Lokführer als Opfer

Traumatische Folgen von Selbstmorden

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie sich verwundert die Augen reiben, wenn ein Lokführer die Eltern eines Jungen auf Schmerzensgeld verklagen will, der sich vor seinen Zug geworfen hat? Was hat sich der Mann dabei gedacht, den armen Eltern, die um ihren Sohn trauern, so etwas zuzumuten?

Lokführer
Lokführer Quelle: imago

Das war mein erster Gedanke. Doch dann habe ich mal recherchiert und mich mit betroffenen Lokführern unterhalten und kann nur sagen: richtig, dass ein Bahnbeamter mal ein Exempel statuiert und dadurch deutlich macht, wer das eigentliche Opfer eines solchen Selbstmordes ist - : nämlich nicht nur die trauernden Angehörigen, sondern auch der Lokführer, der das erlebt und erlitten hat.


Es war der Selbstmord von Gunther Sachs, der von manchen Kommentatoren viel zu schnell geradezu heroisiert wurde. Da war vom freien Willen die Rede, von einer mutigen und starken Tat, ja von einem Helden, der selber über sein Leben entscheidet. Bis endlich Psychologen auf den Plan traten, die warnten und mahnten: Natürlich kann ein erwachsener Mensch machen, was er will. Aber wer denkt an die Angehörigen, die ohne Vorwarnung diesen Schock ertragen müssen, und wer denkt an die Person, die den Toten findet?

Nachahmer Robert Enkes

Ich möchte gar nicht wissen, welchen Anblick jemand bietet, der sich in den Kopf, in den Mund geschossen hat. Dieses Trauma wird nie zu heilen sein, wenn man zum Beispiel einen Menschen findet, der sich erhängt oder die Pulsadern aufgeschnitten hat. Wer aus dem Leben scheiden will, sollte sich das vor Augen halten. Es ist eben keine heldenhafte Tat, sondern ein brutales Vergehen an den Menschen, die einen finden werden.

Robert Enke
Robert Enke Quelle: ap


Rund 1000 Menschen werfen sich pro Jahr vor einen Zug. Der Tod von Nationaltorwart Robert Enke war das prominenteste Beispiel der letzten Jahre - und er fand übrigens viele Nachahmer, denn diese "Unfälle mit Personenschaden" nahmen bei der Bahn nach dieser Tat dramatisch zu. Die damalige Landesbischöfin von Hannover, Margot Kässmann, hat bei ihrer Traueransprache damals völlig zu recht angemerkt: Es gelte nun auch, an den Lokführer zu denken, "dessen Leben stark geschädigt wurde".

Albträume und Migräne

Ja, so ist es: Jeder dritte Lokführer ist inzwischen "Opfer" eines Selbstmörders, manche haben solch einen tragischen Unfall sogar mehrere Male erlebt. Das führt bei vielen nicht nur zu Albträumen, sondern zu so ernsthaften psychischen Störungen, dass sie berufsunfähig werden und nie wieder arbeiten können. Bei vielen geht sogar die Ehe kaputt oder die Kinder erkennen ihren eigenen Vater nicht mehr. "Man sieht das Gesicht, starrt in die Augen, hört das Knacken des Körpers, wenn er vor die Lok prallt" - so beschreibt ein Lokführer die Situation und versteht nicht, dass sich niemand um seinen Berufsstand kümmert.

Deshalb finde ich es richtig, dass der 52-jährige Lokführer Winfried H. jetzt Schmerzensgeld haben will. Damit macht er auf eine Tatsache aufmerksam, die jedes Jahr 1000 seiner Kollegen betrifft. Er habe Albträume, schreie im Schlaf und leide unter starken Kopfschmerzen, begründet er seine Klage. Und in einem Brief an die Eltern des Selbstmörders schreibt er: "Wir Lokführer werden ständig missbraucht. Wir sind die Opfer!" Das Leiden der Lokführer gefährdet Tausende von Zugreisenden, auch das gilt es zu bedenken.

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