Meinungsfreiheit contra Religion

Knicken wir vor dem Islam-Terror ein?

Wieder gewalttätige Demonstrationen, wieder brennende Botschaften, wieder Tote und Verletzte: Der Aufruhr in mehreren islamischen Ländern in diesem September ähnelt dem des Jahres 2006. Waren es damals Karikaturen in einer dänischen Zeitung, empören sich diesmal Muslime über ein Schmähvideo aus den USA und Mohammed-Zeichnungen in einem französischen Satire-Blatt. Bei Peter Hahne diskutieren die zum Islam konvertierte ehemalige MTV-Moderatorin Kristiane Backer und der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann, was Satire darf und welche Gefahr in Deutschland durch den durch sie provozierten islamistischen Terror droht.

Demonstranten bestürmen die US-Botschaft in Sanaa (Jemen).
Demonstranten bestürmen die US-Botschaft in Sanaa (Jemen).

1919 hat Tucholsky auf die – selbst gestellte – Frage, was Satire darf, klar und deutlich geantwortet: "Alles!". Aber darf sie auch verunglimpfen, beleidigen, religiöse Gefühle zutiefst verletzen? Auf der anderen Seite: Darf jemand, der sich beleidigt fühlt, einen Sprengstoffgürtel umschnallen und sich und zwölf unbeteiligte Menschen in die Luft sprengen?

Eine weitere Parallele zum Jahr 2006 zeigt sich in der Frage, wer das eigentlich ist, der ausländische Botschaften stürmt und in Brand steckt. Im einen wie dem anderen Fall ist auffällig, dass fundamentalistische Prediger zu Hass und Gewalt aufgerufen haben; der marodierende Mob ist keinesfalls mit "dem" Muslimen an sich gleichzusetzen. Und natürlich spielen neben der Religion auch gesellschaftspolitische Probleme eine wichtige Rolle. Es ist natürlich einfacher, zum Verbrennen einer amerikanischen Flagge aufzurufen als die soziale Lage der Demonstranten zu verbessern.

Wer im Glashaus sitzt…

Wenn Tucholskys Feststellung weiter Geltung haben sollte, stellt sich jedoch immer noch die Frage, ob es sich bei dem amerikanischen Video überhaupt um Satire handelt. Geht man davon aus, dass Satire sich gegen herrschende Missstände richtet, diese humorvoll kritisieren und damit verbessern aber niemals auf die Schwächeren einprügeln will, könnten hinsichtlich dieser Frage Zweifel aufkommen. In fast allen Fällen wird das Skandalvideo als vom Islam-Hass durchsetztes Machwerk beschrieben, dessen alleiniger Sinn es sei, Muslime weltweit zu provozieren. Ein Vorhaben, das als geglückt angesehen werden kann - es allerdings verbietet, dem Streifen den (Ehren-)Titel "Satire" zu verleihen. Aus diesem Grund warnen liberale Muslime auch vor gewalttätigen Aktionen und davor, das Video zu verbieten. Beides würde eher die bereits grassierende Islam-Angst nur bestärken.

Doch auch ein anderer Aspekt ist nicht zu unterschlagen. Die in solchen Zeiten oft zitierten Vertreter des "christlichen Abendlandes" sollten nicht zu sehr die Nase rümpfen über den "satire-resistenten" Islam. Es ist nur wenige Wochen her, dass die katholische Kirche per "Einstweiliger Verfügung" dem Satire-Magazin "Titanic" verbieten ließ, eine Papst-Karikatur auf dem Titelblatt zu veröffentlichen. Eine bessere Werbung hätte sich das Blatt nicht wünschen können – ein Punkt, der wohl auch den Kirchen-Juristen aufgefallen sein muss, denn kurz vor dem nächsten anstehenden Gerichtstermin zogen sie ihre "Einstweilige Verfügung" wieder zurück.

Die Gäste der Sendung

Kristiane Backer
Kristiane Backer

Kristiane Backer wurde 1965 in Hamburg geboren. Nach dem Volontariat bei einem Hamburger Privatsender 1987 bis 1989 moderierte sie bis 1995 als erste Deutsche beim Musik-Sender MTV-Europe und daneben von 1993 bis 1995 die Sendung "Bravo TV" auf RTL II. Als sie den Pakistanischen Cricket-Star Imran Khan kennen und lieben lernte und damit zum ersten Mal in Kontakt zum Islam kam, beschloss sie, zu dieser Religion zu konvertieren. Nachdem die Freundschaft zu Khan in die Brüche gegangen war, heiratete sie einen marokkanischen Journalisten. Auch diese Beziehung hielt nicht lange – im Unterschied zu ihrer Liebe zum Islam. Diese hat sie auch in einem Buch beschrieben. "Von MTV nach Mekka".

Sie schätzt im Unterschied zum Christentum die höhere Spiritualität des Islam und, dass sie fünfmal am Tag in direkten Kontakt zu ihrem Gott treten kann. Nur in diesen Gebeten trägt sie übrigens ein Kopftuch und sie würde niemals von muslimischen Mädchen verlangen, ihre Haare oder gar ihren gesamten Körper zu bedecken. Dass mit ihrem Konvertieren auch ihre TV-Karriere zu Ende ging, hält sie nicht für einen Zufall. Heute arbeitet sie wieder für einen Reise- und einen internationalen Fernsehsender. Darüber hinaus moderiert sie auf internationaler Ebene Präsentationen und Galaveranstaltungen.

Uwe Schünemann
Uwe Schünemann

Uwe Schünemann wurde 1964 in Stadtoldendorf geboren. Nach Schule und Abitur trat er eine Lehre zum Industriekaufmann an und arbeitete daran anschließend in einer Firma in Holzminden. Bereits als 15-Jähriger trat er der Jungen Union bei und 1984 wurde er Mitglied der CDU.

Seine politische Karriere startete er auf kommunaler Ebene, seit 1994 ist er Mitglied des niedersächsischen Landtags als Direkt- oder Listenkandidat. Ab 2000 fungierte er drei Jahre lang als parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, und seit 2003 ist er Niedersächsischer Innenminister. Innerhalb der CDU vertritt Schünemann innenpolitisch die eher härtere Linie. So schlug er vor, die freie Meinungsäußerung von salafistischen Hasspredigern einzuschränken und den Gewaltbereiten unter ihnen eine elektronische Fußfessel anzulegen.

Von Harald Grimm

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