Milde für Mörder

Und wer denkt an die Opfer?

Mit dem Vorschlag, zu lebenslänglicher Haft Verurteilten schon nach fünf Jahren bis zu 21 Tage "Knast-Urlaub" zu ermöglichen, entflammte letzte Woche in den Medien eine heftige Diskussion. Die Befürworter plädieren für bessere Resozialisierung, während die Gegner vor allem den Opferschutz ins Licht rücken. Bei Peter Hahne diskutieren darüber Gefängnisarzt und "Tatort"-Pathologe Joe Bausch und die Schauspielerin Ingrid van Bergen.

Vergittertes Gefängnisfenster
Vergittertes Gefängnisfenster Quelle: dpa

Bislang müssen so genannte Lebenslängliche mindestens zehn Jahre lang inhaftiert gewesen sein, bevor in Erwägung gezogen wird, sie für bis zu drei Wochen in die Gesellschaft zu entlassen. Dies soll sich nun ändern: Im Rahmen eines neuen Gesetzesentwurfs soll der Langzeitausgang nun schon nach fünf Jahren möglich sein. Seit der Föderalismusreform aus dem Jahre 2006 können die Länder ihre Strafvollzugsgesetze unabhängig vom Bund regeln. Das Reformpaket, das die Resozialisierung von Häftlingen erleichtern sowie Haftstandards und Betreuungsansätze modernisieren soll, stammt federführend von Berlin und Thüringen, wird aber insgesamt von zehn Ländern getragen.

Eine der Aufgaben des Strafvollzugs ist es, den Sträflingen die Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen. Zu Grunde liegt dabei die Annahme, dass sich die Verbrecher durch ihre Taten in gewisser Weise außerhalb der Gesellschaft befinden. Zur Resozialisierung gehört im Strafvollzug also unter anderem die Vorbereitung auf die zukünftige Freiheit, die - außer bei anschließender Sicherungsverwahrung - nach spätestens 25 Jahren eintritt. In der vollkommenen Isolation des Gefängnisses ist dies kaum möglich. Die zweite Aufgabe des Strafvollzugs ist jedoch der Schutz der Gesellschaft. Kann man den Angehörigen der Opfer zumuten, dem Menschen, der ihnen lebenslanges Leid zugefügt hat, schon nach fünf Jahren zufällig auf der Straße zu begegnen? Neben Rückfall- und Fluchtgefahr führen Gegner des Vorschlags vor allem solche emotionalen Argumente an.

Eine Gefahr für die Gesellschaft?

Befürworter des Entwurfs stützen sich in ihrer Argumentation vor allem auf die erste Aufgabe des Strafvollzugs, die Resozialisierung. Der Münchner Strafrechtsexperte Gregor Rose führte im Gespräch mit stern.de, die "leichtere und vor allem erfolgreichere Resozialisierung" als zentralen Vorteil der Änderung an. Auch der in diesem Zusammenhang häufig zitierte brandenburgische Justizminister Volkmar Schöneburg (Die Linke) betonte, dass Straftäter "nicht vollständig von der Außenwelt isoliert werden" dürften. Zudem werden die Rückfallquoten bei Mördern, die häufig als Argument für die Gefährdung der Bevölkerung angeführt werden, deutlich überschätzt. Studien des Bundesministeriums der Justiz zu Folge begehen "Personen, die wegen Mordes oder Totschlags bereits verurteilt waren (...) selten ein weiteres Tötungsdelikt".

Vor allem von Seiten der Opferschutzverbände und der Polizeigewerkschaften hagelt es Kritik an dem Vorschlag. Von einem "falschen Signal" der Politik spricht die Opferschutzorganisation "Weißer Ring". Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut meint, dass solche Ideen das Rechtsempfinden der Bürger "schwer erschüttern" würden. "Skandalös" findet auch Rainer Wendt, der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), den Vorschlag. Er spricht gar davon, dass damit "ein gefährliches Experiment auf dem Rücken der Bürger" ausgeübt würde. Bei einem anderen Argument gegen die Verfechter der Idee geht es ums Geld: Bernhard Witthaut erhebt den Vorwurf, dass es primär um die Einsparung von Kosten für Justizvollzugspersonal gehe. "Aus Kostengründen darf die Bevölkerung aber keiner erhöhten Gefahr ausgesetzt werden."

Joe Bausch (eigentlich Hermann-Joseph Bausch-Hölterhoff) wurde 1953 in Waldbrunn im Westerwald geboren. Da er an unterschiedlichen Fachrichtungen interessiert war, absolvierte er nach dem Abitur gleich mehrere Studiengänge in Köln, Marburg und Bochum. Zunächst studierte er vier Semester Theaterwissenschaft, Germanistik und Politik, sattelte dann 1974 auf Jura um, nur um dies ebenfalls nach einigen Semestern gegen Humanmedizin einzutauschen. Nach Abschluss seines Studiums absolvierte Joe Bausch die Weiterbildungen zum Facharzt für Allgemeinmedizin, Betriebsmedizin, Sucht- und Ernährungsmedizin und ist seit 1993 als Regierungsmedizinaldirektor zuständig für die Justizvollzugsanstalt Werl.

"Nebenbei" widmete er sich als Mitarbeiter, Protagonist und Stückeschreiber dem "Theater-Pathologischen-Institut" in Bochum, das mit skandalträchtigen Inszenierungen im westdeutschen Raum für Furore sorgte. 1982 war Joe Bausch zum ersten Mal im Fernsehen zu sehen, in der Sendung ZAK. 1984 folgte sein Kino-Debüt in "Zahn um Zahn" mit Götz George. Er berät nicht nur Drehbuchautoren in rechtsmedizinischen und pathologischen Fragen, sondern ist seit 1997 auch selbst regelmäßig in der Rolle des Dr. Joseph Roth im Kölner "Tatort" zu sehen. Von 2009 bis 2011 war Bausch festes Mitglied der "Ärzte" im ZDF. Mit seinen Kölner Tatort-Kollegen Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt gründete Bausch den Verein "Tatort - Straßen der Welt e.V.", der sich für philippinische Straßenkinder einsetzt. In seinem jüngst veröffentlichten Buch "Knast" beschreibt Bausch seine Erfahrungen aus 25 Jahren als Gefängnisarzt. Darin fordert Bausch unter anderem mehr und besser bezahltes Personal sowie ein breites Angebot an gezielten Therapieangeboten für die Häftlinge.

Ingrid van Bergen wurde 1931 in Danzig geboren. Nach der Flucht und Internierung in Dänemark bestand sie 1950 in Reutlingen die Abiturprüfung. Im Anschluss daran begann sie in Hamburg eine Ausbildung zur Schauspielerin und Sängerin - womit ein Kindheitstraum für sie in Erfüllung ging. Zunächst trat sie in Münchner und Berliner Kabaretts auf, bevor sie von Helmut Käutner für den Film entdeckt wurde. Es folgten zahlreiche nationale und internationale Kinoproduktionen. Daneben war van Bergen aber auch immer wieder an Theatern engagiert.

Aufsehen erregt sie 1977, als sie ihren Lebensgefährten im Affekt tötete und dafür zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, von denen sie fünf absitzen musste. Nach der Haftentlassung startete sie langsam wieder ihre Karriere in Film, Fernsehen und Theater. 1994 zog sie nach Mallorca, wo sie sich auf ihrer Finca stark für den Tierschutz engagierte. Zeitweise lebten mehr als 100 Tiere mit ihr auf dem Anwesen. Nach sieben Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück und trat auch wieder im Theater und Fernsehen auf. So war sie auch Teilnehmerin des Dschungelcamps "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!".

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