Neid und Gerechtigkeit

Scheinbare Missgunst kann berechtigt sein

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie sich über die Dynamik wundern, die derzeit in Deutschland die Diskussion um Fragen der Gerechtigkeit entwickelt? Schien es noch vor wenigen Jahren mehr wie eine vereinzelt aufflackernde Neiddebatte, sind wir derzeit mitten drin in einer Gerechtigkeitsdiskussion.

Leerer Geldbeutel.
Leerer Geldbeutel. Quelle: ,ZDF

Darf ein Bundespräsident Rabatte in Anspruch nehmen, ja vielleicht sogar einfordern? Wie viel darf ein Manager verdienen? Das alles kann man als Neid abtun, als das missgünstige Schielen auf die Vorteile anderer, die man selbst nicht hat, aber gerne hätte. Moralisch wird der Neid verurteilt, als verwerflich von vielen Religionen gebrandmarkt.

Gierige Gewerkschaften?

Erfolgreicher Geschäftsmann
Manager Boni Typical Quelle: imago

Inzwischen ist in die Diskussion aber auch die objektivierte Betrachtung der anderen Seite getreten: Darf ein Bundespräsident, was ein einfacher Beamter nicht darf? Darf ein Manager 300-mal mehr verdienen als der einfache Angestellte im gleichen Unternehmen? Und aus Neid wird eine Frage der Gerechtigkeit, die moralisch höchst ehrenwert ist.

In der Tat ist es ein Unterschied, ob in Tarifverhandlungen scheinbar einfach mal ein Prozentsatz gefordert wird, "weil mal wieder was fällig ist". Oder ob die Erhöhung konkret verglichen wird mit den errechenbaren Einbußen, die die Beschäftigten über die vergangenen Jahre hinweg durch Lohnverzicht oder steigende Lebenshaltungskosten erlitten haben.

Kommt der Soli-West?

Die Sensibilität der Menschen steigt jedenfalls immer dann, wenn sich Unterschiede und Ungerechtigkeiten im Geldbeutel bemerkbar machen. Lange Jahre waren den Meisten die Einkommen "der oberen Zehntausend" relativ schnuppe, es ging ihnen ja gut. Aber immer mehr Menschen spüren inzwischen, dass ihr Geld zunehmend weniger wert ist: Überdurchschnittliche Strompreiserhöhungen im Zuge der "Energiewende" und Benzinpreise, die nur eine Richtung kennen und die Fahrt zur Arbeit für viele Pendler zum Luxus werden lassen, sind nur zwei Beispiele.

Solidaritätszuschlag
Modul: Reicher Osten - armer Westen? Quelle: imago

Auch die Diskussion um die Verwendung des "Soli" lässt sich vor diesem Hintergrund verstehen: Es ist nicht Neid, der "den Ostdeutschen" den immer noch nötigen Aufbau nicht gönnen will. Sondern es ist eine Frage der Gerechtigkeit und Solidarität, dass man auch die Frage stellen darf, was aus den westdeutschen Kommunen wird. Man kann all das auch als Verteilungskampf verstehen. Immerhin, wir sind mittendrin und die Argumente brauchen moralische Unterfütterung. Dabei wird es spannend sein zu sehen, ob die Gerechtigkeit eine Chance hat.

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