Mehr Hartz IV, weniger Rente

Werden Rentner ungerecht behandelt?

2014 ist das Jahr der Erhöhungen: Sowohl die Rente als auch der Hartz IV Regelsatz werden angehoben. Doch besonders Ruhegeldempfänger fühlen sich ungerecht behandelt, ist bei ihnen doch die Steigerung kaum zu spüren, während die Steigerung des Arbeitslosengelds II deutlich über der Inflationsrate liegt. Ob diese Entwicklung wirklich gerecht ist, darüber diskutieren bei „Peter Hahne“ Undine Zimmer, die in einer sozial benachteiligten Familie aufgewachsen ist, und die ehemalige Vorsitzende des Verbandes „Die Jungen Unternehmer“ Marie-Christine Ostermann.

Es fehlt eigentlich nur der warnend erhobene Zeigefinger der Politiker und die Bemerkung „… aber bitte nicht verprassen!“, wenn sie stolz auf die Erfüllung ihres Wahlversprechens hinweisen, die Rente und den Hartz IV-Regelsatz zu erhöhen. So steigt tatsächlich das Altersruhegeld um sagenhafte 1,67 Prozent im Westen und 2,53 Prozent im Osten. Das Arbeitslosengeld II erhöht sich gar um 2,27 Prozent. Diese Differenz treibt einigen Rentnern die Zornesröte ins Gesicht. Haben sie doch Jahr für Jahr schwer gearbeitet und eingezahlt, während die „Hartzer“ sich in der sozialen Hängematte ausruhen.

Arm bleibt arm

Rentner sitzen auf der Zuschauertribüne des Bundestags.
Viele Rentner fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Quelle: imago

Auch bei genauerem Hinsehen fällt die Bilanz der Rentner nur dürftig aus. Rechnet man die Inflationsrate heraus und berücksichtigt die ab 2015 steigenden Kosten für die Pflegeversicherung, bleibt nicht einmal ein Prozent von der Erhöhung übrig. Auch die neue Mütterrente und das Lieblingsprojekt von Arbeitsministerin Andrea Nahles „Rente mit 63“ werden die künftigen Rentenerhöhungen schmaler ausfallen lassen. Doch ist das noch lange kein Grund, neidisch auf Hartz IV-Empfänger zu schielen. Deren Regelsatz wird 2014 in absoluten Zahlen um neun Euro auf 391 Euro pro Monat erhöht. Darin enthalten sind die Kosten für Essen und Trinken in Höhe von etwa 135 Euro - also nicht einmal 4,40 Euro pro Tag. Wohl dem, der sich davon gesund und ausreichend ernähren kann.

Hartz IV-Empfänger erhält Nahrungsmittel von einer Tafel.
Oft werden Hartz IV-Empfänger nur durch die Hilfe der "Tafeln" satt. Quelle: imago

Es gilt also, dass Rentner und „Hartzer“ sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Ihre jeweilige Situation ist ein gesellschaftliches Problem und kein individuelles. Die geringe Rentenerhöhung ist unmittelbares Ergebnis der sehr restriktiven Tarifpolitik der vergangenen Jahre: Wenn Löhne und Gehälter nur gering steigen, wird auch die Rentenkasse nicht ordentlich gefüllt. Und warum zahlen eigentlich Beamte und Selbständige keine Rentenbeiträge? Die Lage von Hartz IV-Empfängern ist sogar doppelt prekär: Nicht nur, dass sie heute von einer Mini-Unterstützung leben müssen, sie werden aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit und nur geringen Rentenbeiträgen auch im Alter auf zusätzliche staatliche Leistungen angewiesen sein. Denn von der Rente, die sie erwarten dürfen, werden sie mit Sicherheit nicht leben können.

Die Gäste der Sendung

Undine Zimmer
Undine Zimmer Quelle: Andreas Labes

Undine Zimmer wird 1979 in Berlin geboren. Obwohl ihre Mutter sie alleine erzieht und beide von Sozialhilfe leben müssen, schafft sie das Abitur und studiert Skandinavistik, Neuere Deutsche Literatur und Publizistik. Für einen Essay, den sie als Praktikantin geschrieben hat, wird sie für den Henri-Nannen-Journalistenpreis vorgeschlagen – sie ist begabt, findet jedoch keine feste Anstellung. Seit kurzem ist sie befristet bei der Jobagentur in Reutlingen beschäftigt. Ihre Erfahrungen als sozial Benachteiligte hat sie 2013 in ihrem Buch "Nicht von schlechten Eltern – Meine Hartz-IV-Familie" beschrieben. Darin erzählt sie von ihrer Kindheit und Jugend und besonders von ihrer Mutter, die in bewundernswerter Weise es immer wieder schafft, etwas Essbares auf den Tisch zu bringen – auch wenn eigentlich nie Geld vorhanden ist. Doch für sie ist fehlendes Geld nicht allein das Problem. Es mangelt auch an Selbstbewusstsein, denn sie und ihre Mutter bekommen das Gefühl vermittelt, dass Sozialhilfeempfänger demütig zu sein haben.

Undine Zimmer glaubt den Sonntagsreden, in denen immer wieder betont wird, dass eine gute Bildung allen eine Berufschance biete. Sie stürzt sich mit Unterstützung ihrer Musik und Literatur liebenden Mutter ins Studium, erlernt mehrere Fremdsprachen – und findet doch keinen Job. Sie muss die leidvolle Erfahrung machen, dass zu einem bestimmten Punkt in der Karriereplanung die Herkunft doch eine größere Rolle spielt als das Wissen.

Marie-Christine Ostermann
Marie-Christine Ostermann Quelle: imago

Marie-Christine Ostermann wird 1978 in Hamm geboren. Nach Abitur und Ausbildung zur Bankkauffrau studiert sie BWL in St. Gallen/Schweiz. Das Studium beendet sie als Diplom-Kauffrau. Anschließend arbeitet sie als Bereichsleiterin für Aldi Süd und kehrt 2006 in das elterliche Unternehmen zurück. Seitdem leitet sie als geschäftsführende Gesellschafterin gemeinsam mit ihrem Vater die Firma Rullko. Das Unternehmen mit etwa 150 Mitarbeitern beliefert vor allem Großküchen in Kliniken und Pflegeheimen. Von 2009 bis 2012 ist sie Bundesvorsitzende des Verbandes „Die Jungen Unternehmer“ (BJU). Seit 2010 ist sie Mitglied des Mittelstandsbeirats im Bundeswirtschaftsministerium, seit 2013 Mitglied der FDP und seit diesem Jahr deren Landesschatzmeisterin in Nordrhein-Westfalen.

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