Menschenhandel im Kalten Krieg

Vor 50 Jahren erster Freikauf von DDR-Gefangenen

Bis 1989 herrschte ein regelrechter "Menschenhandel" zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Genau vor 50 Jahren hatte sich die Regierung der Bundesrepublik entschlossen, Menschen, die unter besonders dramatischen Verhältnissen inhaftiert waren oder sogar gefoltert wurden, von der DDR freizukaufen. Etwa 34.000 Menschen gelangten so mit Hilfe des bundesdeutschen Staates wieder in Freiheit. Die Gäste bei Peter Hahne, Uta Franke und Ludwig Rehlinger, sind Zeugen dieses "Menschenhandels" und sprechen mit Peter Hahne über diese dramatischen Zeiten.

Uta Franke
Uta Franke Quelle: privat

Die Gäste der Sendung:

Uta Franke wurde 1955 in Leipzig geboren und machte nach ihrem Abitur eine Ausbildung als Schriftsetzerin. Vor ihrer Verhaftung arbeitete sie für das Bibliographische Institut Leipzig und bekam 1974 eine Tochter. Ab etwa 1976 traf sie sich mit gleichaltrigen jungen Leuten und diskutierte mit ihnen politische und philosophische Fragen. Als Heinrich Saar zu ihnen stieß, kam es in der Folgezeit zu Protestaktionen, in denen sie offen die Praktiken des Regimes kritisierten. 1979 wurde sie auf offener Straße verhaftet, stundenlang verhört und später wegen "Staatsfeindlicher Hetze" zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt.

1981 kaufte sie die Bundesrepublik Deutschland von der DDR frei. Auch ihr Mann konnte die DDR verlassen. Nur auf Druck von Hans-Jürgen Wischnewski durfte auch die Tochter ein halbes Jahr später zu ihren Eltern nach Köln übersiedeln.

Uta Franke schrieb das Buch "Sand im Getriebe", über die Geschichte der Leipziger Oppositionsgruppe um Heinrich Saar von 1977 bis 1983. Bei einer Veranstaltung wurde sie gefragt: „Würden Sie wieder gegen das Regime in der DDR kämpfen, wenn Sie wüssten, welche Konsequenzen es für Sie hätte?“ Ihre Antwort: „Ja, denn so kann ich heute in den Spiegel schauen und kann mir sagen: Ich habe es wenigstens versucht.“


Ludwig Rehlinger
Ludwig Rehlinger Quelle: imago/Sabine Gudath

Ludwig Rehlinger, Jurist und CDU-Politiker, ist heute 86 Jahre alt. Er trat 1957 in das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen ein – seine prominenteste Aufgabe war dort seit 1962, die Verhandlungen über den Freikauf von politischen Häftlingen aus den DDR-Gefängnissen zu führen. Rehlinger begleitete den Freikauf, der am Ende 33.700 Menschen die Freiheit bringen wird, fast bis zum Ende. Aber auch die Familienzusammenführungen von 250.000 Menschen oder die Übersiedlungsgenehmigungen von 2000 Kindern gehen zum großen Teil auf Rehlingers Konto.

Der erste Freikaufs-Coup war um Weihnachten 1962: Zwanzig Häftlinge kamen zum Preis von drei Eisenbahnwaggons voll Kalidüngemittel frei. Rehlingers Gegenspieler und Verhandlungspartner war Wolfgang Vogel, der die Geschäfte seitens der DDR betrieb. Nach diesem Deal erkannte man auf Ostseite das ökonomische Potenzial: Bis zum Ende der DDR spülte der Menschenhandel am Ende rund 3,5 Milliarden D-Mark in die stets klammen Kassen Ostberlins. Unmoralisch fand Rehlinger diesen Handel nie: "Wer verstieß denn gegen die Moral - der, der Menschen gegen Geld freiließ, oder der, der bezahlte, um politisch Verfolgten zu helfen?", sagte Rehlinger in Interviews.


Am Anfang, 1963, stand Rehlinger mit einem Koffer voller Bargeld an einem Berliner S-Bahnhof. DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel hingegen brachte die ehemaligen Häftlinge mit der S-Bahn über die Grenze nach Westberlin. Später bezahlte die Bundesrepublik nicht mehr in bar, sondern in Warenlieferungen. Man hoffte, dass diese Waren auch den normalen DDR-Bürgern zugute kämen. Diese Hoffnung wurde aber enttäuscht: Die SED-Führung hat die Schiffsladungen gegen Devisen weiterverkauft. Ludwig Rehlinger beschreibt diese Zeit in seinem Buch “Freikauf. Die Geschäfte der DDR mit politischen Verfolgten 1963-1989“.

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