Notruf Organspende

Der verzweifelte Kampf ums Leben

Seit vielen Jahren beklagen deutsche Ärzte eine zu geringe Bereitschaft der Bevölkerung, Organe zu spenden. Der jüngste Skandal um die betrügerische Vergabe von Spendenorganen hat nun diese zu kleine Zahl weiter schrumpfen lassen - und das, obwohl in Deutschland jeden Tag drei Menschen sterben, die mit einem Spenderorgan noch leben könnten. Diese dramatische Situation hat das Gesundheitsministerium zum Handeln gezwungen: Es startet die Kampagne "Das trägt man heute: den Organspendeausweis". Was es mit dieser Kampagne auf sich hat und wer sich daran beteiligt, erklären bei „Peter Hahne“ der Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr und der Olympiasieger im Gewichtheben Matthias Steiner.

Organspendeausweise
Wird die neue Kampagne die Spendenbereitschaft erhöhen? Quelle: imago

Nach jahrelangen Diskussionen darüber, wie die Organspendenbereitschaft der deutschen Bevölkerung zu steigern sei, hat der Deutsche Bundestag im Mai 2012 das Transplantationsgesetz von 1997 novelliert. Es sieht nun vor, dass Bundesbürger zu Lebzeiten sich für – oder gegen - eine Transplantation ihrer Organe nach dem Tod entscheiden sollen. Um ihnen lästige Wege zu ersparen, werden die Krankenkassen verpflichtet, ihren Versicherten Blanko-Spenderausweise zuzuschicken. Hat ein Mensch, bei dem der Hirntod festgestellt wurde, keinen Ausweis ausgefüllt, müssen dessen Verwandte im Sinne des Verstorbenen entscheiden.

Mit dieser „Entscheidungslösung“ hoffen die Abgeordneten, die Zahl der Spendenwilligen deutlich zu steigern. Doch dann wird der nächste Medizinskandal publik: An den Universitätskliniken in Göttingen, Leipzig und Regensburg sowie dem „Klinikum rechts der Isar“ in München sollen Transplantationsmediziner Krankendaten manipuliert haben, damit ihre Patienten bevorzugt eine Spenderleber erhalten. Gegen Dutzende Ärzte wird seitdem ermittelt, einer befindet sich sogar in Untersuchungshaft. Gegen ihn wird unter anderem wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Die Folgen für die Zahl der Organspenden sind dramatisch: Sie ist im Jahr 2012 auf den niedrigsten Stand seit 2002 gesunken – Tendenz: weiter fallend.

Prominente Unterstützung

Als Ursachen, dass ein solcher Skandal überhaupt möglich ist, werden die Vergabepraxis aber auch die Konkurrenz zwischen den Transplantationszentren angesehen. Seit Bekanntwerden der Vorkommnisse werden die Kliniken verstärkt, auch unangemeldet, überprüft. Ab sofort soll es nicht mehr möglich sein, dass ein Arzt allein über die Aufnahme eines Patienten auf die Transplantationsliste entscheidet, es gilt nun das Sechs-Augen-Prinzip. Darüber hinaus sind in Bayern zwei Transplantationszentren geschlossen worden.

Ergänzt werden seit Juni 2013 diese Maßnahmen durch eine Kampagne des Gesundheitsministeriums und der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“, durch die das verloren gegangene Vertrauen der Bevölkerung wieder hergestellt werden soll. Unterstützt wird sie von namhaften Sportlern und Künstlern wie dem Schauspieler und "Tatort"-Kommissar Klaus J. Behrendt, Biathlon-Olympiasiegerin Kati Wilhelm, Fernsehmoderator Markus Lanz und dem Olympiasieger im Gewichtheben Matthias Steiner. Sie stehen gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr hinter der Aktion mit dem Motto "Das trägt man heute: den Organspendeausweis". Vielleicht kann so die Zahl der Spender erhöht und die Warteliste verkürzt werden. Auf ihr stehen aktuell etwa 12.000 Schwerkranke, die dringend ein Spenderorgan benötigen, und noch immer sterben in Deutschland jeden Tag drei Menschen, die durch eine Organspende hätten gerettet werden können.

Die Gäste der Sendung

Matthias Steiner beim Gewichtheben
Matthias Steiner Quelle: dpa

Matthias Steiner wird 1982 in Wien geboren. Bereits als Jugendlicher kommt er zum Gewichtheben und entwickelt sich zu einem der besten österreichischen Nachwuchsheber. Dem Leistungssport bleibt er auch nach seiner Ausbildung zum Gas- und Wasserinstallateur treu. Nachdem er 2004 seine Frau Susann aus Sachsen kennengelernt und 2005 geheiratet hat, beantragt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Nur zwei Jahre später wird seine Frau bei einem Verkehrsunfall so schwer verletzt, dass sie im Krankenhaus stirbt. Bis zu ihrem Tod bleibt er an ihrem Bett sitzen. Dann der Schock: Der behandelnde Arzt fragt ihn, ob er mit einer Organentnahme bei seiner Frau einverstanden sei – sie hatte keinen Spenderausweis. Nachdem er seine erste Entrüstung hinuntergeschluckt hat, stimmt er zu; eine Entscheidung, über die er heute noch froh ist: „Ich habe das Feedback bekommen, dass ein Mensch wieder sehen konnte nach einer Transplantation.“

Im Frühjahr 2008 wird der nun deutsche Sportler Steiner Europameister und im August des gleichen Jahres überlegen Olympiasieger in Peking. Den Sieg widmet er vor laufenden Kameras seiner verstorbenen Frau – einer der emotionalsten Momente dieser Olympischen Spiele. Auch die Fernsehmoderatorin Inge Posmyk ist von dieser Szene sehr beeindruckt. Sie lernt ihn kennen, und zwei Jahre später heiraten sie. Vorher kann Steiner 2010 noch den Weltmeistertitel erringen, verletzt sich allerdings bei der versuchten Titelverteidigung während der Olympischen Spiele 2012. Ein Jahr später tritt er vom aktiven Wettkampfsport zurück.

Daniel Bahr
Daniel Bahr Quelle: imago

Daniel Bahr wird 1976 in Lahnstein geboren. Nach dem Abitur 1996 absolviert er eine Lehre zum Bankkaufmann, der er ein VWL-Studium in Münster folgen lässt. Anschließend kehrt er in seine Bank zurück und arbeitet als Finanzberater sowie Firmen- und Kundenbetreuer. Seit 2003 ist er ohne Bezüge beurlaubt.

1992 wird Daniel Bahr Mitglied der FDP, 1998 rückt er in deren Bundesvorstand auf. Von 1999 bis 2004 ist er Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen, und 2010 wird er zum Landesvorsitzenden der Liberalen in Nordrhein-Westfalen gewählt. Seit 2002 ist er Mitglied des Bundestags, in dem er von 2005 bis 2009 die Position des gesundheitspolitischen Sprechers seiner Fraktion übernimmt. Zwischen 2009 und 2011 fungiert Bahr als Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Gesundheit, 2011 wird er selbst zum Gesundheitsminister ernannt.

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