Leben statt Gold

Biathletin Neuners Rücktritt als Vorbild

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie es nicht recht fassen können, wenn eine begnadete, gefeierte und medaillengekrönte Sportlerin bereits mit 24 Jahren in den Ruhestand gehen will?

Magdalena Neuner
Magdalena Neuner Quelle: dpa

Als Biathlon-Fan hat es mich einigermassen hart und unvorbereitet getroffen, als Magdalena Neuner ihren Rücktritt zum Saisonende erklärte. Sie wolle mit 25 Jahren nochmal ein neues Leben beginnen. So etwas hat die Sportwelt noch nie gehört, auch der Biathlonsport noch nicht. Da gibt's manche, die man von der Piste tragen muss, weil sie von selbst nicht merken, dass sie schon längst keine Leistung mehr bringen.

Aber Neuner? Die hat doch noch alles vor sich! Sie ist Publikums-Liebling und Gold-Lieferant, eine Garantie fürs Siegertreppchen und für riesige TV-Quoten. Oft habe ich die freundliche Athletin live erlebt. Ihr fliegen die Herzen des Publikums zu, wenn sie auf der Strecke ist oder zum Schießen ins Stadion einläuft, egal, ob im heimatlichen Ruhpolding oder im Ausland. Sie wirkt unbeschwert, fröhlich und leistungsstark. Und jetzt wirft die sympatische Sportlerin das Handtuch, will dem Skizirkus entrinnen. Mit 25 aufs Altenteil? Das darf doch wohl nicht wahr sein!

Kein Burnout wie Sven Hannawald

Und doch gibt's niemanden, der dieser jungen Frau keinen Respekt zollt. Keiner wirft ihr vor, die deutsche Mannschaft im Stich zu lassen, der Nation zu schaden, dem olympischen Gedanken zu widersprechen oder um des eigenen Vorteils willen die Flucht zu ergreifen. Denn eins ist klar: Ohne Magdalena Neuner wird die deutsche Medaillenbilanz düster aussehen. Nein, niemand deutet soetwas im Geringsten auch nur an, alle sind bewegt, wie konsequent und scheinbar leicht eine junge Erfolgsathletin Abschied nimmt. Kein Jubel, kein Millionenpublikum, keine Sponsorenverträge mehr. Auf das alles wird sie verzichten müssen.

Aber sie gewinnt viel mehr. Die neue Lebensqualität kann keine Goldmedaille je aufwiegen. Seitdem ich Sven Hannawald, den König der Schanze, in meiner Sendung erlebte, weiß ich Neuners Entscheidung noch mehr zu schätzen. Der erfolgreichste Skispringer aller Zeiten hat sich körperlich und seelisch kaputt gemacht, weil viel zu viel von dem jungen Mann erwartet wurde, er diesen Erwartungen entsprechen wollte und schließlich mit Burnout am Boden lag. Das mag die "Gold-Lena" vor Augen gehabt haben, als sie sich sagte: Bevor mir das passiert (und sie sei kurz davor, wie sie auf einer Pressekonferenz sagte), steige ich lieber aus. Wegen ihrer Familie, ihres Freundes, ihrer Gesundheit und all dem Schönen im Leben, was keine Medaille und kein Ruhm dieser Welt aufwiegen kann.

Hut ab, Magdalena! Andere Möchtegern-Stars können sich von Ihnen eine Scheibe abschneiden. Sie sind ein wirklicher Star. Wer loslassen kann, hat mehr vom Leben.

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