Lehrstunde Demokratie

Wenn die Privatmeinung Pause hat

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie immer noch bewegt sind von den Bildern, die uns am Sonntag aus New York erreichten? Natürlich sind es immer noch die erschütternden Szenen von vor zehn Jahren, die eingegraben sind in unser Gedächtnis.

Ehepaare Bush und Obama am Ground Zero mit gesenkten Köpfen
Ehepaare Bush und Obama am Ground Zero mit gesenkten Köpfen Quelle: ap

Was für Bilder! Da stehen zwei Erzrivalen, zwei politische Kontrahenten Seite an Seite und trauern um die 3.000 Opfer der Anschläge. Barak Obama, der liberale Demokrat und George Bush, der konservative Republikaner.

Amerika lehrt uns Demokratie

Zusammen mit ihren Frauen symbolisieren sie, was typisch ist für die USA: In der Not steht die Nation zusammen. Das ist Amerika - und wir Deutsche können uns davon eine Scheibe abschneiden. Doch hierzulande kommentierte diese Szene ein Radio-Reporter, und über soviel Ignoranz habe ich mich richtig aufgeregt: "Da steht jetzt der Präsident, dem wir den (Afghanistan-) Krieg zu verdanken haben neben dem, der den Frieden will." Was für eine Arroganz! Als hätte ein Obama vor zehn Jahren anders gehandelt! Als dürften die beiden nicht auf ein gemeinsames Foto!

Keine Heuchelei

Der Kollege hat nicht begriffen, was die Symbolik des gemeinsamen Auftrittes war. Wir denken in Deutschland viel zu einseitig und einlinig nach dem Motto: Einmal Gegner, immer Gegner. Wir können es uns nicht vorstellen, dass zum Beispiel Angela Merkel und Gerhard Schröder oder Helmut Schmidt und Helmut Kohl, ja selbst Gregor Gysi und Horst Seehofer in einer bestimmten Situation zusammenstehen, statt in jeder Faser ihres politischen Lebens zu holzen und zu treten. New York lieferte uns eine Lehrstunde für Demokratie!


Die eigentliche Botschaft dieses Bildes der vereinten Präsidenten von New York ist doch diese: Man kann noch so weit auseinander liegen mit seinen Ansichten und Absichten, mit seiner Politik und seiner Persönlichkeit, hier und jetzt gilt kein Parteibuch und keine Weltanschauung, hier sind wir Amerikaner und sonst nichts. Diese Eintracht strahlte beispielhaft in den bewegenden, weltweit übertragenen Trauer-Stunden auf das ganze Land aus. Überall lagen sich wildfremde Menschen in den Armen und weinten über das Unfassbare, was sich da vor zehn Jahren ereignet hatte.

Dass am nächsten Tag der harte Streit um Steuern und Schulden in den USA weiterging, ist kein Zeichen von Heuchelei. Im Gegenteil: Es ist Ehrlichkeit. Da hat man eben nicht künstlich auf Einigkeit gemacht, sondern der Situation angemessen. Die Gegensätze bleiben, es wird nichts vertuscht und verniedlicht. Umso überzeugender, dass man für diesen einen Tag des Gedenkens innehält und das Gemeinsame vor das Trennende stellt.

Die Privatmeinung hat Pause

Papst Benedikt XVI.
Papst Benedikt XVI.

Ich bin gespannt, wie Deutschland in zwei Wochen eine ähnliche Situation meistert. Dann spricht Papst Benedikt XVI. im Berliner Reichstag. Abgeordnete wollen dabei dem Staatsoberhaupt des Vatikans den Rücken zudrehen. Welch ein Armutszeugnis!



Demokratie heißt, den Mann anzuhören, ganz gleich, ob man selber Katholik oder Protestant, Atheist oder Muslim ist. Streiten kann man nachher oder draußen oder in Talkshows. Doch wenn ein Staatsgast unseren Volksvertretern die Ehre gibt, dann haben die das Volk zu vertreten und nicht ihre Privatmeinung.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet