beschützen hat.

Klassische Tugenden geraten immer mehr ins Abseits, wirken wie Auslaufmodelle. Traditionelle Lebensregeln werden mit Füßen getreten, Berufsethos spielt kaum mehr eine Rolle. Was man tut und was nicht - wer weiß das heute schon noch. Denken wir nur an das Ideal des "ehrbaren Kaufmanns", das im heutigen Wirtschaftsleben wie ein Fremdwort aus uralten Zeiten klingt. Thomas Mann beschreibt es in seinen "Buddenbrooks" so, als er den alten Kaufmann seinem Nachfolger diesen Rat geben lässt: "Mein Sohn, sei mit Lust bei deinen Geschäften am Tag. Aber mache nur solche, bei denen du nachts ruhig schlafen kannst." Das waren noch Zeiten, als Handschlag, Ehrenwort und gute Sitten etwas galten! Und der Kapitän an Bord blieb, bis der Letzte gerettet war.

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